Neben hohem Verwaltungsaufwand brachte Brexit auch Personalmangel

Britische Unternehmen klagen über Folgen des Brexit

Donnerstag, 29. Dezember 2022 | 12:22 Uhr

Zwei Jahre nach dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union leidet die britische Wirtschaft unter den Folgen des Brexit, und selbst Unternehmer, die dafür gestimmt hatten, klagen über Probleme. “Es gibt nur Kosten, Kosten, Kosten – keinen Nutzen”, sagt Adrian Hanrahan, Geschäftsführer von Robinson Brothers.

Für das kleine Chemieunternehmen in Mittelengland ist die EU nach wie vor ein wichtiger Markt ist. Das Problem seien nicht etwa Zölle, sagt Hanrahan. Denn die sind durch ein Freihandelsabkommen zwischen London und Brüssel weitgehend abgeschafft worden. Mit dem EU-Austritt der Briten kam jedoch eine Flut neuer Regeln.

“Wir haben jetzt wahrscheinlich 25 Prozent mehr Verwaltungskosten, nur um mit dem Papierkram fertig zu werden”, klagt der Unternehmer. Robinson Brothers exportiert rund 70 Prozent seiner Produkte, davon mehr als die Hälfte in die EU. Das Unternehmen beschäftigt 265 Mitarbeiter und produziert Chemikalien für verschiedene Branchen wie Lebensmittel, Elektronik und Pharma.

Mit seinen Problemen ist Hanrahan nicht allein. Nach Angaben der britischen Handelskammer haben 56 Prozent der britischen Firmen Schwierigkeiten, sich an die neuen Regeln im Handel mit der EU anzupassen. “Die Unternehmen haben das Gefühl, dass sie gegen eine Wand rennen, weil nichts getan wurde, um ihnen zu helfen”, sagt die Generaldirektorin der Kammer, Shevaun Haviland. “Je länger die gegenwärtigen Probleme nicht angepackt werden, umso mehr EU-Händler gehen woanders hin und umso größer ist der Schaden.”

Die Regierung von Premierminister Rishi Sunak gibt an, sie gehe davon aus, dass die britische Wirtschaft aufgrund der ausufernden Inflation wegen Energiepreiskrise und Ukraine-Krieg in eine Rezession eingetreten ist. Analysten machen jedoch auch den Brexit für die stark gestiegenen Lebenshaltungskosten auf der Insel verantwortlich.

“Es gibt handfeste Beweise dafür, dass die Abwertung des Pfund Sterling unmittelbar nach dem Brexit-Votum von 2016 zu einer höheren Inflation geführt hat, vor allem bei Importgütern”, sagte Nikhil Datta von der London School of Economics. Neue Handelsabkommen, wie das mit Australien, seien im Vergleich zu den Verlusten im Handel mit der EU “winzig”.

Swati Dhingra von der Bank of England bescheinigt dem Brexit, für “eine deutlich stärkere Verlangsamung des Handelsaufkommens in Großbritannien im Vergleich zum Rest der Welt” verantwortlich zu sein. Jonathan Portes vom King’s College London schätzt den Handelseinbruch auf zehn bis 15 Prozent ein – “im Vergleich zu einem Szenario ohne Brexit”. Das Beratungsgremium der Regierung (OBR) geht davon aus, dass die britische Industrieproduktion langfristig um rund vier Prozent sinken wird.

Schwer lastet auch der Verlust von Arbeitnehmern aus der EU auf den Unternehmen, besonders im Gesundheitsbereich, in der Gastronomie und Landwirtschaft. Teils wurde seit dem Brexit Personal aus Nicht-EU-Ländern rekrutiert, wodurch der Personalmangel jedoch nicht ausgeglichen werden konnte.

Angesichts der Folgen drängen auch Großunternehmer, die für den Brexit gestimmt haben, die Regierung zu Lockerungen beim Einwanderungsrecht. “In Sachen Einwanderung ist es sicher nicht der Brexit, den ich wollte”, sagte Simon Wolfson, Chef des Bekleidungsriesen Next. Ähnlich äußerte sich Tim Martin, Chef des Pub-Kette Wetherspoon.

