Vermischtes

Hinter Gittern als “Spion” wider Willen [2:45]

Mittwoch, 16. Oktober 2019 | 13:49 Uhr

Dass er noch mal freiwillig durch die Gänge des ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnisses in Berlin-Hohenschönhausen laufen würde, hätte Hans Schulze nach seiner Inhaftierung im September 1986 wohl nicht gedacht. Drei Jahre vor dem Fall der Berliner Mauer hatten DDR-Beamte den West-Deutschen bei seiner Ausreise festgenommen. Der Vorwurf: Spionage. Eine Anklage, bei der viele Jahre Gefängnis drohten.

“Sie müssen sich mal vorstellen, wenn man hier fast neun Monate Untersuchungshaft durchlebt und die immer mit dem Vorwurf der Spionage, und ganz zum Schluss wird es erst umgewandelt, wenn man sagt: ‘Ach, das nehmen wir wieder zurück, und wir machen eine andere Sache, die wesentlich harmloser ist’, dann lebt man einfach immer mit diesem Gefühl. Und das geht einem ganz schön auf den Magen, kann ich Ihnen sagen. Also das muss man erst mal verkraften. Und insofern weiß ich das heute, dass man das man das bewusst gemacht hat eben.”

Im März 1986, auf dem Weg zur Leipziger Messe, lernte der Geschäftsmann eine DDR-Bürgerin kennen. Sie und Schulze begannen eine Beziehung. Bald stellte sich heraus: Die Frau plante, die DDR zu verlassen. Was Schulze nicht wusste: Es war eine Inoffizielle Mitarbeiterin der Staatssicherheit, IM “Eva”, angesetzt auf westdeutsche Einzelreisende und Unternehmer.

“Ich wusste, dass ihr damaliger Ehemann bei der Staatssicherheit war. Man hat mitbekommen, dass da Kontakte zur Staatssicherheit bestehen, aber die waren für mich weit weg. Da hatte ich nichts mit zu tun. Und insofern hat man sich da erst mal keine Gedanken gemacht. Nur nachher, wo der Vorwurf dann der Spionage kam, da zeigte sich das alles in einem anderen Bild.”

Nach Monaten der Ungewissheit war die Spionage-Anklage letztendlich vom Tisch. Schulze wurde zu 2,5 Jahren Haft verurteilt, lediglich wegen der Unterstützung bei der Vorbereitung eines ungesetzlichen Grenzübertritts sowie Devisenvergehen. Ende 1987 kam er über eine Amnestie vorzeitig frei.

“Na klar ist das eine Geschichte, die einen geprägt hat. Es war ja über… oder um die 13 Monate insgesamt. Also das war schon eine Zeit – ich will nicht sagen: Abenteuerurlaub, aber das war schon eine gewisse Zeit, die natürlich einen auch heute noch bewegt. Und daher auch die Führungen hier, um so etwas wieder immer weiterzugeben.”

Seit 2013 führt Schulze Besuchergruppen durch die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Mit der ehemaligen DDR-Spionin blieb Schulze in Kontakt. Auch sie wurde zu einer Haftstrafe verurteilt.

Von: reuters

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