Ehemaliger Hüttenwirt in Sexten aufgewachsen

Volkskultur und “Klingendes Österreich”: TV-Abschied von Sepp Forcher

Montag, 16. März 2020 | 10:15 Uhr

Er hat den Zuschauern die Natur und Volkskultur des Landes näher gebracht: Sein “Klingendes Österreich” hat ORF-Moderatorenlegende Sepp Forcher über Jahrzehnte hinweg zum verlässlichen Begleiter in den heimischen TV-Wohnzimmern gemacht. Nun steht die 200. und gleichzeitig letzte Ausgabe des Erfolgsformats für Forcher, der im Dezember 90 wird, an. Das Ende einer Ära.

Dabei war die Fernsehkarriere des gebürtigen Römers eine höchst unwahrscheinliche – quasi vom Hüttenwirt zum TV-Star. Sepp Forcher, der am 17. Dezember 1930 als Giuseppe Forcher in der italienischen Hauptstadt zur Welt kam und in Sexten (Südtirol) aufgewachsen ist, hat schon in seiner Kindheit die Eltern bei der Arbeit in den Bergen unterstützt. Seit 1940 lebte die Familie in Salzburg, wo man im Tennengebirge eine Hütte bewirtschaftete. Forcher selbst ging mit knapp 20 Jahren nach Kaprun, wo er zunächst bei den Tauernkraftwerken beschäftigt war.

Den Bergen blieb er auch in der Folge verbunden, als er u. a. als Bergsteiger und Mineraliensucher tätig war. Der familiären Leidenschaft folgend, übernahm Forcher schließlich mit Mitte 20 die Pacht einer Schutzhütte in Großarl. Zu dieser Zeit heiratete er auch seine Frau Helene, die ihn stets tatkräftig unterstützte und auch in der späteren Karriere ihres Mannes eine wichtige Begleiterin wurde. Zuvor folgten aber weitere Hütten am Untersberg und am Dachstein, denen sich Forcher widmete, bevor er Anfang der 1970er-Jahre den Platzlkeller in Salzburg übernahm.

Wenige Jahre später begann schließlich seine Arbeit für den ORF mit Radiosendungen wie “Ins Land einischaun” oder “Mit’m Sepp ins Wochenende”. Der große Durchbruch folgte schließlich mit dem Format “Klingendes Österreich”, das 1986 erstmals auf Sendung ging. Mehr als 30 Jahre und bald genau 200 Sendungen später ist die prägnante Titelmelodie ebenso fixer Bestandteil der heimischen TV-Landschaft wie die jede Folge prägende Abwechslung von musikalischen Darbietungen lokaler Gruppen und den prächtigen Naturaufnahmen des Landes.

Den Abschluss für Forcher bildeten im Vorjahr die Aufnahmen am Wiener Cobenzl. Für “Die große Liebe – Mein klingendes Österreich” war der Moderator aber in allen Bundesländern sowie seiner Südtiroler Heimat unterwegs, um nochmals die schönsten Bilder und Töne einzufangen. Dass er von sich selber aufhöre sei “ganz unösterreichisch”, wurde Forcher zu diesem Anlass vom ORF zitiert. “Ich brauche mir von niemanden sagen lassen, ‘Sepp lass bleiben, es ist genug’. Der Sepp sagt sich das selber. Und zwar nicht im Sinne eines Bedauerns, sondern voller Freude, dass es mir eben gelungen ist, 200 Mal das zusammenzubringen.” Zu sehen ist die Abschiedsfolge am 21. März um 20.15 Uhr auf ORF 2.

Insgesamt waren bei “Klingendes Österreich” rund 2.000 Volkslied- und Volksmusikgruppen zu erleben, die Forcher bei seinen Wanderungen durch Österreich, Bayern und Südtirol vor entsprechender Kulisse zum musikalischen Austausch traf. Für seine langjährige Moderationstätigkeit wurde er auch mehrfach ausgezeichnet: 1999 erhielt er den Rene-Marcic-Preis, der vom Land Salzburg für publizistische Leistungen vergeben wird. 1993 gewann er eine Goldene Romy. Und über die Jahre hinweg sind auch mehrere Bücher von Forcher erschienen, zuletzt “Das Salz in der Suppe – Vom großen Wert der kleinen Dinge” (2018).

Forcher: “Ich hab mich nie für ‘Klingendes Österreich’ beworben”

Er gilt als eines der letzten Urgesteine der heimischen Fernsehunterhaltung. Doch mit der Ausstrahlung der 200. und letzten Ausgabe von “Klingendes Österreich” am 21. März (ORF 2, 20.15 Uhr) ist für Sepp Forcher endgültig Schluss. Von einem Pensionsschock ist der 89-Jährige aber weit entfernt, wie er im APA-Interview sagt. “Wenn man so lange beruflich tätig ist, bleibt im Leben ja vieles hinten.”

