Chronologie eines Sensationsfundes

30 Jahre “Ötzi”: Der Mann aus dem Eis zieht museal noch immer

Mittwoch, 15. September 2021 | 08:05 Uhr

Bozen – Er ist das mit Abstand berühmteste Exponat und der “Superstar” des Südtiroler Archäologiemuseums in Bozen – “Ötzi”, der Mann aus dem Eis. Zum 30-jährigen Jubiläum zieht die Gletschermumie wie eh und je, das Interesse an “Ötzi” ist ungebrochen, sagte Direktorin Angelika Fleckinger im APA-Gespräch. Derzeit wird nach einem neuen Standort gesucht.

Die Besucherzahlen hätten sich im August dieses Jahres in etwa auf demselben Niveau bewegt wie 2019 – und damit vor der Coronapandemie, verdeutlichte Fleckinger, dass “Ötzi schauen” nach wie vor mehr als angesagt ist. Auch die Verpflichtung, dass Besucher nur mit einem Grünen Pass ins Museum dürfen, habe dem Interesse keinen Abbruch getan.

Auf einen Festakt zum 30-jährigen Jubiläum habe man wegen Corona verzichtet, erklärte Fleckinger. Stattdessen gebe es am 18. und 19. September ein Fest mit experimenteller Archäologie auf den Talferwiesen in Bozen und freien Eintritt im Museum. Auch das Schnalstal, zu dem der Fundort der Gletschermumie gehört, organisiert ein Zeitzeugentreffen auf Schloss Juval. Die Europäische Akademie Eurac, an der ein Institut für Mumienforschung eingerichtet wurde, wird zudem einen Online-Kongress organisieren.

Unterdessen platzt das Archäologiemuseum, in dem die wohl berühmteste Mumie der Welt ausgestellt wird, aus allen Nähten. Derzeit wird nach einem neuen Standort gesucht. Dazu hat ein von der Südtiroler Landesregierung beauftragtes Unternehmen eine Erhebung gemacht. Vorgeschlagen wird darin das ehemalige ENEL-Gebäude in der Nähe der Drususbrücke. Man habe dieses Areal nicht auf dem Schirm gehabt, meinte die Direktorin des “Ötzimuseums”. Dabei eigne es sich hervorragend.

Für Fleckinger sind nicht nur die Zentrumsnähe, die Nähe zu zahlreichen Einrichtungen wie dem Museion Bozen, dem Stadttheater und der Eurac ein Pluspunkt. Das historische Gebäude verfüge über eine größere Freifläche, die gestaltet werden könnte. Und die Direktorin denkt bereits weiter. Sie könnte sich eine Museumsmeile entlang der Talferwiesen vorstellen, betonte sie. Die Landesregierung wird, so erwartete die Direktorin, zeitnah eine Entscheidung treffen.

Auch der Tiroler Immobilieninvestor Rene Benko mischt nach wie vor im “Wettrennen” um einen neuen Standort mit. Benkos Projekt beinhaltet die Unterbringung in einem futuristischen Bau am Virgl. In knapp zwei Minuten sollen die Besucher vom Bahnhofsbereich aus mit einer Seilbahn auf Bozens derzeit verlassenen Hausberg fahren können. Das Projekt dazu stammt vom norwegischen Architektenteam Snohetta und umfasst den Museumsbereich, ein Restaurant, eine Konzertarena und die Bergstation der Seilbahn. Die über 5.000 Jahre alte Gletschermumie soll in einer Glaskuppel ausgestellt werden.

Die Chronologie eines Sensationsfundes

Vor 30 Jahren – am 19. September 1991 – entdeckten deutsche Bergsteiger im Südtiroler Teil der Ötztaler Alpen eine mehr als 5.000 Jahre alte Gletscherleiche, die als “Ötzi” berühmt wurde. Eine Chronologie der Ereignisse:

19. September 1991: Das deutsche Ehepaar Erika und Helmut Simon entdeckt in 3.210 Metern Seehöhe im Bereich des Tisenjoch (Ötztaler Alpen) eine Leiche, von der sie annehmen, dass es sich um einen Bergsteiger handelt.

20. September 1991: Ein erster Bergungsversuch scheitert am schlechten Wetter. Bei den Arbeiten wird die linke Hüfte des Toten beschädigt.

21. September 1991: Die beiden Bergsteiger Reinhold Messner und Hans Kammerlander kommen zufällig an der Fundstelle vorbei. Bei der Begutachtung der Gletscherleiche vermutet Messner, dass es sich um einen Toten aus dem Mittelalter handeln könnte.

22. September 1991: Bergretter wollen den Körper für die am folgenden Tag vorgesehene Bergung vollständig freilegen. Sie sammeln die losen Funde ein und packen sie in einen Plastiksack.

23. September 1991: Unter der Leitung eines Gerichtsmediziners wird die Leiche mit Eispickel und Skistock geborgen, Archäologe ist keiner dabei. Die Leiche wird auf Anordnung der Staatsanwaltschaft in die Innsbrucker Gerichtsmedizin gebracht.

