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Neue Online-Plattform zur Beschreibung von Sprachkompetenzen

Dienstag, 21. April 2015 | 11:33 Uhr

Bozen – Der Gemeinsame europäische Referenzrahmen für Sprachen zählt EU-weit zum anerkanntesten Referenzwerk für das Lehren und Testen von Sprachen, aber auch für die Entwicklung von Lehrplänen. Er umfasst sechs Stufen zur Beschreibung der Kompetenzen in einer Fremd- bzw. Zweitsprache und reicht von einem elementaren A1-Niveau bis hin zu einem kompetenten C2-Niveau. Da sich der Referenzrahmen auf alle Sprachen anwenden lässt, sind die Sprachkompetenzen zwangsläufig recht allgemein gehalten. Eine Forschergruppe – darunter auch die Linguisten des EURAC-Instituts für Fachkommunikation und Mehrsprachigkeit – hat es sich zur Aufgabe gemacht, sie für einzelne Sprachen konkreter zu beschreiben: Sie haben über 2000 Texte von Deutsch-, Italienisch- und Tschechischlernern untersucht und auf dieser Basis Profile mit den tatsächlichen Kompetenzen der Lerner erstellt. Texte und Ergebnisse stehen unter www.merlin-platform.eu frei zur Verfügung.

„Kann sich so spontan und fließend verständigen, dass ein normales Gespräch mit Muttersprachlern ohne größere Anstrengung auf beiden Seiten gut möglich ist“ und „Kann Beziehungen zu  Muttersprachlern aufrechterhalten, ohne sie unfreiwillig zu belustigen oder zu irritieren“ sind Beispiele dafür, wie Sprachkompetenzen im Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen, kurz GeRS, beschrieben werden. Aber was bedeutet „ohne sie zu belustigen“ oder „sich ohne größere Anstrengung zu verständigen“? Die Beschreibungen im GeRS lassen einen breiten Interpretationsspielraum zu.

Genau hier setzt MERLIN an, ein EU-Projekt, in dem die Forscher auf der Basis von Texten von Lernern der italienischen, deutschen und tschechischen Sprache die Deskriptoren des GeRS mit konkreten Beispielen veranschaulicht haben. So kann man auf der Online-Plattform von MERLIN recherchieren, welche Merkmale zum Beispiel ein Text auf Niveau A1 im Vergleich zu einem Text auf Niveau A2 aufweist. Außerdem findet man detaillierte Informationen zu unterschiedlichen Bereichen der Sprachkompetenz. Lehrer können sich etwa die häufigsten Grammatikfehler von Lernenden eines bestimmten Niveaus anzeigen lassen. Aber auch Lehrbuchautoren erhalten nützliche Informationen: Etwa anhand von Daten zum Dativ- und Akkusativgebrauch bei fortgeschrittenen Deutschlernern können sie abwägen, ob ein Abschnitt zur Verwendung der Fälle in Lehrbüchern für die Mittelstufe sinnvoll ist oder nicht.

Die über 2000 Lernertexte stammen aus standardisierten Sprachtests international anerkannter Testinstitute und wurden von den Sprachforschern wissenschaftlich umfassend analysiert. Zur Beschreibung der Sprachkompetenzen haben sie eine Reihe an Indikatoren aus verschiedenen Bereichen wie Rechtschreibung, Grammatik, Wortschatz und soziolinguistische Angemessenheit festgelegt.

„MERLIN unterscheidet sich von anderen Initiativen zur Veranschaulichung des GeRS vor allem dadurch, dass alle Texte vollständig online verfügbar und durchsuchbar sind und heruntergeladen werden können. Man erhält außerdem Zusatzinformationen zu den Verfassern der Texte, etwa zu Alter und Muttersprache, und kann deren Sprachprofile einsehen und dadurch nachvollziehen, wo

Schwächen und Stärken liegen. Man kann zum Beispiel entdecken, dass ein Lerner Schwierigkeiten mit der Grammatik hat, aber über einen großen Wortschatz verfügt. So können die tatsächlichen Sprachkompetenzen einer Person besser beschrieben werden. Darüber hinaus kann MERLIN wichtige Informationen liefern, um Lehrpläne und Curricula, didaktische Materialien und GeRS-bezogene Sprachtests zu erstellen“, erklärt Andrea Abel, Leiterin des EURAC-Instituts für Fachkommunikation und Mehrsprachigkeit und Ansprechpartnerin des Projekts an der EURAC.

Von: ©lu

Bezirk: Bozen