Das Aufhören falle ihm darum leicht. “Ich wollte den Schlussstrich schon viel früher ziehen. Aber 200. Sendung, 90. Lebensjahr – das passt genau zusammen. Und es gibt noch genug zu tun.” Vor allem reisen wollen Forcher und seine Frau Helene, die alle nur Helli nennen, noch. “Wenn uns der Herrgott die Gesundheit lässt. Und nicht mehr in die Ferne.” So werden manche Wünsche unerfüllt bleiben. “Wären wir zehn Jahre jünger, würden wir nach Patagonien fahren, zum Cerro Torre, wo mein Freund Toni Egger 1959 tödlich abgestürzt ist.”

Dass es seine Sendung in dieser Form nicht mehr geben wird, stört Forcher nicht. “Aber jedes neue Format, das den Patriotismus, also die Freude an Österreich, aufrecht hält, ist es wert gebracht zu werden.” Ein etwaiger Nachfolger müsse aber mehr als nur ein guter Moderator sein. “Da gehört auch das Wissen dazu, das Hirn.” Das sagt einer, der selbst nur die Volksschule besucht und sich sein beachtliches Wissen später selbst erlesen hat. “Meine Eltern waren Hüttenwirte. Die Gäste haben immer wieder Zeitschriften und Bücher auf die Hütte getragen.” Namen, Jahreszahlen, historische Zusammenhänge – das sitzt bei Forcher alles sattelfest.

“Die Sendung war so erfolgreich, weil sie altmodisch und langsam war. Es gibt einen alten italienischen Bergsteiger-Spruch. Wer langsam geht, geht gut. Wer gut geht, geht weit.” Das treffe auch auf “Klingendes Österreich” zu. “Mein Hauptinteresse war immer, die Schönheit Österreichs zu zeigen. Landschaft, Kultur, Kirchen – und natürlich die Volksmusik. Österreich ist mehr als nur das Neujahrskonzert mit dem Radetzkymarsch.”

Dabei ist Forcher privat eigentlich bei der symphonischen Musik daheim, wie er sagt. Er habe als Laie begonnen und sich im Laufe des Lebens durch die Klassik gearbeitet. Beethoven, Mozart, Haydn, Boccherini, Berg, aktuell Bruckner. “Mit Volksmusik habe ich mich lange nicht beschäftigt. Ich habe sie aber immer gewürdigt. Mich hat es gefreut, wenn Menschen gesungen und musiziert haben. Ohne Blasmusik, ohne Schützen, ohne Familienmusiken – da wär Österreich arm.” Forcher, der selbst nie ein Instrument gespielt hat, wurde zu einem der wichtigsten Fürsprecher traditioneller Volksmusik. “Da muss man aufpassen, dass keine Irrtümer passieren.”

Irrtümer, das ist für ihn die volkstümliche Musik in all ihren Varianten, der Schlager und der Kitsch. “Ich respektiere das. Ich will auch keine Namen nennen. Aber da geht es oft nur um den Geschäftserfolg.” Wenn er früher das Wunschkonzert im Radio moderiert hat, habe er sich lange geweigert, die Wünsche der Anrufer musikalisch zu erfüllen. “Ein frei formulierter Glückwunsch ist doch mehr wert als ein Schlager.” Aber der Druck “von oben” sei dann zu groß geworden. “Wenn dann wer ‘Eine Herde weißer Schafe’ oder ‘Der schwarze Sand von Santa Cruz’ hören wollte, habe ich einfach den Regler zugemacht.” Ihm seien die wunderbaren, reinen, schönen Volkslieder immer schon lieber gewesen.

In der Stube seines Hauses in Salzburg-Liefering erzählt Forcher, wie aus dem Hütten- und Gastwirt der Radio- und TV-Moderator wurde. Wie er zunächst sporadisch Beiträge fürs Radio gestaltete und nach dem Unfalltod seines Sohnes Peter im Jahr 1976 den damaligen Intendanten des ORF-Landesstudios Salzburg um einen Job gebeten hat. Es folgten weit über tausend Sendungen fürs Radio, zum Fernsehen wollt er nie. “Das hat sich so ergeben. Ich hab mich nie für ‘Klingendes Österreich’ beworben.”

