EURAC-Studie zur Höhenkrankheit prämiert

Alpinmedizinische Studien auch für Flugpiloten wertvoll

Donnerstag, 30. Juli 2015 | 12:21 Uhr

Bozen – Beim Steigflug sind Flugzeugpiloten ähnlichen körperlichen Veränderungen ausgesetzt wie Bergsteiger beim Erklimmen eines Gipfels. Methoden und Daten, die in der Alpinen Notfallmedizin verwendet werden, können somit auch auf die Luft- und Raumfahrt übertragen werden. So lautet das Fazit einer Studie, die das EURAC-Institut für Alpine Notfallmedizin am Ortler auf 3.830 Meter Meereshöhe durchgeführt hat. Die italienische Vereinigung für Luft- und Raumfahrt hat die Studie mit dem wissenschaftlichen Preis „I Guidoniani“ ausgezeichnet. Giacomo Strapazzon, der stellvertretende Leiter des EURAC-Instituts, hat den Preis vor Kurzem entgegengenommen.

Für Alpinisten hat ein Aufstieg in großer Höhe Auswirkungen auf den Körper: Der Sauerstoffmangel kann zu Problemen mit der Lunge und dem Gehirn führen. Die Beschwerden klingen normalerweise ab, wenn der Betroffene wieder absteigt. In einigen Fällen jedoch kann ein längerer Aufenthalt in großer Höhe Hirn- oder Lungenödeme verursachen, die weltweit zu den häufigsten Todesursachen von Höhenbergsteigern zählen. Eine erst kürzlich durchgeführte EURAC-Studie hat nachgewiesen, dass gesundheitliche Probleme auch bei jenen auftreten können, die sich ohne die körperliche Anstrengung des Aufstiegs in der Höhe aufhalten. So zum Beispiel bei Piloten oder Astronauten.

„Für die Studie haben wir 40 Testpersonen knapp unter der Spitze des Ortlers auf 3.830 Metern Höhe untersucht. 19 Personen sind per Helikopter hochgeflogen worden, 21 Personen sind aus eigener Kraft hochgestiegen“, erklärt Giacomo Strapazzon, der Studienleiter.

Alle Probanden wurden ausführlichen medizinischen Tests unterzogen, um ihren Gesundheitszustand zu überprüfen: Zum klinischen Monitoring zählten das Aufzeichnen der Herzschlag- und Beatmungsfrequenz, die Sauerstoffsättigung des Blutes und ein Ultraschall der Lunge. Die Testergebnisse weisen keine großen Unterschiede auf zwischen den Personen, die mit dem Helikopter hinaufgebracht worden sind und jenen, die zu Fuß hinaufgestiegen sind. „Bei mehr als der Hälfte aller Probanden – sowohl bei den Bergsteigern als auch bei denen, die hochgeflogen worden sind – haben die Ultraschalluntersuchungen der Lunge eine erhöhte Anzahl von B-Linien gezeigt; das sind Werte, die auf eine mögliche künftige akute Höhenlungenkrankheit hinweisen. Daraus lässt sich schließen, dass sich diese Werte unabhängig von der körperlichen Anstrengung entwickeln“, sagt Giacomo Strapazzon. Die Studie eröffnet eine neue Perspektive: Sie zeigt, dass Forschungsergebnisse aus der Alpinen Notfallmedizin auch auf die Luft- und Raumfahrt übertragen werden können.

Die Studie am Ortler ist die erste Feldstudie, die erforscht, ob die körperliche Anstrengung des Aufstiegs die Höhenkrankheit begünstigt. Für die geleistete Arbeit in dieser Studie hat Giacomo Strapazzon vor Kurzem einen Preis der italienischen Vereinigung für Luft- und Raumfahrt (AIMAS —Associazione Italiana di Medicina Aereonautica e Spaziale) erhalten. Die Überreichung der Auszeichnung fand im Rahmen der 28. Ausgabe des nationalen Kongresses zur Luft- und Raumfahrt-Medizin auf der EXPO in Mailand statt.

Der Preis „I Guidoniani“ wird an die originellsten wissenschaftlichen Arbeiten verliehen, die um das Thema Mensch und Fliegen kreisen. Der Name „I Guidoniani“ bezieht sich auf die jungen Wissenschaftler, die in den 1930er Jahren in der Stadt Guidonia bei Rom ein Zentrum zur Entwicklung der Luftfahrttechnik aufgebaut haben.

Von: ©lu

Bezirk: Bozen