Archivbild Autoindustrie - VW-Werk Wolfsburg

Deutschland droht großer Stellenabbau in Autoindustrie

Sonntag, 29. März 2020 | 11:09 Uhr

In der deutschen Autoindustrie droht laut Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer der Verlust von mehr als 100.000 Arbeitsplätzen durch die Corona-Krise. Die Nachfrage dürfte heuer um 15 Prozent einbrechen. Nach den Erfahrungen aus der Finanzkrise werde der Aufholprozess über zehn Jahre dauern, schrieb der Professor in einer Studie. Wirtschaftsminister Peter Altmaier arbeitet indes an Krisenplänen.

In den deutschen Werken gebe es über Nacht Überkapazitäten von 1,3 bis 1,7 Millionen Fahrzeugen, so Dudenhöffer. Kurzarbeitergeld überbrücke nur kurze Zeiten. Kein Unternehmen könne ungenutzte Produktionskapazität jahrelang vorhalten. Deshalb seien 100.000 der heute 830.000 Arbeitsplätze bei Autobauern und Zulieferern in Deutschland gefährdet – “unter optimistischen Annahmen”, schrieb Dudenhöffer.

Die Autoproduktion in Deutschland war vergangenes Jahr von 5,1 auf 4,7 Millionen Fahrzeuge gesunken. Der Wirtschaftsforscher rechnet dieses Jahr mit einem Verkaufsrückgang von 15 Prozent in Deutschland, 20 Prozent in China, 25 Prozent in Frankreich und den USA und 30 Prozent in Italien. Damit dürfte die Produktion in Deutschland “bei optimistischer Prognose auf 3,8 Millionen Fahrzeuge schrumpfen. Unter einem pessimistischen Szenario erwarten wir lediglich 3,4 Millionen Fahrzeuge.”

“Der Grund sind nicht Probleme in den Lieferketten, sondern ganz klar die fehlende Nachfrage”, betonte Dudenhöffer: Die Autoindustrie habe “ein gravierendes, längerfristiges Nachfrageproblem.” Das Wirtschaftswachstum nach dem Schulden-Crash 2009 lasse erwarten, dass die USA mindestens zehn Jahre bräuchten, um Anschluss an das Jahr 2019 zu finden. Auch in Europa spreche wenig für einen Wachstums-Boom nach der Corona-Krise: “In der Vergangenheit galt bei den großen Krisen in Europa das Gegenteil.” Um die Nachfrage zu beleben, schlug Dudenhöffer das Aussetzen der Mehrwertsteuer oder eine negative Mehrwertsteuer vor.

Der deutsche Wirtschaftsminister Peter Altmaier arbeitet bereits an Plänen, wie sich die Wirtschaft nach der Corona-Krise auch strukturell neu aufstellen kann. “Wir brauchen ein umfassendes Fitnessprogramm für die deutsche Wirtschaft, die Rettungspakete allein werden nicht genügen”, sagte Altmaier der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung”. Das Konzept solle sich nicht auf klassische Konjunkturprogramme beschränken, sondern strukturell die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft verbessern.

So müssten Deutschland und Europa den Rückstand bei der Digitalisierung aufholen und dafür sorgen, dass Arbeitsplätze der Zukunft nicht nur in Amerika und Asien entstünden, forderte der CDU-Politiker. Zudem müssten elementare Bereiche industrieller Produktion wie Arzneimittel und Biotech auch hierzulande angesiedelt sein. Altmaier sprach sich darüber hinaus dafür aus, eine wettbewerbsfähige Stahl- und Automobilindustrie zu erhalten: “Der klimafreundlichste Stahl muss weiter in Europa produziert werden, wir müssen beim autonomen Fahren und bei klimaneutralen Antriebstechnologien Spitzenreiter werden.”

Von: APA/dpa