Für Robinson Brothers geht es ums Überleben. “Wenn das so weitergeht, haben wir keine andere Wahl, als unser Angebot zu reduzieren, um im Geschäft zu bleiben”, sagt Geschäftsführer Hanrahan. “Wir hatten zwei oder drei sehr große deutsche Kunden, die uns sagten, dass sie nicht mehr zu uns kommen werden, weil es für sie zu kompliziert ist, mit jemandem in Großbritannien zusammenzuarbeiten.”

Von: APA/AFP

Kommentare

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11 Kommentare auf "Britische Unternehmen klagen über Folgen des Brexit"


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Doolin
Doolin
Kinig
1 Monat 2 Tage

…das hat man ja vorausgesagt…war zu erwarten…
😆

N. G.
N. G.
Kinig
1 Monat 2 Tage

Doolin, man hat auch vorausgesagt was Putin vor hat. Schon vor 2014. Warum wurde nichts bzw. das Gegenteil getan?
Ist das nicht seltsam?

Doolin
Doolin
Kinig
1 Monat 2 Tage

@N. G.
…nach seinen Kriegen in Tschetschenien, Georgien und Syrien hätten wohl die wenigsten gerechnet, dass er sogar in Mitteleuropa eine Schlachterei anfangen wird… dir wird es dein Idol schon verraten haben…

Rudolfo
Rudolfo
Kinig
1 Monat 1 Tag

@N. G….würde die westliche, FREIE Welt auf jeden Aggressor und Provokatuer immer militärisch, und nichts anderes meinst Du, reagieren, hätten wir schon lange einen III. WK !! Und ein Solcher würde nicht mit Panzern und 5000 !! Helmen🙈 geführt werden. Wünscht Du dir das ? Niemand sollte die Hoffnung aufgeben, dass auch Despoten einmal von selber Umdenken oder von noch normal tickenden Landsleuten zum Umdenken (um)gebracht werden….

N. G.
N. G.
Kinig
1 Monat 2 Tage

Ach ne! Wer hätte das gedacht! GRINS GRINS GRINS

Neumi
Neumi
Kinig
1 Monat 2 Tage

Auch wenn’s keiner von denen liest: “Was habt ihr denn erwartet?”

Die sind jetzt an dem Punkt, wo Europa vor der EU war. Ständig wird von Stänkerern hier gefragt, was die EU bringt. Fragt mal die Engländer.

Zugspitze947
1 Monat 1 Tag

Tja die Briten Büßen massiv ! Jede Woche gibt es ca 300 Wohnungsräumungen ,die Mieter bzw Hausbesitzer werden einfach auf die Strasse gesetzt. 95 % der Wirtschaft fusst nur auf KLEINBETRIEBE die zu 60 % alle hoch verschuldet sind…….. Aber selber SCHULD ! 😡😝👌

Amadeus
Amadeus
Tratscher
1 Monat 1 Tag

Sie klagen, das ist doch nicht möglich. Es ist halt so gekommen, wie die ganze Welt es vorausgesagt hat, nur die Briten selber haben da scheinbar überhaupt nichts mitbekommen. 

Rudolfo
Rudolfo
Kinig
1 Monat 1 Tag

Was für eine Überraschung🤣🤣🤣. Das konnte nun wirklich Niemand, der wirre 🙈 Boris schon gar nicht, voraussehen 🙈🙈. Nur ein paar Tausend “unbedeutende” und “nicht kompetente” Wirtschafts- und Finanzexperten haben vorzeitig und gebetsmühlenartig vor den Folgen eines Brexit gewarnt. Boris J. dachte halt, er spart sich durch den Austritt aus der EU viele Milliarden, kann aber trotzdem weiterhin deren Vorteile nutzen. Klarer Fall von “durch das linke Knie ins (eigene) rechte Auge geschossen…

Zugspitze947
1 Monat 9 h

Rudolf: der hat dem Volk schon in beide Knie und Augen gschossen 🙁

Unioner
Unioner
Tratscher
1 Monat 20 h

Von Stolz kann man sich nichts kaufen und man wird nicht satt. Die Zeit als das Empire groß und mächtig war ist schon lange vorbei nur die Briten waren gedanklich 100 Jahre zurück.

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