In den vergangenen Monaten wurde es ruhiger um Heltau

Vom Burg-Doyen zum Bluntschli: Michael Heltau wird 85

Donnerstag, 05. Juli 2018 | 09:28 Uhr

Ein Meister aller Klassen, ein Schauspieler, dem in seiner langen Karriere das Kunststück gelang, die großen Rollen der Theaterliteratur ebenso zu verkörpern wie Musicalpartien und sich als Chansonnier sowie Entertainer in die Herzen seines Publikums zu singen: Michael Heltau. Am Donnerstag wird der Doyen des Wiener Burgtheaters nun 85 Jahre alt, auch wenn die großen Feiern ausbleiben.

So wurde es in den vergangenen Monaten ruhiger um den großen Schauspieler, der im November 2017 noch mit seinem sage und schreibe 34. Soloprogramm, “Einen blauen Ballon möcht’ ich haben…”, Premiere an der Burg gefeiert hatte. Am 29. Dezember starb dann aber im Alter von 91 Jahren sein jahrzehntelanger Lebenspartner, der niederländische Regisseur und Autor Loek Huisman, der dramaturgisch auch für Heltaus große Soloabende verantwortlich gezeichnet hatte.

Auch wenn er später zum Publikumsliebling in Österreich aufsteigen sollte, wurde Michael Heltau doch in Deutschland geboren, wo er am 5. Juli 1933 als Heribert Michael Huber im bayerischen Ingolstadt das Licht der Welt erblickte. In der Obhut von Großeltern und Urgroßeltern verbrachte er seine Kindheit und übersiedelte bereits 1939 nach Seewalchen am Attersee, wo der Vater Arbeit beim Autobahnbau gefunden hatte. Er besuchte das Gymnasium in Gmunden, wurde 1945 mit der Familie aus Österreich ausgewiesen und maturierte in Ingolstadt. Der Schauspielerin Käthe Dorsch war sein mimisches Talent bereits bei einer Kindertheateraufführung aufgefallen, und so stolperte der geförderte Bub rasch in den Schauspielerberuf, für den er wie geschaffen schien.

Von 1951 bis 1953 besuchte Heltau das Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Sein erstes Engagement erhielt er dann aber wieder in der alten Heimat, nämlich 1953 am Stadttheater Würzburg, 1954 kam er an das Bayerische Staatsschauspiel München und 1956 kehrte er zurück nach Wien, konkret an die Josefstadt. Von 1964 an wirkte Heltau bei den Salzburger Festspielen mit (1973 stand er etwa in Giorgio Strehlers berühmt gewordener Shakespeare-Collage “Das Spiel der Mächtigen” auf der Bühne).

1967 schließlich debütierte Heltau am Burgtheater – ein entscheidender Schritt in der Karriere des Künstlers, wurde er doch 1972 Ensemblemitglied des Hauses, dessen Ehrenmitglied er seit 2003 ist. Da war es schon zehn Jahre her, dass er zum bis dato jüngsten Doyen des Burgtheaters gekürt worden war. Nominiert vom künstlerischen Leiter in Absprache mit der Bundestheaterholding, dem künstlerischen Betriebsrat und der Ensemblevertretung kann dieser Ehrentitel einem Schauspieler zuteilwerden, der mindestens zehn Jahre am Haus ist, das 50. Lebensjahr vollendet und hervorragende künstlerische Leistungen als Ensemblemitglied erbracht hat.

Und diese herausragenden Leistungen hatte Heltau, der 1968 die Österreichische Staatsbürgerschaft verliehen bekam, in nahezu allen großen Rollen der klassischen Theaterliteratur erbracht – vom Romeo über den Hamlet, vom Don Carlos über den Anatol bis zum Wallenstein und dem Jago in Shakespeares “Othello”, der 1982 in München unter der Regie des von ihm geschätzten Peter Palitzsch zu einem der wenigen Flops seiner Karriere wurde. Zugleich fasste Heltau aber auch zunehmend Fuß auf der Musicalbühne: Im Udo-Jürgens-Musical “Helden, Helden” spielte er ab 1972 den Bluntschli im Theater an der Wien. Den Professor Higgins aus “My Fair Lady” verkörperte er an der Wiener Volksoper (die ihm 2004 die Ehrenmitgliedschaft verlieh) ebenso wie 1995 den “Hamlet” in der Opernversion des Shakespeare-Stücks von Ambroise Thomas oder den alternden Lebemann Honore Lachailles in “Gigi” (1999).

