Es ist eines der ungewöhnlichsten Fußballstadien der Welt

Falscher Nullpunkt – Äquator-Stadion mit Schönheitsfehler

Sonntag, 10. Dezember 2017 | 08:30 Uhr

Es sieht aus wie eine typische Straßenfußballszene, Kinder jagen auf rotem Sand dem Ball hinterher. Aber das hier ist kein normaler Sportplatz: Mal fliegt der Ball auf die eine Seite des Äquators, mal auf die andere. Die Buben spielen im Schatten eines der wohl ungewöhnlichsten Fußballstadien der Welt – auf der Nullpunktlinie.

Dort steht Irismar “Mazinho” Veras auf der weißen Mittellinie, mit einem Bein auf der nördlichen, mit dem anderen auf der südlichen Erdhalbkugel. Glaubt der Direktor des Fußballstadions “Milton de Souza Correa” im nordbrasilianischen Macapa zumindest. Er zeigt die Linie entlang, in direkter Verlängerung ragt 500 Meter hinter dem Stadion ein Äquator-Monument in die Höhe. “Das gibt es nirgendwo sonst.” Seiner Meinung nach verläuft die Mittellinie des Stadions entlang der Äquatorlinie, weltweit einmalig für ein Fußballstadion.

So spielt ein Team eine Halbzeit in der einen Hemisphäre, in der zweiten Halbzeit in der anderen. Deshalb heißt die etwas morbide wirkende Arena mit den markanten Flutlichtmasten auch Zerao, das “Nullpunkt-Stadion”. Am 17. Oktober 1990 kam sogar der damalige Staatspräsident Fernando Collar zur Eröffnung, das Stadion wurde damals ganz unbescheiden “Estadio Olimpico de Macapa” getauft. Doch die Nullpunkt-Sache hat einen kleinen Schönheits- und Messfehler.

Von 1994 an trug das Stadion den Namen der verstorbenen Formel-1-Legende Ayrton Senna, bevor es später länger geschlossen vor sich hindämmerte – 2014 wurde es nach der Wiedereröffnung nach dem Sportfunktionär Milton de Souza Correa benannt. Großes sah man hier bisher nicht, es gab mal ein Spiel der Copa Brasil, der Ball der Partie ist in einem kleinen Museum ausgestellt, er ist platt. Macapa im äußersten Norden Brasiliens, in der Nähe zu Französisch-Guyana gelegen, ist ohnehin eine verschlafene Stadt an der Amazonasmündung. Das Wasser zieht sich bei Ebbe weit zurück, der blaue Himmel hängt tief über dem Wasser.

Neben Städten in Ecuador, Indonesien, Kenia und dem Kongo ist die 450.000-Einwohner-Stadt Macapa eine der ganz wenigen, die direkt von der sich über 40.000 Kilometer erstreckenden Nulllinie durchzogen werden. In der Früh zum Sonnenaufgang werden am hier mehrere Kilometer breiten Amazonas frischer Fisch und die gesunden Acai-Beeren verkauft, mit Booten werden Bananenstauden angeliefert. Ein weiter Blick, tiefe Ruhe, die Straßen staubig. Das Zerao ist eine der wenigen Attraktionen.

Am Stadiontor empfangen einen die Rolling Stones in unüberhörbarer Lautstärke, die Feuerwehr hält hier an den Tribünen ein Training zur Höhenrettung ab. Entlang der Verstrebungen seilt man sich ab. “Die Fußballspiele sind wegen des trockenen Rasens derzeit ausgesetzt”, berichtet Stadiondirektor Veras, auf der blauen Laufbahn trainieren bei sengender Hitze ein paar Leichtathleten. Sonst spielt hier nur ein Viertligist, Santos do Amapa. Das Maskottchen ist ein Fisch.

“Wir haben viele Studien und Messungen gemacht, wir glauben, dass das hier die Äquatorlinie ist”, betont Veras. 4.300 Zuschauer fasst die einzige Tribüne. Während der Großteil Brasiliens auf der Südhalbkugel liegt, befindet sich hier in Macapa ein kleiner Teil auch in der nördlichen Hemisphäre. Die Messungen vor Eröffnung des Zerao wurden auf herkömmlicher Basis vorgenommen – aber offensichtlich nicht nach dem für Positionsangaben gängigen geodätischen Messsystem WGS 84.

Wenn man nun neben Direktor Veras an der Mittellinie steht, zeigt der satellitengestützte Kompass auf dem Smartphone, dass das nicht ganz der Nullpunkt ist, der ist rund 70 Meter weiter südlich. Es geht mit dem 51-Jährigen den Spielertunnel herunter, es ist dunkel, an den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Bilder lokaler Fußballteams. Dann geht es nach links in die südliche Umkleidekabine, es riecht nach Schweiß.

Und siehe da, hier zeigt der Kompass exakt null Grad an. Also verläuft der Äquator genau hier durch die Umkleidekabine. Veras will das gar nicht sehen, er bückt sich nach Plastikmüll auf dem Boden, macht eine wegewerfende Handbewegung. “Das waren unsere damaligen Messungen”, betont er. “Wir stehen beim Anstoß immer im Mittelpunkt der Welt.”

Aber egal ob jetzt dort oder in der Umkleidekabine, das Zerao sei ein einmaliges Stadion. Das stimmt sicher – es gibt auch nicht viele Stadien, die mangels Auslastung der Feuerwehr als Trainingszentrum dienen. Und es gibt sicher auch nicht viele Stadien, in dem die Feuerwehr bei solchen Übungen mal Personen in der nördlichen, und mal in der südlichen Hemisphäre rettet und nach unten abseilt.

Von: APA/dpa