Akteure uneins über Gletscherschwund

Akteure uneins in Sachen Gletscherschwund und Skitourismus

Sonntag, 02. Mai 2021 | 08:05 Uhr

Das Klima wandelt sich und die Gletscher sind auch in der Periode 2019/20 weiter geschrumpft – das belegt der vom Österreichischen Alpenverein kürzlich präsentierte Gletscherbericht. “Es ist ein fortschreitender, gar unaufhaltsamer Prozess”, meinte dazu Georg Kaser, Ex-Dekan der Fakultät für Geo- und Atmosphärenwissenschaften, nun im Ruhestand, im APA-Gespräch. “Es kommt oft anders als man denkt”, meinte hingegen Jakob Falkner, Geschäftsführer der Bergbahnen Sölden.

Den Skisport der Zukunft sah Falkner gegenüber der APA durchaus positiv, alle Branchen würden sich verändern. Kritik an Seilbahnwirtschaft und Tourismus in Sachen Umweltschutz und Klimawandel bezeichnete er als “Stellvertreterkrieg”. Vielmehr müssten dahingehend die Hausaufgaben bei großen Themen wie Verkehr und Wohnen gemacht werden, mahnte Falkner ein. “Die Seilbahnen sind nicht das Problem”, so der Geschäftsführer, der sich an “herausposaunten Weltuntergangsszenarien” stieß. Jahrzehntelange globale CO2-Emissionen habe kleinen Gletschern, wie jenen in den Ostalpen, bereits “den Todesstoß versetzt”, meinte indes Kaser. “Ein Großteil der Gletscher in den Alpen wird bereits beim derzeitigen Klima verschwinden”. Die Forderung des Alpenvereins nach einer rechtlichen Neudefinition des Schutzes hochalpiner Flächen sah Gletscherforscher Kaser differenziert: “Die Gletscher rechtlich zu schützen – das geht nicht mehr”.

“Gletscherschutz bedeutet: Schutz ohne Wenn und Aber”, hatte Alpenvereins-Vizepräsidentin Ingrid Hayek im Zuge der Präsentation des Gletscherberichts Anfang April gefordert. Jetzt habe man einen “Gletscherschutz, von dem Skigebiete ausgenommen sind”. Nachdem 1991 der absolute Schutz der Gletscher, der Gletschervorfelder und der Moränen in Tirol gesetzlich verankert und damit jede skitechnische Erschließung von Gletschern und ihren Einzugsgebieten verboten worden war, wurde der umfassende Schutzstatus 2004 wieder aufgehoben. “Wir wirtschaften nachhaltig und haben die nächste Generation im Blick”, meinte hingegen Falkner, “wir denken langfristig und nicht in Quartalen”: “Seilbahnen sind heute sehr umweltfreundlich”. Früher seien Bahnen noch mit Dieselaggregaten betrieben worden, erinnerte der Seilbahner.

“Zur Erhaltung der Gletscher wird viel getan”, betonte auch Seilbahn-Chef und Nationalratsabgeordneter Franz Hörl (ÖVP) im APA-Gespräch, man sei “ständig bemüht Abdeckungen moderner zu gestalten und grundsätzlich die Gletschersubstanz zu erhalten”. Dass die Seilbahnunternehmer nach hohen Investitionen “verantwortungsvoll und nachhaltig” mit den Ressourcen und der Natur umgehen würden, sei eine logische Konsequenz – es gehe um eine “nachhaltige Erhaltung des Wohlstandes”, er glaube nicht, dass Entscheidungen oft kurzfristig profitorientiert getroffen werden. Es gebe zudem einen Konsens, dass es in den nächsten Jahren zu keinen Neuerschließungen kommen werde, informierte Hörl, sinnvolle Zusammenschlüsse sah er davon ausgenommen. “Ergänzungen werden auch nach der Pandemie möglich sein müssen”, meinte Hörl, auch Obmann des Tiroler ÖVP-Wirtschaftsbundes. Derzeit sei das aber ohnehin “nach der verlorenen Saison” kein Thema. Jetzt hätten Seilbahner und Touristiker eher die Sorge, dass “die Betriebe wieder ins Laufen kommen”.

