Künstliche Intelligenz soll den Klang der Lieblingsmusik verbessern

Der Google Home Max im Test

Mittwoch, 12. September 2018 | 10:27 Uhr

Mit dem Google Home Max greift der Internet-Riese die smarten Lautsprecher von Apple und Sonos an. Das sprachgesteuerte Schwergewicht mit schlichtem Design soll vor allem beim Klang überzeugen.

“Hast du neue Boxen?”, fragt der Nachbar eines Abends beim zufälligen Treffen am Briefkasten. “Oh, das hörst du?” Die Befürchtung war schon tagelang da. Grund ist der Google Home Max, ein Lautsprecher mit so viel Bass, dass auch die Nachbarn “Freude” daran haben.

Eine knappe Woche wohnt Googles neuester smarter Lautsprecher nun schon im Wohnzimmer auf der Kommode. Groß wie eine halbe Bierkiste, knapp 5,5 Kilo schwer, aus mattweißem Kunststoff mit grauer Stoffbespannung – vom Design her passt er ganz gut zu Zusammenbau-Möbeln aus Schweden. Es ist nicht Googles erster Lautsprecher. Doch während Google Home und Google Home Mini Audiofreunde kaum in Aufregung versetzen, lag beim Home Max der Fokus der Entwickler um Mark Spates auf dem Klang. Der Google Home Max soll nicht nur Fragen beantworten, das Smart Home steuern und Musik abspielen. Er soll dabei auch noch gut klingen.

Die Einrichtung ist denkbar einfach. Einschalten, kurz warten, während die vier bunten LED hinter der Stoffbespannung blinken, Google-Home-App aufrufen, Gerät mit Konto verknüpfen, WLAN-Passwort eingeben, fertig. Jetzt kann der Home Max per “Hey Google”, “OK Google” und lustigerweise auch per “Hey Bubu” aktiviert werden und spielt auf Kommando Radiosender ab, die Lieblingsmusik über Streamingdienste wie Spotify, Play Music oder Youtube Music Unlimited oder erinnert nach elf Minuten an die Pasta auf dem Herd. Auch Wettervorhersagen, Kalender vorlesen oder Fragen a la “Wie heißt der Ministerpräsident von Kanada?” sind kein Problem.

Damit das funktioniert, lauscht der Home Max mit einem Fernfeld-Mikrofon-Array aus mindestens vier Mikrofonen in den Raum, bis er sein Aktivierungskommando hört. Ab dann werden alle – wirklich alle – Sprachkommandos aufgezeichnet, zu Google geschickt, ausgewertet und im Google-Konto gespeichert. Wer nicht ganz so Technik-affinen Besuch beruhigen will oder einfach mal unbelauscht sein will, drückt den Schalter an der Rückseite des Home Max. Dann schalten sich die vier LED an der Front auf Orange, und das Gerät verkündet: “Die Mikrofone wurden ausgeschaltet”.

Doch wie sieht es jetzt mit der guten Musikwiedergabe aus? Hier setzen Googles Entwickler nach eigenen Angaben auf zwei Standbeine. Das erste sind zwei 4,5 Zoll Tieftöner mit ordentlich Hub und zwei 0,7-Zoll-Hochtöner. Dazu gibt es eine Silikonunterlage, die Vibrationen verhindern soll. Das zweite Standbein soll die künstliche Intelligenz sein. Der Home Max passt sich an seine Position im Raum an und steuert die Musikausgabe den Bedingungen entsprechend aus, erklärt Google-Mitarbeiter Mark Spates. Smart Sound nennt sich diese Einmesshilfe. Außerdem soll er lernen, was die Besitzer hören, was sie mögen und mit Hilfe von künstlicher Intelligenz den Klang verbessern. Wie genau das passiert, bleibt allerdings auch auf Nachfrage etwas unklar.

Fakt ist: Für einen einzelnen Lautsprecher klingt der Google Home Max ziemlich gut. Er hat ordentlich Bass, hörbare Mitten und leider teils etwas verwaschene Höhen. Allerdings wird der Klang klarer, je weiter man aufdreht – die Nachbarn danken es. Und wie bei der Bassrolle früher im VW Polo haben sie auch deutlich mehr vom Bass als man selbst. Die Steuerung der Lautstärke und Wiedergabe erfolgt per Sprache, was bis zu einer gewissen Lautstärke auch ohne zu viel Schreien funktioniert. Die Empfindlichkeit der Mikrofone ist teils geradezu erschreckend gut. Deutlich praktischer ist aber die berührungsempfindliche Fläche – hier wird per Wischgeste lauter und leiser gemacht.

Wer will, kann den Home Max auch zur Soundzentrale machen und über USB-C, Mini-Klinke oder Bluetooth andere Tonquellen anschließen – und sie etwas umständlich per “Hey Bubu, schalte auf Aux-Eingang” ansteuern. Auch Drittanbieter-Musik-Apps funktionieren gut, besonders wenn sie eine eingebaute Cast-Funktion haben.

Im Alltag gewöhnt man sich schnell an “Bubu”, wie der Lautsprecher nach kurzer Zeit wegen des Kommandos nur noch heißt. Einige Dinge lassen sich per Sprache wirklich viel einfacher lösen als per Smartphone. Morgens das Radio anschalten, Nachrichten abhören, Wetterbericht einholen. Praktisch. Auch smarte Lampen, Thermostate und Fernseher lassen sich steuern. Allzu viel sollte man dem Gerät aber nicht zumuten. Denn der Google Assistant im Home Max ist nach wie vor kein wirklicher Assistent im eigentlichen Sinne. Man muss ihm dann doch alles sagen. Und weil die Befehle teils arg eng gefasst sind, braucht es oft mehrere Versuche – häufig gibt es die Antwort “Tut mir leid, da kann ich noch nicht helfen”.

Gut, dass der Google Assistant jetzt auch in zwei Sprachen angesteuert werden kann. Wer des Englischen mächtig genug ist, stellt es einfach als zweite Sprache ein. Sowohl die Sprachausgabe als auch die Funktionalität sind deutlich besser. Der Klang bleibt derselbe. Wer mag, holt sich noch einen zweiten Home Max und koppelt beide Geräte, so gibt es Stereoton und Multiroom-Sound – und für die Nachbarn doppelt so viel Bass.

Alles in allem ist der Google Home Max eine sinnvolle Erweiterung von Googles Lautsprecher-Portfolio. Der Klang ist in Ordnung, wenn auch etwas basslastig, Einrichtung und Bedienung gehen leicht von der Hand. Wer nicht dauernd mit dem Gerät sprechen will, kann viele Funktionen auch über die Google Home App für iOS und Android regeln. Etwas fraglich ist, ob Google damit im hiesigen Markt den großen Treffer landen wird. Mit 400 Euro pro Stück ist der Home Max nicht gerade im Einsteigersegment angesiedelt und an Konkurrenzprodukten mit Google Assistant, Siri oder Alexa an Bord mangelt es nicht. Ein bisschen Wehmut bleibt nach dem Auszug des Home Max zurück – wenn das Radio am Morgen wieder per Hand gestartet werden muss. Ein wenig. Nur der Nachbar, der vermisst ihn nicht.

Von: APA/dpa

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