24. September 1991: Innsbrucker Ur- und Frühhistoriker datieren nach Begutachtung der Ausrüstung der Gletscherleiche den Fund in die frühe Bronzezeit, das Alter des Toten wird auf mindestens 4.000 Jahre geschätzt.

2. Oktober 1991: Nach heftigem Streit bringt eine amtlich angeordnete Neuvermessung des Grenzverlaufes Gewissheit: Der Fundort befindet sich 92,56 Meter von der Staatsgrenze entfernt auf Südtiroler Boden.

3. Oktober 1991: Erste archäologische Untersuchung der Fundstelle des “Mannes aus dem Eis”.

21. Februar 1992: “Ötzi” ist deutlich älter als bisher vermutet: Radiokarbon-Untersuchungen ergeben, dass die Eisleiche rund 5.300 Jahre alt ist und aus der Jungsteinzeit stammt.

20. Mai 1992: Der Tiroler Landtag beschließt die Einrichtung eines eigenen Ötzi-Forschungsinstitutes an der Uni Innsbruck.

3. Juni 1992: Wissenschafter aus aller Welt nehmen am ersten “Internationalen Eismann-Symposium” teil. Mit der Forderung nach Finderlohn durch das Ehepaar Simon beginnt ein jahrelanger Rechtsstreit.

20. Oktober 1992: Ötzi schafft es auf das Cover des amerikanischen Nachrichtenmagazins “Time”.

3. März 1993: In der Wissenschaftszeitschrift “Nature” üben Kommentatoren harte Kritik und bemängeln Schlampereien bei der Bergung sowie Versäumnisse und Verzögerungen bei der Untersuchung des Eismanns.

1994: Wissenschafter untersuchen mit Röntgen, Computertomographie und der Entnahme von Gewebeproben das Innenleben der Gletschermumie.

16. Jänner 1998: Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen wird die Mumie in einem speziellen Kühltransporter von Innsbruck nach Bozen überführt, wo für dessen Präsentation eigens ein Archäologiemuseum eingerichtet wurde.

28. März 1998: Das Archäologiemuseum in Bozen wird eröffnet. Durch Sicherheitsglas können Besucher einen Blick auf die Mumie werfen, die in einer speziellen Kühlzelle bei minus sechs Grad und 98 Prozent Luftfeuchtigkeit aufbewahrt wird.

Juli 2001: Wissenschafter entdecken bei Röntgenuntersuchungen eine bis dahin nicht bekannte Pfeilspitze im linken Schulterbereich. Ötzi war von hinten angeschossen worden.

Dezember 2003: Nach konstantem Gewichtsverlust erhält Ötzi eine neue, verbesserte Kühlzelle.

September 2006: Die durch die Pfeilspitze verursachte Verletzung einer großen schulternahen Arterie stellt sich als Todesursache von Ötzi heraus.

3. März 2009: Nach einem 48 Stunden dauernden Fotoshooting sind hochauflösende Fotos der Gletschermumie auch in 3D im Internet abrufbar (http://www.icemanphotoscan.eu/).

30. August 2010: Nach jahrelangem Rechtsstreit erhält Finderin Erika Simon (ihr Mann ist inzwischen verstorben) einen Finderlohn in Höhe von 175.000 Euro.

28. Februar 2011: Unter dem Titel “Ötzi hoch 20” öffnet eine Sonderausstellung rund um den Mann aus dem Eis im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen ihre Pforten.

Februar 2012: Es wird bekannt, dass “Ötzi” eine genetische Veranlagung für Herz-Kreislauf-Erkrankungen hatte, an der von Zecken übertragenen Infektionskrankheit Borreliose litt und keine Milch vertrug.

Mai 2012: Wissenschafter entdecken an der Mumie rote Blutkörperchen – der angeblich älteste Nachweis von Blut überhaupt.

April 2016: Das Südtiroler Archäologiemuseum entwickelt eine 1:1-Kopie von Ötzi. Die Replik aus Harz ist auf Basis von Computertomographie-Bildern der Mumie erstellt worden.

Dezember 2017: Der prähistorische Rachethriller “Der Mann aus dem Eis” zeichnet die möglichen letzten Tage im Leben von Ötzi nach und erscheint im Kino.

Mai 2018: Es wird bekannt, dass “Ötzi” gleich drei Verkalkungen im Herzbereich hatte.

Von: apa

Bezirk: Bozen

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

2 Kommentare auf "30 Jahre “Ötzi”: Der Mann aus dem Eis zieht museal noch immer"


Sortiert nach:   neuste | älteste | Relevanz
nuisnix
nuisnix
Universalgelehrter
7 Tage 20 h

Wer würde sich freiwillig als (gestorbener) Mensch in eine Glaskammer sperren lassen – als Objekt zur allgemeinen Belustigung – und um “museal zu ziehen”???

inni
inni
Universalgelehrter
7 Tage 20 h

i muaß schun sogn: Er hot sich guat gholtn 😜

wpDiscuz