Eurac Research hat technische Studie erstellt

Auf dem Weg in Richtung Klimaneutralität: Szenarien für Südtirol

Dienstag, 09. August 2022 | 15:30 Uhr

Bozen – Ein interdisziplinäres Team des Bozner Forschungsinstituts hat die Bereiche Verkehr, Gebäude, Energie, Landwirtschaft und rechtliche Rahmenbedingungen analysiert und die Ergebnisse in einem 180 Seiten starken Dokument dargelegt. Es ist frei zugänglich und liefert detaillierte Daten und Szenarien, die als Diskussionsgrundlage für Entscheidungen in der Südtiroler Klimapolitik dienen können. Interessant sind sie auch für Entscheidungsträger aus Landwirtschaft, Industrie und Tourismus.

Die Weltgemeinschaft hat mit dem Pariser Klimavertrag von 2015 beschlossen, alle Maßnahmen zu treffen, um die Klimaerwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen im Idealfall auf maximal 1,5 Grad Celsius. Seit Beginn des Industriezeitalters hat sich die Erde bereits um 1,1 Grad Celsius erwärmt. Es ist inzwischen wissenschaftlich belegt (Bericht des Weltklimarats IPCC 2022), dass ein Überschreiten der 1,5-Grad-Schwelle zu massiven, sich beschleunigenden und irreversiblen Klimaänderungen mit katastrophalen Auswirkungen in allen Teilen der Erde führen wird. Es ist auch belegt, dass das 1,5-Grad-Ziel nur durch eine schnelle und massive Reduktion der Treibhausgasemissionen erreicht werden kann, und dass spätestens bis 2050 weltweit und in allen Sektoren Klimaneutralität, also Netto-Null Emissionen erreicht werden müssen. Das Land Südtirol hat sich mit seiner Initiative „Klimaland Südtirol“ und dem „KlimaPlan Energie – Südtirol 2050“, der seit Sommer 2021 als Entwurf vorliegt, zum Ziel gesetzt, Treibhausgasemissionen erheblich zu reduzieren, um die Pariser Klimaziele zu erreichen.

Im Herbst 2021 beauftragte das Land Südtirol Eurac Research mit einer technischen Studie zur Erreichung der Klimaneutralität. Die Forscherinnen und Forscher gehen der Frage nach: Wie kann ich mit Hilfe technischer Maßnahmen, die Verwendung fossiler Brennstoffe reduzieren, und zwar in den Bereichen Verkehr, Gebäude, Energie, Industrie und Landwirtschaft. Die nun vorliegende Studie legt zunächst diese Rahmenbedingungen auf internationaler, europäischer, nationaler und sub-nationaler Ebene dar und zeigt auch die rechtlichen Handlungsspielräume auf, die Südtirol dank der Autonomie in Sachen Klima und Energie hat. Klarheit bringt das interdisziplinäre Forscherteam dann auch in die Konzepte – was genau bedeutet Kompensation? Was kann in Klimabilanzen als Treibhausgas-Senke eingerechnet werden? – bevor es den Ist-Zustand der einzelnen Bereiche erhebt, mögliche Entwicklungsszenarien aufzeigt und Maßnahmen für die Erreichung der Klimaneutralität darlegt. Die Berechnungen und Analysen wurden in den Monaten Dezember 2021 bis April 2022 durchgeführt und anschließend der nun vorliegende Bericht erarbeitet. Er stellt eine Diskussionsgrundlage für die zukünftige Klimastrategie dar, zeigt rechtliche Handlungsmöglichkeiten auf und analysiert die Auswirkung möglicher Maßnahmen.

Erstmals wird quantifiziert, was durch die Weiterführung der bereits laufenden und die Umsetzung der neu beschlossenen Maßnahmen insgesamt zu erreichen ist: eine Reduktion der CO2-Emissionen aus fossilen Energieträgern bis 2030 um 30 Prozent verglichen mit 2010. Um eine Emissionsminderung von mindestens 45 Prozent zu erreichen – das von der internationalen Staatengemeinschaft auf der COP26 in Glasgow festgelegte Ziel – reicht es demnach nicht aus, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen; zusätzliche Maßnahmen sind notwendig. Dies umfasst den Einsatz neuer Technologien sowie die Verstärkung bestehender technologischer Lösungen. Es bedarf aber auch einer grundsätzlichen Verhaltensänderung in der Gesellschaft in Sachen Konsum, Ernährung, Mobilität. Auf die gesellschaftliche Transformation geht die technisch ausgerichtete Studie nur kurz ein.