Unter dem neuen Burgtheaterdirektor Claus Peymann reihte sich Heltau zunächst in die Riege der karenzierten Burgmimen ein, hatte dann aber in Gorkis “Kinder der Sonne”, in Pirandellos “Heinrich IV.” und als Tschechows “Onkel Wanja” Erfolge. 1994 spielte er im Haus am Ring unter der Regie des von ihm verehrten Strehler, für den er 1986 als Mackie Messer das Wagnis einer französischsprachigen “Dreigroschenoper” in Paris eingegangen war, den Cotrone in Luigi Pirandellos “Die Riesen vom Berge”, 1999 im Akademietheater an der Seite von Kitty Speiser “Das Spiel ums Baby” von Edward Albee. 2004 trat er in “Love Letters” das letzte Mal in einem Theaterstück auf.

Seither gewann der zweite Karrierestrang Heltaus als Chansonnier und Entertainer die Oberhand, der 1965 mit einer Sprechplatte begonnen hatte – einer Aufnahme des Soloabends mit “Werthers Leiden”, dem weitere Aufnahmen wie “Heltau singt Brel” folgten. Auf der Bühne feierte er vor allem mit den gemeinsam mit seinem Lebenspartner Loek Huisman konzipierten Programmen “Auf d’Nacht, Herr Direktor”, “Aber jetzt, Herr Direktor”, “Noch einmal, Herr Direktor” oder “Im Rampenlicht” große Erfolge. Seine Auftritte und Tourneen machten den Chansonsänger weit über die Theaterszene hinaus bekannt.

Von 1976 bis 1988 präsentierte er die ZDF-Reihe “Liedercircus”. Arbeiten für Film und Fernsehen befriedigten den in Wien lebenden Schauspieler aufgrund des mangelnden Publikumskontaktes dennoch nie wirklich und blieben daher überschaubar. Unter den zahlreichen Rollen (und Theaterdirektionen), die er in seiner Karriere ablehnte, befindet sich auch die des Doktor Brinkmann in der Fernsehserie “Schwarzwaldklinik”. Dass er andernfalls nie mehr eine Bühne betreten könne, ohne, dass das Publikum den weißen Arztmantel dazu imaginiere, hatte er rechtzeitig erkannt.

Schon als junger Schauspieler in den 1970er-Jahren mit dem Karl-Skraup-Preis und der Kainz-Medaille ausgezeichnet, nahm er auch den Goldenen Rathausmann der Stadt Wien entgegen und wurde 1986 zum österreichischen Kammerschauspieler ernannt. 2001 erhielt Heltau das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse, 2005 den “Nestroy” für sein Lebenswerk und 2006 wurde ihm das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen. 2008 verlieh ihm die Wiener Mozartgemeinde, deren Präsident er viele Jahre hindurch gewesen ist, den Mozart-Ring. 2010 erhielt Heltau den eigens für Ehrenmitglieder des Hauses geschaffenen Burgtheater-Ring, dem sich 2014 vom Ensemble der Ehrenring der Kollegenschaft anschloss.

Und zum Anlass des halbrunden Geburtstages würdigt nun auch der ORF das reife Geburtstagskind am Sonntag in der “Matinee” um 9.05 Uhr auf ORF 2. In der Dokumentation “Michael Heltau – Alles für die Bühne” werden von Michael Bukowsky und Angelina Tichy die Karrierestationen des Schauspielers von Wien über Würzburg, von München über Berlin und zurück nach Wien nachgezeichnet. Zuvor ist um 8.15 Uhr auf Ö1 in einer Aufnahme aus dem Jahr 1991 Heltau beim Gedichte-Rezitieren von u.a. Eichendorff, Hebbel und Christine Busta zu hören, um 14.05 Uhr sind ihm die Ö1-“Menschenbilder” gewidmet. In der Woche darauf (8. Juli) würdigt ORF III mit einem Gespräch (“KulturWerk: Michael Heltau”) und einer Dokumentation (“Michael Heltau – Mit Charme und Seele”) den Jubilar. Und wer Zugang zum TV-Sender Heimatkanal hat, kann am kommenden Donnerstag in reichlich Nostalgie schwelgen, wenn es im Spielfilm “Schloss Hubertus” aus dem Jahr 1954 ein Wiedersehen mit dem jungen Heltau als Maler Forbeck an der Seite der ebenfalls noch jungen Marianne Koch als Geislein gibt.

Von: apa