Aber in den Taschen der Arbeitnehmer bleibt wenig

AFI-Barometer: Stimmung hellt sich weiter auf

Freitag, 24. Juli 2015 | 15:31 Uhr

Bozen – Der wirtschaftliche Aufschwung in Südtirol festigt sich. Die Indikatoren, die das wirtschaftliche Umfeld und die allgemeine Arbeitsmarktentwicklung abbilden, zeigen nach oben. Stabil hinge-gen bleiben jene, welche die persönliche Situation der Arbeitnehmer umschreiben. Überraschend fallend die Einschätzungen der Befragten zum Thema Ungleichheit und soziale Mobilität aus. „65 Prozent der Arbeitnehmer sind davon überzeugt, dass für den sozialen Aufstieg vor allem der familiäre Hintergrund und die Beziehungen ausschlaggebend sind. Nur 35 Prozent geben hingegen da-für die persönlichen Fähigkeiten und den Arbeitseinsatz an. Dies überrascht und ist gleichzeitig besorgniserregend“, betont Irene Conte, die im Institut das AFI–Barometer betreut.

Die wirtschaftliche Erholung in Europa gewinnt an Breite. So haben die wichtigsten Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Wachstumsprognosen für die bedeutendsten Volkswirtschaften angehoben. Für das Jahr 2015 sind folgende Wirtschaftswachstumsraten vorgesehen: USA +2,2 Prozent, Eurozone +1,4 Prozent, Deutschland +1,9 Prozent, Österreich +0,5 Prozent, Italien +0,4 Prozent. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bleiben weiterhin günstig: Die Zinssätze sind auf ihrem historischen Tiefpunkt, die Inflation ist positiv aber äußerst bescheiden, der Euro quotiert schwach und die Rohstoffpreise sind auf Niedrigstniveau. Doch es lauern auch weiterhin Gefahren, wie zum Beispiel das Damoklesschwert des „Grexit“, die China-Blase oder die Risiken in Verbindung mit dem internationalen Bankensystem. Was Italien betrifft, rechnet die italienische Zentralbank angesichts der positiven Stimmungsindikatoren auf nationaler Ebene sowohl auf Arbeitgeber- als auch auf Arbeitnehmerseite sogar mit einem Wirtschaftswachstum von +0,7 Prozent.

In Südtirol hellen sich zwei der sieben Indikatoren auf

Das Stimmungsbild in Südtirol bleibt für einen großen Teil stabil. Die zwei Indikatoren, die das wirtschaftliche Umfeld abbilden, hellen sich auf. So zeigen die Erwartungen betreffend die wirtschaftliche Entwicklung in den kommenden zwölf Monaten einmal mehr nach oben, in etwas geringerem Maß jene über die Arbeitslosigkeit in Südtirol. Stabil bleiben die Indikatoren, welche die persönliche Situation der Arbeitnehmer beschreiben: die Schwierigkeit, bis zum Monatsende über die Runden zu kommen, die finanzielle Situation der eigenen Familie, die Sparmöglichkeiten, die Gefahr, den eigenen Arbeitsplatz zu verlieren und die Perspektiven, eine gleichwertige Arbeitsstelle zu finden. Dennoch präsentiert sich das allgemeine Bild besser als vor drei Monaten. „Aus der Zusammenschau, die sich ergibt schließen wir, dass ein Wirtschaftswachstum von einem Prozent für Südtirol in diesem Jahr realistischer denn je ist“, zeigt sich AFI-Direktor Stefan Perini zuversichtlich.

