Leitzinssatz auf einem neuen Rekordtief

Bank of England stemmt sich gegen Brexit-Folgen

Donnerstag, 04. August 2016 | 16:48 Uhr

Leitzins runter, Anleihekäufe rauf – die britische Notenbank stemmt sich mit allen Mitteln gegen die negativen Folgen des Brexit-Votums. Mit dem am Donnerstag veröffentlichten Maßnahmenpaket überraschte die Bank of England die Finanzmärkte. Doch Experten sind sich sicher, dass die Notenbank den Brexit-Schock alleine kaum aufhalten kann.

Dabei hat die Bank of England alles gegeben: So wurde der Leitzins auf ein neues Rekordtief von 0,25 Prozent gesenkt – so niedrig stand er in der Geschichte der Bank seit ihrer Gründung im Jahr 1694 noch nie. Selbst in der Finanzkrise 2009 lag der Zinssatz höher. Außerdem weitete sie ihr Anleihekaufprogramm merklich aus. Ferner kauft sie auch Unternehmensanleihen.

“Die Londoner Währungshüter reagieren damit nicht gerade zimperlich auf die spürbar gefallenen Konjunkturindikatoren”, kommentierte Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank. Die Wahrscheinlichkeit, dass die britische Wirtschaft im Sommer schrumpft, nehme täglich zu.

Notenbankchef Mark Carney hatte schon vor der Brexit-Entscheidung vor den wirtschaftlichen Folgen eines EU-Austritts gewarnt. Er war dafür heftig von Austrittsbefürwortern angegriffen worden. Nun scheint er Recht zu behalten. Die jüngsten Frühindikatoren zur Unternehmens- und Verbraucherstimmung sind regelrecht eingebrochen. So signalisiert der Einkaufsmanagerindex für die Industrie im Juli einen merklichen Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität. Im Dienstleistungssektor ist der Indikator so stark gefallen wie zuletzt vor 20 Jahren.

Kann die Bank of England nun die Folgen der Brexit-Abstimmung auffangen? “Die Notenbank kann einen großen strukturellen Schock nur teilweise ausgleichen”, sagte Carney. “Großbritannien ist in einer Phase der Unsicherheit.” Vor allem das unklare künftige Verhältnis zur Europäischen Union belastet die Wirtschaft.

Die Verhandlungen mit der EU über einen Austritt haben noch nicht einmal begonnen und könnten sich über Jahre hinziehen. Dabei ist die Wirtschaft auf gute Handelsbedingungen und einen Zugang zum europäischen Binnenmarkt angewiesen. Schließlich hat das Land ein großes Defizit im Außenhandel und braucht ausländische Investitionen.

Helfen könnte jedoch das nach dem Brexit-Votum und der Zinsentscheidung gefallene britische Pfund. So ist das Pfund am Donnerstag zum Dollar nochmals um zwei Cent gesunken. Die Exportchancen der britischen Unternehmen steigen damit, da ihre Waren auf dem Weltmarkt billiger werden.

Allerdings könnten die gestiegenen Einfuhrpreise zu einer steigenden Inflation in Großbritannien führen. Das wiederum könnte den Spielraum der Notenbank zur Stützung der Wirtschaft beschränken. “Die Schadensbegrenzung bei der Erosion der wirtschaftlichen Aktivität nach dem Brexit-Votum erfolgt um den Preis einer nachhaltig schwachen Währung und steigender Inflationsraten”, kommentierte Jens Kramer von der NordLB. Darum seien die Briten zu beneiden.

Will die Notenbank denn noch mehr tun? “Alle Elemente des Paktes können ausgeweitet werden”, sagte Carney. Bis zum Jahresende könnte der Leitzins bei nahe Null liegen. Eine relativ deutliche Ansage: “Damit behält die Bank of England den Trumpf in der Hand, bei einer künftigen Verschlechterung der Wirtschaftslage nachlegen zu können”, sagt Katrin Löhken, Analystin Volkswirtschaft bei Sal. Oppenheim.

Negativzinsen wie die Europäische Zentralbank und die japanische Notenbank will die Bank of England jedoch nicht einführen. “Es ist sehr klar, dass die Untergrenze bei über Null liegt”, versicherte Carney. Es gebe andere Optionen als Negativzinsen.

Entscheidend für den künftigen Kurs der britischen Notenbank dürften nun die neuen britischen Konjunkturdaten und das Verhalten der Politik sein. Schließlich haben sich immerhin schon am Donnerstag drei der neun Notenbankmitglieder gegen eine Ausweitung der Anleihekäufe ausgesprochen. Die bisher veröffentlichten Frühindikatoren könnten die Probleme überzeichnen, so ihre Begründung.

Von: APA/ag.

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