Nach Erdbeben: Zulauf vor allem Jüngerer zu Hilfsdiensten

Albanien: Freiwilligenarbeit nach westlichem Vorbild

Mittwoch, 28. Dezember 2022 | 08:22 Uhr

Im Herbst 2019 ist Albanien von zwei Erdbeben erschüttert worden. Auf eine Erdbebenserie Ende September mit mehr als hundert Verletzten folgte Ende November ein schweres Beben mit 51 Toten und Hunderten Verletzten. Laut Regierungsangaben gab es Schäden von fast einer Milliarde Euro. Zudem wurden rund 50.000 Gebäude zerstört oder beschädigt, 200.000 Menschen in elf Gemeinden waren betroffen. Getroffen wurden dicht bevölkerte Gebiete in der Hafenstadt Durrës und im Umland.

Noch in den 1990er-Jahren war Freiwilligenarbeit in Albanien generell verpönt, war es doch in der Zeit des Kommunismus Usus, in seiner Freizeit verpflichtend zum Wohle der Allgemeinheit arbeiten zu müssen. Vor allem unter der jungen Bevölkerung erfreut sich Freiwilligenarbeit jedoch mittlerweile zunehmender Beliebtheit. Albanierinnen und Albaner, die früher im Ausland – so etwa in Österreich – gelebt haben und mittlerweile in ihre alte Heimat zurückgekehrt sind, haben Tätigkeiten bei der Feuerwehr oder beim Roten Kreuz kennen und schätzen gelernt. Zum anderen seien die Beben im Jahr 2019 und die darauffolgende Hilflosigkeit Grund dafür, dass immer mehr Menschen bei der Freiwilligen Feuerwehr oder der Rettung tätig werden, berichtet ein junger Albaner aus Durrës, der selbst einige Jahre in Südtirol gelebt hat, bei einer Rot-Kreuz-Übung in der mittelalbanischen Stadt Berat.

Die Österreichische Entwicklungszusammenarbeit fördert gemeinsam mit dem österreichischen und albanischen Roten Kreuz ein Projekt, das den Stellenwert der Freiwilligenarbeit steigern soll. Aber auch unabhängig davon gibt es einen regen Austausch mit Österreich, so etwa mit Rot-Kreuz-Organisationen in Wien und der Steiermark, erzählt ein Vertreter des Roten Kreuzes im Rahmen einer Übung, bei der ein Großunfall simuliert wurde. Junge albanische Rot-Kreuz-Mitarbeiter lernten in der Alpenrepublik den Zivildienst kennen, den der Rot-Kreuz-Mitarbeiter als “exzellent” bewertet. In Berat, einer Stadt mit knapp 65.000 Einwohnern, gibt es mittlerweile 120 Freiwillige, 40 davon zählen zum Kernteam, 3.200 Unterstützer und zwei fixe Rot-Kreuz-Mitarbeiter. Fünf “Trainer” geben Erste-Hilfe-Kurse, die wie in Österreich verpflichtend für den Führerschein sind.

Vor allem während der Coronapandemie war die zentral in der Hauptstadt Tirana koordinierte Hilfe durch das Rote Kreuz essenziell. Hauptsächlich ältere und gebrechliche Menschen wurden, unter anderem auch mit Unterstützung der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit, mit Lebensmitteln unterstützt. In Albanien wurden die Corona-Schutzmaßnahmen, wie etwa das verpflichtende Tragen von Masken, vor allem aus touristischen Gründen bereits im Juni 2020 beendet.

Insgesamt gibt es in Albanien zwölf administrative Rot-Kreuz-Einheiten, der Großteil der freiwilligen Mitarbeiter setzt sich aus Schülern und Studenten zusammen. Vieles läuft unter dem Motto “Learning by Doing” mit dem Ziel einer Standardisierung des Dienstes. Viele junge Albaner, die ins Ausland gehen oder in die Metropolregion Tirana abwandern, nehmen ihre neu gewonnen Fähigkeiten mit und bringen das Erlernte bei einer eventuellen Rückkehr wieder mit nach Hause. “Egal, wohin sie gehen, sie machen uns stolz”, sagt ein Rot-Kreuz-Ausbildner in Berat nach der Unfall-Übung.

Von: apa

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