Die Kluft zwischen Reich und Arm wächst

Die Arbeitnehmer beschreiben Südtirol als ein Land, in dem die Unterschiede zwischen Reich und Arm nicht nur bedeutend sind, sondern in den letzten zehn Jahren auch noch zugenommen haben. Wie aus der Um-frage hervorgeht, stufen 87 Prozent der Arbeitnehmer die Unterschiede zwischen Reich und Arm als ziemlich oder sehr groß ein. Nur 13 Prozent der Arbeitnehmer schätzen sie hingegen als gering oder sehr gering ein. Aber nicht nur das: 82 Prozent der Befragten sind der Auffassung, dass diese Unterschiede in den letzten zehn Jahren zuge-nommen hätten, gegenüber drei Prozent, die von einer Reduzierung sprechen. Studien, die auf nationaler Ebene durchgeführt wurden heben hervor, dass die sozialen Unterschiede in Italien vor allem durch eine unglei-che Verteilung der Vermögen und nicht so sehr durch eine ungleiche Verteilung der Einkommen bedingt sind: So besitzt das reichste Zehntel von Familien ganze 46,6 Prozent des gesamten Vermögens (Quelle: Banca d‘Italia, 2012). Ungleich verteilter Reichtum geht vielfach mit einer geringen sozialen Mobilität und somit unterschiedlichen Chancen einher, die eigene finanzielle und soziale Lage verbessern zu können. „Genau hier liegt unserer Ansicht nach das Problem“, behauptet Irene Conte, die im Institut das AFI-Barometer betreut. Zwei Drittel der Arbeitnehmer erklären, dass die Ungleichheiten in Südtirol vor allem auf die Einkommensmöglichkeiten, das Vermögen und die Beziehungen der Herkunftsfamilie und nicht so sehr auf die persönlichen Fähigkeiten und den Arbeitseinsatz zurückzuführen sind. „Zentral ist in diesem Zusammen-hang, dass Allen gleiche und hochwertige Bildungschancen offen stehen“, so Irene Conte. „Außerdem vertreten wir schon lange die Meinung, dass sich die Besteuerung weg von den Arbeitseinkommen und hin zu den Vermögen verschieben muss, um soziale Ungleichgewichte abzumildern.“

In Südtirol stimmt das Verhältnis Löhne – Lebenshaltungskosten nur bedingt

Der Großteil der Südtiroler Arbeitnehmer sieht den eigenen Lohn als angemessen an, wenn man ihn mit der Leistung oder dem Studientitel in Beziehung bringt. Demgegenüber ist über die Hälfte der Befragten mit dem Lohn unzufrieden, wenn es um die Lebenshaltungskosten in Bozen geht. Die Statistik zeigt: Obwohl die Nominallöhne in Südtirol auch in diesen letzten Jahren der Krise leicht gestiegen sind, hielten sie nicht mit der Inflationsrate Schritt. Was würden die Arbeitnehmer aber tun, um mehr zu verdienen? Sie würden es vorziehen, mehr Stunden zu arbeiten oder mehr Aufgaben oder Verantwortung bei der Arbeit zu über-nehmen. Nur ein kleinerer Teil wäre bereit, den Arbeitsplatz zu wechseln oder einen Zweitjob zu suchen.

Stellungnahme von AFI-Präsident Toni Serafini

„In dieser Phase ist es besonders wichtig, dass auch die Arbeitnehmer die positiven Auswirkungen des wirtschaftlichen Aufschwungs zu spüren bekommen. Hierzu bedarf es zweierlei Eingriffe: Einerseits müssen die Steuern auf nationaler wie auch auf lokaler Ebene gesenkt und andererseits die Löhne angehoben werden.“

Stellungnahme von Landesrätin Martha Stocker

„Eine Gesellschaft ist nur dann gerecht, wenn – unabhängig von der sozialen Herkunft – die Ausgangsbe-dingungen für alle dieselben sind. Der Auftrag an die Politik ist dabei, die Rahmenbedingungen für diese Chancengleichheit zu stellen, um gemeinsam mit den Sozialpartnern allen die gleichen Möglichkeiten ein-zuräumen. Am Arbeitsmarkt wurde eine positive Trendumkehr eingeleitet. Ich appelliere, in einer konstruk-tiven Zusammenarbeit mit allen Sozialpartnern, Südtirol auf die Herausforderungen der Zukunft vorzuberei-ten.“

Das AFI-Barometer erscheint viermal im Jahr (Winter, Frühjahr, Sommer, Herbst) und wiedergibt das Stim-mungsbild der Südtiroler Arbeitnehmerschaft. Die telefonisch geführte Umfrage umfasst 500 Arbeitnehmer und ist für Südtirol repräsentativ. Die nächsten Umfrageergebnisse werden Mitte Oktober 2015 vorgestellt.

Von: ©mk

Bezirk: Bozen