Wie Hayek fand Kaser indes, dass technische Veränderungen nicht mit Naturschutz vereinbar seien. Aus glaziologischer Sicht sind Skigebietserweiterungen laut dem Klima- und Gletscherforscher “egal”. “Das müssen sich die sogenannten Stakeholder selber ausschnapsen”. Für den Rückgang der Gletscher zeichnet Kaser Touristiker und Skigebiete nur insofern als verantwortlich, als dass sie über Jahrzehnte zum Anstieg der globalen Treibhausgaskonzentrationen beigetragen haben und es teilweise auch heute noch tun. Der Gletscherrückgang ist eine verzögerte Reaktion auf die globale Klimaerwärmung. Die Zukunft der betroffenen Skigebiete sah Kaser nicht pessimistisch: “Die hohe Lage wird ihnen noch lange bessere Bedingungen bieten als niedrig gelegenen Anlagen, nur halt ohne Gletscher”. Momentan scheint sich der Erhalt von begrenzten Eisflächen durch Abdecken und Beschneien betriebstechnisch und wirtschaftlich auszuzahlen. Zur Sinnhaftigkeit mittel- bis langfristiger Planungen kann die Gletscher- und Klimaforschung allerdings sehr wohl beitragen und sagen, ob und circa wann Gelände freigelegt werde, das sich zum Skifahren gut eignet oder etwa Felsstufen ausapern und immense Folgekosten zum Erhalt der betroffenen Skiabfahrt entstehen.

Fest stehe laut Kaser: “Heute noch CO2 zu emittieren, ist nicht mehr zulässig”, alles was neu gebaut werde, müsse “eigentlich zu 100 Prozent klimaneutral sein”, und zwar sowohl im Bau als auch später im Betrieb. “Dass man CO2 in dem Ausmaß aus der Atmosphäre herausnehmen kann, um das Klima um 50 Jahre zurück zu drehen und damit wieder gletscherfreundlich zu machen, ist eine Illusion”, sagte Kaser.

Falkner, Präsident des Tourismus-Think-Tanks “Future Mountain” und Aufsichtsratsvorsitzender des Ötztal Tourismus, sah sich jedenfalls im Dienste der Kunden: “Das Angebot ist entscheidend”. Er sei Kaufmann und kein Geologe oder Klimaforscher, es störe ihn, dass in Bezug auf das Thema Nachhaltigkeit oft “der Mainstream unrecherchiert nachgeplappert wird”: “Bad News sind Good News”. Dass die Gletscher schmelzen, sei aber ein Fakt, erklärte Falkner.

Dass beim Klimaschutz so wenig weitergeht liegt laut Gletscherforscher Kaser “in der Natur des Menschen an sich”. Menschen würden “vermeintliche Vorteile nicht einfach aufgeben wollen” und hätten “Angst vor Veränderungen”. Es sei ein “Hamsterrad des Wohlstands” – im Endeffekt habe sich das Klima schon so verändert, dass dadurch bereits heute Teile der globalen Gesellschaft ihre Lebensgrundlagen verlieren und noch viel mehr verlieren werden, etwa durch den steigenden Meeresspiegel. Große Hoffnungen setzte der Professor in die junge Generation: “Am Ende geht es um eine Transformation der Gesellschaft”.

Von: apa

Kommentare

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23 Kommentare auf "Akteure uneins in Sachen Gletscherschwund und Skitourismus"


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Missx
Missx
Kinig
8 Tage 22 h

Deswegen nicht nur reden,sondern tun:
Do leb i, do moch i Urlaub.
Freu mich schon auf den Südtiroler Frühling und Sommer 2021. Es gibt genug Plätze und Aktivitäten, dafür muss man nicht durch halb Europa oder die halbe Welt tingeln.

Missx
Missx
Kinig
8 Tage 21 h

Das ist mein Beitrag zum Klimaschutz

Offline
Offline
Universalgelehrter
8 Tage 21 h

Mein Beitrag zum diesjährigen Wettbewerb “Unser Dorf soll schöner werden” : Ich bleibe zu Hause 😉😉😉

halihalo
halihalo
Superredner
8 Tage 20 h

richtig so ! das finde ich auch…hier gibt es noch so viele Plätze zu entdecken

elvira
elvira
Universalgelehrter
8 Tage 19 h

de wos zu ins kemen fohrn a durch holb europa um zu ins zu kemen also bitte…

Mezcalito
Mezcalito
Superredner
8 Tage 20 h

Am besten wäre es gewesen, nichts gegen Cotona zu tun, das hätte der Natur am meisten Erleichterung verschafft.

Hustinettenbaer
Hustinettenbaer
Universalgelehrter
8 Tage 20 h

@Mezcalito
Ui, das ist tiefschwarz.

OrtlerNord
OrtlerNord
Grünschnabel
8 Tage 20 h

Kannst du das mal erklären?