Größter Verursacher von CO2-Emissionen in Südtirol ist der Verkehr: Über 50 Prozent der Emissionen aus fossilen Energieträgern gehen auf sein Konto, an erster Stelle auf das der privaten Pkw. Die Studie widmet ihm ein sehr ausführliches Kapitel, in dem beispielsweise vorgerechnet wird, wie viele Emissionen Südtirol einsparen könnte, wenn es 2030 nur noch emissionsfreie öffentliche Busse gäbe – eine der empfohlenen Maßnahmen. Ein anderer zentraler Ansatzpunkt ist, den Umstieg auf E-Mobilität zu beschleunigen, und zwar nicht nur durch finanzielle Anreize: Wer ein Elektrofahrzeug fährt, sollte auch andere Vorteile haben, etwa Busspuren verwenden können, über mehr Flexibilität beim Parken verfügen.

Die Autorinnen und Autoren der Studie gehen natürlich auch auf die neue Gewichtung künftiger Energieträger in Südtirol ein. So wird Elektrizität eine immer bedeutendere Rolle spielen, nicht nur für den Transportsektor, auch im Bereich Heizung und Industrie – Nummer zwei und drei bei den großen Emissionsverursachern in Südtirol. Die Studie führt den wachsenden Bedarf an Elektrizität an und berechnet den notwendigen Ausbau an erneuerbarer Energie – in Südtirol zum Großteil Solarenergie – für die kommenden Jahre. Im Kapitel Landwirtschaft werden die Emissionen sowohl der direkten landwirtschaftlichen Tätigkeit in Südtirol wie ihrer Vor- und Nachleistungen berechnet. Der größte Teil der Emissionen entfällt auf Methan und Lachgas aus der Viehhaltung. Eine mittelfristige Umstellung auf pflanzliche Kulturen in klimatisch günstigen Lagen sowie eine Extensivierung der Viehhaltung in hohen Lagen können Emissionen deutlich reduzieren, zeigt die Studie, ebenso verschiedene technische Maßnahmen und der Ausbau des ökologischen Landbaus. Als eine weitere wichtige Maßnahme wird die Umstellung auf recyclebare und energiearme Verpackungsmaterialien in der Obst- und Weinwirtschaft angeführt.

Die technische Studie von Eurac Research zeigt auf, dass die Energiewende für Südtirol auch Chancen bergen kann. Der Umbau des Südtiroler Gebäudebestands hin zu mehr Energieeffizienz und Nutzung erneuerbarer Energien etwa ist nicht nur in der Lage, die Emissionen massiv zu verringern, sondern bedeutet gleichzeitig eine Investition in die lokale Wirtschaft und in Arbeitsplätze vor Ort. Selbst produzierter erneuerbarer Strom reduziert die Stromkosten und reduziert die Abhängigkeit von stark schwankenden Märkten was wiederum die Resilienz steigert.

Von: luk

Bezirk: Bozen

Kommentare

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15 Kommentare auf "Auf dem Weg in Richtung Klimaneutralität: Szenarien für Südtirol"


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primetime
primetime
Kinig
1 Monat 15 Tage

Das interessanteste Wort in diesem Artikel ist “weltweit”. Das sag mal den Chinesen, Russen und Südamerikanern (auch den USA). Die zeigen dir den Vogel

N. G.
N. G.
Kinig
1 Monat 15 Tage

Natürlich kann jeder mit dem Finger auf den anderen zeigen und gar nichts tun. Am Ende gucken wir dann alle dumm aus der Wäsche!
Oder wir tun, was möglich ist. Richtig viel Geld dafür in die Hand nehmen will auch keiner und da fängt das Problem an, denn wie wollen Politiker dem Wähler Volk beibringen, dass das Geld nicht für Kinkerlitzchen und oder dessen Bereicherung ausgegeben werden sollte wenn die Hälfte der Menschen keine Ahnung hat was auf uns zu kommt und der Rest es leugnet!