Er sei damals nur einer von zwei Kandidaten aus Salzburg geworden, weil er gegen den anderen ohnehin keine Chance sah. “Das war der Bertl Göttl, der stand damals kurz davor Landesrat zu werden. Das wusste zwar der Intendant, ich aber nicht.” Tatsächlich einigte sich der ORF schließlich auf Forcher. “Am nächsten Morgen hat mich der Intendant gefragt, ob ich nicht auf ein Glaserl zu ihm kommen will. Da hab ich mir gedacht, wenn der Intendant am Vormittag freigiebig mit dem Wein umgeht, da stimmt etwas nicht.”

Zum ersten Treffen mit den zuständigen Redakteuren sei er in seinem schäbigsten Rock gekommen. “Ich habe gesagt: Die Themen, die suche ich mir aus. Und geredet wird das, was ich sage. Und geredet wird, wie ich jetzt red’. Auch wenn mich die Leute deswegen oft für einen Primitivling gehalten haben.” Nur die Auswahl der Musiker für die Sendung habe er Leuten überlassen, die mehr davon verstanden haben. “Meine Texte waren alle aus dem Stegreif, darauf bin ich stolz.” Und bei jeder Sendung stand Gattin Helli mit einem Glücksbringer zur Seite, einem Bergkristall in ihrer Hand. “Damit er sich nicht verred’.” “Ich war überzeugt, dass die Sendung nach einem Jahr abgewürgt wird”, erinnert sich Forcher. “Aber die Quoten und Kritiken waren gut.”

Vater und Großvater waren Bergführer, und auch aus Forcher entwickelte sich ein guter Alpinist. 32 Mal stand er auf dem Gipfel des Großglockners. “Und ich werde wohl 50 der 82 Viertausender in den Alpen bestiegen haben, etliche davon mehrfach.” Er führte auf das Matterhorn, durchstieg die Dachstein-Südwand und die Pallavicini-Rinne am Großglockner alleine. “Aber das ist für mich bedeutungslos geworden, auch wenn ich mir das früher nicht vorstellen konnte.” Seine bergsteigerische Laufbahn sei in Ermangelung von etwas anderem passiert. “Das war für mich die billigste Art, mich zu beweisen. Steigeisen und Eispickel habe ich gehabt, und umgehen habe ich damit können.” Dafür litten andere Fertigkeiten: “Drei Sachen in meinem Leben kann ich mit Gründlichkeit nicht. Tanzen, Schwimmen und Radfahren: Auf den Bergen lernt man das nicht.”

Aus dieser Zeit stammt auch sein Markenzeichen: Der Vollbart wächst seit 1962. Notgedrungen. Auf der Hütte gab das Stromaggregat den Geist auf, das tägliche elektrische Rasieren fiel weg. “Die Leute haben Fidel Castro zu ihm gesagt”, wirft Helli ein, “oder Andreas Hofer.” Den Umgang der Menschen mit der alpinen Landschaft sehen beide heute ziemlich pragmatisch. Neue Speicherseen für die Pistenbeschneiung, Liftanlagen, Chaletdörfer und Aussichtsplattformen seien kein großes Übel. “Ich war immer ein Befürworter der Seilbahnen. Weil ich am Untersberg erlebt habe, wie alte Salzburger Bergsteiger geweint haben vor Freude. Die haben geglaubt, die kommen da nie wieder hinauf.”

Angst vorm Sterben habe er schon lange nicht mehr. “Ganz im Gegenteil”, sagt Forcher – und stimmt gemeinsam mit Helli die letzten Zeilen des Südtirol-Lieds an. “Und wenn dann einst, so leid mir’s tut, mein Lebenslicht erlischt, freu ich mich, dass der Himmel auch schön wie die Heimat ist.”

(Das Gespräch führte Fritz Neumüller/APA)

Von: apa

Bezirk: Pustertal

Kommentare

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5 Kommentare auf "Volkskultur und “Klingendes Österreich”: TV-Abschied von Sepp Forcher"


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Anderrrr
Anderrrr
Superredner
12 Tage 18 h

Gib wichtigere news zurzeit….

rantanplan
rantanplan
Grünschnabel
12 Tage 15 h

willst du nur noch coronanews hören….
gott sei dank gibt es auch noch nachrichten die einen nicht nur runterziehen
für die generation 80+ ist sepp forcher so ziemlich das beste…die reisen übers land waren interessant, für mich persönlich diemoderation leider etwas zu schläfrig

Guri
Guri
Superredner
12 Tage 18 h

Danke für alles , Herr Forcher Sepp . deine Sendungen sind das was man unter es Heimelt versteht

Dagobert
Dagobert
Universalgelehrter
12 Tage 18 h

Lieblingssendung von meinen Eltern und sie sein riesengroße Fan’s vom Sepp Forcher 👍

was bin ich
was bin ich
Neuling
12 Tage 15 h

Ein großer Puschtra Bui. Danke Sepp.

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