Tigre.di.montana
Tigre.di.montana
Grünschnabel
8 Tage 19 h

@Mescalito?
Sind Grabsteine CO2-neutral?
Und, in einem Punkt hast Du recht: Arbeitslosigkeit infolge ungezügelter Pandemie senkt den Konsum.

limbo
limbo
Neuling
8 Tage 18 h

@Hustinettenbaer aber die einzige Wahrheit!!🤔

halihalo
halihalo
Superredner
8 Tage 11 h

Mezcalito …das kann ich mir nicht vorstellen

Hustinettenbaer
Hustinettenbaer
Universalgelehrter
8 Tage 19 h

Wenn das Ganze nicht so traurig wär, wär die Diskussion ein Witz.
“Seilbahnen sind heute sehr umweltfreundlich”. Früher seien Bahnen noch mit Dieselaggregaten betrieben worden”
Noch früher kraxelten ein paar Anwohner und angereiste Enthusiasten den Berg hoch, um auf Holzbrettln runterzurutschen.
Seilbahnen sind selbst mit Ökostrom nicht klimaneutral: An- und Abreise, Kunststoffequipment, versiegelte Flächen, Beton- und Stahlkonstruktionen.

limbo
limbo
Neuling
8 Tage 17 h

da magst du wohl recht haben, jedoch die ganzen Familien die ihren Lebensunterhalt damit bestreiten, bzw. davon abhängt ob sie den potentiellen Gästen etwas bieten können oder nicht und natürlich ihr Geld wieder für andere Dinge ausgeben, z.B. womit wir unseren Unterhalt verdienen sehen das womöglich etwas anders.
Klar ist wir müssen was machen nur das passende Rezept muss erst gefunden werden!!

Hustinettenbaer
Hustinettenbaer
Universalgelehrter
8 Tage 13 h

Ja, ist schwierig aus der Zwickmühle rauszukommen. Doch wenn nix geändert wird, hinterlassen wir den Nachkommen einen Riesenschlamassel.

quilombo
quilombo
Tratscher
7 Tage 22 h

….kraxelten den Berg “hoch”? Das sollte wohl hinauf heißen.

anonymous
anonymous
Universalgelehrter
8 Tage 18 h

Gegen die Natur seit ihr alle machtlos, Gletscherschwund hat es immer schon gegeben

falschauer
8 Tage 14 h

ja gletscherschwund hat es immer schon gegeben, der bemerkenswerteste nach der eiszeit, nur ist dieser heute größtenteils dem menschen zuzuschreiben und das hat es noch nie gegeben

DontbealooserbeaSchmuser
8 Tage 14 h

@anonymous selbst auf Gletscherbildern von 1850 sieht man schon teils blanke Nährgebiete.
Und damals war das böse CO² noch auf vorindustriellem Niveau.

Missx
Missx
Kinig
8 Tage 10 h

Hach der Neid, der Neid muss eine schlimme Krankheit sein…

Offline
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Universalgelehrter
7 Tage 22 h

Die (Vinyl) Platte hat einen Sprung..

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Universalgelehrter
8 Tage 13 h

Ich schmeiss mich weg. Zum Shoppen nach Rom oder bei Amazon, aber Urlaub nur in Südtirol. Das glaube, wer will….

Kingu
Kingu
Tratscher
8 Tage 15 h
Es gibt sehr wohl eine Möglichkeit, diesen Prozess zu stoppen, es ist ja bereits so, dass die Gletscherschmelze auch die höchsten Berge betrifft und China stark von den Wassererträgen aus Qinghai abhängig ist, welche nur durch Schmelze eben Wasser liefern. Wie man bereits mit Studien bewiesen hat, ist Geoengineering eine realistische Alternative, da wir den CO2-Ausstoß vermindern können, aber nicht das freigesetzte CO2 binden können, außer mit Bäumen. Die brauchen aber Jahrzehnte, um die maximale Entnahme zu erreichen. Sehr viele chinesische Wissenschaftler haben sich deswegen mit “stratospheric aerosol injection” auseinandergesetzt. Darüber hinaus sollte jedem klar sein, wenn wie derzeitig der… Weiterlesen »
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Universalgelehrter
7 Tage 22 h

Neid ist sicher eine sehr schlimme Form von Minderwertigkeitskomplexen. Nicht jedoch schlimmer, als sich ständig neue …..Geschichten auszudenken und Diese dann 👍 sammelnd zu verbreiten….

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