Auch das Niedrigwasser auf dem Rhein bremste die Wirtschaft

Deutsche Ökonomen rechnen mit Rezession im Winter

Freitag, 07. Oktober 2022 | 12:38 Uhr

Die schlechten Nachrichten aus der deutschen Wirtschaft häufen sich: Die Unternehmen drosselten ihre Produktion im August so stark wie seit dem Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine nicht mehr, während die inflationsgeplagten Verbraucher weniger Geld beim Shoppen ausgaben. Der von teurem Gas getriebene kräftigste Anstieg der Importpreise seit 48 Jahren signalisiert zudem, dass bei der Inflation das Schlimmste noch bevorsteht.

“Alles deutet auf eine Rezession im Winterhalbjahr hin”, fasste Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer die am Freitag vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Daten zusammen.

Industrie, Bau und Energieversorger drosselten ihre Produktion im August wegen hoher Energiepreise und starker Behinderungen durch das extreme Niedrigwasser am Rhein zusammen um 0,8 Prozent zum Vormonat. Das ist der kräftigste Rückgang seit März, dem ersten vollen Monat seit Kriegsbeginn. “Die nach wie vor große Unsicherheit über den Fortgang des Kriegs in der Ukraine und die praktisch versiegten Gaslieferungen aus Russland haben die Aktivitäten in der Industrie gedämpft”, kommentierte das Bundeswirtschaftsministerium. Die Industrie allein verringerte ihren Ausstoß um 0,1 Prozent. Im Baugewerbe wurde die Produktion um 2,1 Prozent verringert, während die Energieerzeugung um 6,1 Prozent schrumpfte.

In den energieintensiven Industriezweigen – die besonders unter der massiven Verteuerung von Energie leiden – schrumpfte die Produktion mit 2,1 Prozent überdurchschnittlich. Zudem bremste das Niedrigwasser – insbesondere auf dem Rhein, wo die Pegelstände im Sommer mancherorts unter die Nullmarke fielen und die Binnenschifffahrt teilweise zum Erliegen brachten. “In der Herstellung von chemischen Erzeugnissen und in der Kokerei und Mineralölverarbeitung dürfte die Produktion im August unter anderem durch die Einschränkungen im Gütertransport in der Binnenschifffahrt infolge des starken Niedrigwassers beeinträchtigt gewesen sein”, hieß es dazu vom Statistikamt.

Den Einzelhändlern wiederum macht die schwindende Kaufkraft der Verbraucher zu schaffen. Ihr Umsatz sank im August inflationsbereinigt (real) um 1,3 Prozent zum Vormonat. Merklich zurückhielten sich die Konsumenten beim Kauf von Lebensmitteln: Hier verbuchte der Einzelhandel einen realen Umsatzrückgang von 1,7 Prozent zum Vormonat und sogar von 3,1 Prozent zum Vorjahresmonat. “Damit lag der Einzelhandel mit Lebensmitteln auf dem niedrigsten Umsatzniveau seit Jänner 2017”, so die Statistiker.

“Die Verbraucher schnallen den Gürtel enger”, sagte dazu der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel. “Der Lebensmittel-Einzelhandel bekommt derzeit die volle Breitseite der Teuerung ab. Die Bürger sparen an der täglichen Nahrung.” Die realen Umsätze der Tankstellen stiegen dagegen 14,0 Prozent zum Vormonat und damit so stark wie noch nie seit Beginn der Statistik 1994. “Möglicherweise haben die Konsumenten den letzten Monat des Tankrabatts genutzt, um ihre Vorräte noch einmal aufzufüllen”, so das Statistikamt. Die Bundesregierung hatte den Rabatt von Juni bis August eingeführt, um die Inflation zu dämpfen.

