Ansatz für Prävention

Neue Studie zur biologischen Nachweisbarkeit von Depressionen

Montag, 17. Oktober 2022 | 08:00 Uhr

Innsbruck – Über fünf Prozent aller Österreicherinnen und Österreicher leiden unter einer Depression. Über die biologischen Grundlagen dieser Krankheit ist jedoch nach wie vor wenig bekannt. In einer neuen Studie haben Wissenschaftlerinnen uns Wissenschaftler um Alexander Karabatsiakis vom Institut für Psychologie der Universität Innsbruck nun einen starken Zusammenhang zwischen der Schwere einer Depression und dem Gehalt des Stresshormons Kortisol in Haaren beobachtet. Die Messung des Haarkortisolspiegels könnte einen wichtigen Ansatz für personalisierte Medizin und auch in der Suizidprävention darstellen, die bei schweren Depressionen sehr wichtig ist.

Das Stresshormon Kortisol ist im menschlichen Körper an lebenswichtigen Vorgängen beteiligt. Bei psychischer Belastung, aber auch bei psychiatrischen Erkrankungen, wird es verstärkt ausgeschüttet und dabei unter anderem in den Haaren gespeichert. Studien haben bereits gezeigt, dass Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, einen erhöhten Kortisolspiegel im Haar aufweisen können.

Die Forschungsgruppe um Alexander Karabatsiakis vom Institut für Psychologie der Universität Innsbruck verglich diese Daten nun auch mit Haarproben von Personen, die durch Suizid gestorben sind. Hierbei wurden stark erhöhte Kortisolspiegel im Vergleich zu Personen mit und ohne Depressionen nachgewiesen. Diese erste Beobachtung könnte neue Impulse im Bereich der Depressionsforschung, aber auch der Suizidprävention setzen,da Suizidalität besonders bei Menschen mit Depressionen eine sehr ernstzunehmende Komplikation darstellen kann. Die Ergebnisse der Studie wurden im EPMA Journal für prädiktive, präventive und personalisierte Medizin veröffentlicht.

Biomarker-Forschung als Ansatz für Prävention

„Unsere Biomarker-Forschung untersucht, wie psychische Belastungen und psychiatrische Erkrankungen an körperliche und psychosomatische Komplikationen gekoppelt sind“, sagt Karabatsiakis. Diese interdisziplinäre Forschung wird auch mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Fachbereichen am Wissenschaftsstandort Innsbruck intensiv betrieben. „Einer der aktuellen Ansatzpunkte ist die Bestimmung von Haarkortisol, das sich über längere Zeit nachweisen lässt. Unsere neuen Beobachtungen dazu könnten für die Prävention von psychischen Erkrankungen nach Stressbelastungen und deren langfristigen Konsequenzen, auch für die körperliche Gesundheit, sehr hilfreich sein.“

Gesundheitliches Monitoring über eine Haarprobe ist ein nicht-invasiver und kaum belastender Vorgang, der auch in Ordinationen oder in anderen Betreuungsmodellen durchgeführt werden könnte. „Wenn zum Beispiel Hausärzt*innen messen könnten, dass sich ein hormonelles Stresspotential im Körper abzeichnet, könnte man eventuell auch bei psychisch stark belasteten Personen ein potentielles Suizidrisiko erkennen und den medizinischen Fokus auf die Person entsprechend intensivieren, auch wenn Patient*Innen selbst keine Beschwerden berichten. Im Sinne der Prävention wäre damit schon sehr viel gewonnen, denn jeder Mensch zählt“, sagt Karabatsiakis.

Kortisolspiegel steigt mit Schwere der Depression

Die Studie erweitert damit die biologische Perspektive auf psychische Erkrankungen. „Der Kortisolspiegel im Haar steigt mit der subjektiv empfundenen Schwere der depressiven Symptome“, erklärt Karabatsiakis. „Je länger man sich zudem depressiv fühlt, desto aktiver ist wohl also auch die Stressantwort unseres Körpers. Allerdings braucht es für die individuelle Einschätzung von Belastung und Risiko noch weitere Forschung und Erfahrungswerte, da wir in dieser ersten Studie eine relativ kleine Anzahl an Personen untersucht haben“, so Karabatsiakis.

Zur Durchführung der Studie wurden, nach Genehmigung durch die zuständige Ethikkommission, auch Haarproben aus der Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover genutzt. Aus ethischen Gründen war über die Haarproben von Personen mit Suizidhintergrund nichts weiter bekannt als Alter, Geschlecht, Body-Mass-Index und dass eine Fremdeinwirkung als Todesursache ausgeschlossen werden konnte.

„Eine Weiterführung ähnlicher Studien, die das Präventionspotential von Haarkortisol untersuchen, sowie vermehrte Forschung zum Thema Suizidalität, Suizidprävention und deren biologischen Mechanismen sind zwingend erforderlich und dringlicher denn je“, so Karabatsiakis.

Von: mk

Kommentare

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6 Kommentare auf "Neue Studie zur biologischen Nachweisbarkeit von Depressionen"


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Kinig
1 Monat 12 Tage

endlich. Diese Forschungen Sind eine der Wichtigsten.Ein Leid dass zu lange nicht sehbar oder nachweislich war.

N. G.
N. G.
Kinig
1 Monat 12 Tage

Im Grunde gibt es bei Burnout das gleiche Problem. Es wird nicht erkannt, anerkannt und teilweise ins Lächerliche gezogen und auch da gibt es Menschen die keinen Ausweg mehr finden, sich schämen…obwohls körperliche Anzeichen gibt.

Rudolfo
Rudolfo
Universalgelehrter
1 Monat 12 Tage

Depressionen gehören mit zu den am Schwersten erkennbaren und behandelbaren Erkrankungen. Und sie werden von den Betroffenen, um nicht als Spinner, Idioten und Hypochonder abgestempelt zu werden, sehr oft “verschleiert”. Hilfe und gesellschaftliche Anerkennung ist da dringend notwendig. Das gilt im Übrigen auch für Spiel-, Drogen- und Alkoholsucht.

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Kinig
1 Monat 11 Tage

Rudolfo kann ich nicht vergleichen.Echt nicht.

Gianna
Gianna
Grünschnabel
1 Monat 12 Tage

Ich habe schon vor Jahren darüber gelesen. Aber es hängt immer davon ab, wer die Forschungen finanziert und wem sie finanziell was bringen, wenn man sie publiziert. Traurig aber wahr…

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Kinig
1 Monat 11 Tage

Gianna das muss es wohl Sein.So werden Medik.nicht mehr bezahlt oder ganz vom ST Markt genommen.

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