sarkasmus
sarkasmus
Tratscher
1 Monat 14 Tage

Den vogel ist harmlos ausgedrückt, die lachen sich kaputt

primetime
primetime
Kinig
1 Monat 14 Tage

Stimmt ja nur teilweise. Es bringt auf globaler Sicht nicht wirklich viel wenn vereinzelte Staaten und deren Bürger Milliarden investieren für die Wende aufbringen und im gleichen Moment auf der anderen Seite der Welt weiterhin Dreck in die Luft gepumpt wird.
Nur für das eigene gewissen nennt man Placebo

Nordler
Nordler
Grünschnabel
1 Monat 14 Tage

@primetime Ist das wirklich das Erste und Einzige, was dir zum Thema einfällt? ich kann das China-Argument bald nimmer hören. Der Klimawandel ist nicht mehr nur berechenbar, sondern für alle spürbar und beobachtbar. Was, bitte schön, hindert uns daran, konstruktiv darüber nachzudenken, was wir TUN können, so wie in vielen anderen Ländern auch? Es gibt so viele Möglichkeiten, die nicht wirklich viel kosten, sondern nur eine Prioritätenverschiebung bedeuten. Selbst China und Co. werden eines Tages die ganze Problematik begreifen und nachziehen. Aber sollen wir auf die warten? Und und damit von China abhängig machen?

Nordler
Nordler
Grünschnabel
1 Monat 14 Tage

@primetime
Die Frage ist doch, was es kostet, nichts zu unternehmen. Siehe hier
https://www.suedtirolnews.it/politik/klimawandel-verursacht-milliardenkosten-in-deutschland

primetime
primetime
Kinig
1 Monat 14 Tage

@Nordler es ist leider Fakt dass China eines der Lânder mit höchstem die Ausstoß ist. Du solltest nochmal meine Aussage in Ruhe durchlesen.
Wenn du es dann verstanden hast wirst du auch einsehen dass dein Kommentar falsch ist

primetime
primetime
Kinig
1 Monat 14 Tage

Ach, trotz schlechter Laune will ich mal nicht so sein und erklär es dir. Es ging mir nicht darum “Wenn andere nichts machen, mach ich auch nichts”. Keinesfalls!
Aber die Klimakrise ist ein globales Problem und wenn da die großen Luftverpester (die oben zitierten) nicht auch DRASTISCH einlenken dann wird man das Problem zwar verlangsamen aber nicht erheblich.
Und wie man diese Staaten kennt zählt für denen in erster Linie die Wirtschaft und deren Reichtum, nicht das Klima
Wenn nur Europa Klimaneutral wird dann ist das sicherlich gut, aber nicht mal ein Tropfen auf den heißen Stein

Nordler
Nordler
Grünschnabel
1 Monat 13 Tage

@primetime Soweit ich zu 100% bei dir. Worüber ich mich ärgerte, ist, dass die erste Reaktion lautet: Die anderen werden uns einen Vogel zeigen. Statt: Toll, dass es eine so hchwertige und seriöse Studie gibt. Lasst uns überlegen, was das für uns bedeutet, was wir damit anfangen, was wir daraus ableiten…

primetime
primetime
Kinig
1 Monat 13 Tage

Aber es ist ja die Realität. Warum sollte ich die Augen vor der verschließen? Also wirklich….

Johannes
Johannes
Superredner
1 Monat 15 Tage

Der Befall des Borkenkäfers in den Südtiroler Wäldern und die damit einhergehende Baumsterbekrise wird Südtirol in den nächsten Jahren massiv beschäftigen. Vor allem aber das bereits heute teilweise wegbrechen der Schutzfunktion von Wäldern in einigen Tälern, durch das bereits flächendeckende Absterben kann im Winter zu Lawienen und im Sommer zu Steinschlägen und Hangrutschungen führen.

bern
bern
Universalgelehrter
1 Monat 14 Tage

Ja, der Borkenkäfer wird Südtirol verändern, dagegen sind ein paar Schigebiete mehr oder weniger ein Klaks. Viele Hänge werden abrutschen, manch Berg wird anders aussehen.

Krissy
Krissy
Universalgelehrter
1 Monat 15 Tage

Fangen wir mal damit an, dass die “Schönheitskriterien” für Obst und Gemüse abgeschafft werden.
Es gibt genug Menschen, den es egal ist, ob eine Gurke krumm oder eine Banane gerade ist.

Rainer Zufall
1 Monat 15 Tage
klinge83
klinge83
Grünschnabel
1 Monat 14 Tage

Dor falco isch a eurac in foll

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