Diese dürfte ihren Höhepunkt erst in den kommenden Monaten erreichen. Darauf deuten die Importe hin, die sich im August angesichts der Gasknappheit so stark verteuert haben wie seit 1974 nicht mehr. Die Einfuhrpreise erhöhten sich um 32,7 Prozent zum Vorjahresmonat. Preistreiber Nummer eins blieb angesichts des russischen Kriegs die Energie: Deren Einfuhren verteuerten sich um 162,4 Prozent. “Der hohe Anstieg im Vorjahresvergleich ist weiterhin vor allem durch die starken Preissteigerungen bei importiertem Erdgas begründet”, erklärten die Statistiker. Diese Preise lagen viermal so hoch wie ein Jahr zuvor. Allein im Vergleich zum Vormonat Juli stiegen sie um 48,2 Prozent. Elektrischer Strom kostete an den Börsen sogar 464,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

“Wir brauchen keine Kristallkugel, um eine weitere Schwächung der deutschen Industrie in den kommenden Monaten zu erkennen”, sagte ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski. “Die vollen Auswirkungen der höheren Energiepreise werden erst gegen Jahresende spürbar werden.” Das treibt Deutschland auch nach Einschätzung der Bundesregierung in eine Rezession. In der Herbstprojektion gehe sie für 2023 nach vorläufigen Zahlen von einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 0,4 Prozent aus, erfuhr Reuters von zwei mit den Berechnungen vertrauten Personen. Für das laufende Jahr werde die Wachstumserwartung voraussichtlich zurückgenommen auf 1,4 Prozent. Der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) stellt die Projektion kommenden Mittwoch vor.

Von: APA/Reuters

Kommentare
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Spiegel
Spiegel
Universalgelehrter
2 Monate 1 Tag

Wir schaffen das. Geld in die Panzer und auf gehts! Danke Grüne

Hustinettenbaer
2 Monate 1 Tag

Na dann boomt ja wenigstens ein Wirtschaftszweig.
Die Abwärme der Stahlproduktion etc. nutzen wir fürs Backen….(und Brauen !).
CO2-neutrale Panzer. Das wird der Verkaufsknaller.

Rudolfo
Rudolfo
Universalgelehrter
2 Monate 1 Tag

@Spiegel…die “Grünen” haben weder Fledermäuse gezüchtet, noch einen Krieg begonnen und auch nicht die Abschaltung der deutschen Atomkraftwerke beschlossen.

Spiegel
Spiegel
Universalgelehrter
2 Monate 1 Tag

Doch den Krieg jaben sie mit Waffenlieferungen begonnen

OrtlerNord
OrtlerNord
Superredner
2 Monate 1 Tag

@Spiegel
Schwachsinn!!!
Waffen gab’s erst nach dem Start des Angriffskrieg von dem Kopf krank aus Moskau!

Rudolfo
Rudolfo
Universalgelehrter
2 Monate 1 Tag

Die deutsche Wirtschaft und Industrie hat aber im Gegensatz zu anderen Volkswirtschaften auch die Kraft, eine Rezession zu überstehen….

Spiegel
Spiegel
Universalgelehrter
2 Monate 1 Tag

Nein weil die Deutschen wenig Privatbesitz haben. Alles auf Miete, Wohnung, Auto Urlaub, Kleider alles….

Rudolfo
Rudolfo
Universalgelehrter
2 Monate 1 Tag

@Spiegel.. Mein Gott Spiegel, tut das eigentlich weh ? Wem glaubst Du 🙈, gehören die Häuser, welche dann von den “ärmeren” Deutschen angemietet werden ? Und wenn sie, wie Du fakest😉, alles auf Kredit finanzieren, dann gehören sie eher zu den Reichen, denn Kredite gibt es nur bei entsprechenden Sicherheiten….

sarkasmus
sarkasmus
Tratscher
2 Monate 1 Tag

Aha, wegen niedrigen wasserstand, sehr aufschlussreich. In italien sicher wegen der hitze

Hustinettenbaer
2 Monate 1 Tag

Das ist ein altbekanntes Phänomen.
Der Gas- ist an den Strompreis gekoppelt. Und der Strompreis an den Wasserstand.
Muss aber nicht. Kann auch der Kakaoindex sein.
Der Kakao, durch den wir gerade gezogen werden.

Aurelius
Aurelius
Universalgelehrter
2 Monate 1 Tag

da sind die Ökonomen aber früh darauf gekommen

Grünschnabel
2 Monate 1 Tag

Das grüne wirtschaftswunder. Mit sonne und a bissl wind geht das schon. Den rest erledigt die herzliche liebe👍

PeterSchlemihl
PeterSchlemihl
Universalgelehrter
2 Monate 1 Tag

Und im Frühjahr wird über die weiteren Gewinne berichtet.

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