Zwei Welten: Rechts das erste iPhone von 2007, links das iPhone X von 2017

Das iPhone X im Praxistest

Donnerstag, 02. November 2017 | 11:37 Uhr

Zum Jubiläum “Zehn Jahre iPhone” hat Apple einen großen Wurf versprochen. Das iPhone X zeige die Richtung, in die sich die Entwicklung der Smartphones im kommenden Jahrzehnt bewege, sagte Konzernchef Tim Cook. Ein Realitäts-Check im Praxistest.

Zehn Jahre nach dem ersten iPhone geht jetzt das neue iPhone X an den Start – in den Handel kommt es am 3. November. Ein beinahe randloses Display, kein Home-Button und eine komische Einbuchtung oben am Bildschirm: Auf den ersten Blick wird klar, dass es sich nicht um eine Weiterentwicklung der Vorgängermodelle handelt. Das spürt man auch gleich, wenn man das Gerät in die Hand nimmt.

Obwohl das iPhone X von den äußeren Abmessungen her im Vergleich zum iPhone 8 Plus deutlich kompakter ausfällt, hält man das größte Display in der Hand, das Apple bisher in einem iPhone verbaut hat. Die Bildschirmdiagonale beträgt 5,8 Zoll bei einer Auflösung von 2.436 x 1.125 Pixel. Das ist möglich, weil das Display oben und unten nun beinahe ohne Rand auskommt.

Für die runde Home-Taste mit Fingerabdrucksensor war kein Platz mehr. Deshalb setzt Apple beim iPhone X auf eine dreidimensionale Gesichtserkennung namens Face ID. Sie lässt sich einfach und flott einrichten. Man muss wie bei einer Selfie-Aufnahme das iPhone X vor das Gesicht halten und zwei Mal hintereinander mit der Nase eine kreisförmige Bewegung vollführen – das war es schon.

Im Praxistest funktioniert Face ID mindestens so zuverlässig wie die Entsperrung mit dem Fingerabdruck bei den vorherigen iPhone-Modellen. Nur bei einer spiegelnden Sonnenbrille macht Face ID nicht mit. Auf fremde Gesichter reagiert das Gerät nur mit einer kurzen Vibration.

Die Gesichtserkennung kommt auch bei einer netten Spielerei zum Einsatz, den Animojis. In der Nachrichten-App kann man animierten Emojis wie Schweinchen, Hase, Alien, Kothaufen oder Einhorn mit seinem Gesicht Leben einhauchen, mit der eigenen Stimme sprechen lassen und als iMessage versenden.

Einen Nachteil gibt es aber: Konnte Touch ID sich fünf Fingerabdrücke merken, speichert Face ID nur ein einziges Gesicht. Wollen andere Menschen das Gerät nutzen, ist das nur über den Sperrcode möglich.

Über eine neue Wischgeste vom unteren Bildschirmrand nach oben kann man auch aus einer App auf den Home-Screen wechseln. Daran gewöhnt man sich nach kürzester Zeit. Etwas gewöhnungsbedürftiger ist die Geste, um zwischen geöffneten Apps zu wechseln. Dazu muss man beim Wischen von unten in der Mitte des Bildschirms stoppen. Das Kontrollzentrum wird nun per Wisch von rechts oben aufgerufen.

Beim Bildschirm setzt Apple erstmals auf die OLED-Technologie, also auf organische, selbst strahlenden Leuchtdioden. Das Ergebnis ist ein helles kontrastreiches Display ohne große Farbverschiebungen bei unterschiedlichen Blickwinkeln. Fotos und Videos stellt es brillant dar. Mancher wird sich an der Aussparung am oberen Bildschirmrand stören, dort, wo die “TrueDepth”-Kamera sitzt. Im Test fällt der dunkle Bereich – von Apple-Kritikern spöttisch “the notch” (die Kerbe) getauft – aber schon nach wenigen Stunden kaum mehr auf.

Damit Apps komplett in dem länglichen Bildformat dargestellt werden, müssen die Programme auf das neue System angepasst werden. Bei den eigenen Apps hat Apple das schon erledigt. Auch Facebook, Instagram, Snapchat, Twitter und viele andere Apps sind vorbereitet. Viele andere Entwickler müssen noch nachbessern.

Wie beim iPhone 8 verbaut Apple bei iPhone X auf der Rückseite Glas. Damit wird es möglich, ein iPhone drahtlos aufzuladen, indem man es auf eine Ladematte legt, ohne das Smartphone mit einem Ladekabel anzustöpseln. Bei der Kamera kommen – wie beim iPhone 8 Plus – zwei Sensoren und Linsen zum Einsatz. Erstmals sind beide mit einem optischen Verwacklungsschutz ausgestattet. Zudem ist das Teleobjektiv ein wenig lichtstärker als beim 8 Plus (Blende f/2.4 statt f/2.8).

Bei hellem Licht ist im Alltag kaum ein Unterschied zu erkennen. Bei Kerzenschein oder wenig Licht geraten die Bilder des iPhone X aber ein wenig detailreicher. Spürbar besser als beim iPhone 8 fallen auch die Selfies aus, weil mit der “TrueDepth”-Technologie erstmals ein spezieller Porträtmodus auch für die Frontkamera angeboten wird. Damit kann man bei Selfies den Hintergrund unscharf erscheinen lassen, so wie bei professionellen Porträtfotos.

In anderen Bereichen vertraut Apple auf die Komponenten, die auch im iPhone 8 stecken. Herzstück ist der iPhone-Chip A11 Bionic mit sechs Rechenkernen. Er soll besonders stromsparend arbeiten. Im Vergleich zum iPhone 7 (rund 15 Stunden bei durchschnittlicher Nutzung) fällt die Akkulaufzeit zwei Stunden länger aus.

Ein quasi randloser OLED-Bildschirm, eine funktionierende Gesichtserkennung und eine sehr gute Kamera: Die Hauptvorteile des iPhone X sind schnell aufgezählt. Der entscheidende Vorteil ist aber, dass man sich auf der Suche nach dem stärksten iPhone nicht mehr für die große Plus-Variante des iPhones im Phablet-Format entscheiden muss, sondern ein deutlich kompakteres Gerät auswählen kann.

Das alles hat aber seinen – für manche Interessenten wohl utopisch hohen – Preis: Das iPhone X mit 64 Gigabyte (GB) Speicher kostet knapp 1.149 Euro. Mit 256 GB müssen sogar 1.318 Euro investiert werden.

Von: APA/dpa

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