Experten erwarten keine Knappheit

Drohendes Gold-Embargo gegen Russland lässt Märkte kalt

Montag, 27. Juni 2022 | 16:15 Uhr

Das von US-Präsident Joe Biden angekündigte Importverbot für russisches Gold, das die G7-Staaten bei ihrem Gipfel in Elmau in Bayern verkünden wollen, dürfte Russland kaum weh tun. “Das ist reine Symbolpolitik”, meint der österreichische Fondsmanager und Goldexperte Ronald-Peter Stöferle. Das dürfte auch der Markt so sehen – der Goldpreis in Dollar notierte am Montag nahezu unverändert bei 1.829 Dollar.

Nach Einschätzung von Goldexperten ist nicht mit einer Gold-Knappheit zu rechnen, außerdem dürfte Russland keine Probleme haben, sein Gold in andere Länder wie China oder Indien zu exportieren.

Der Kreml kritisiert das drohende Importverbot der G7-Staaten für russisches Gold als “unrechtmäßig” und will sich neue Märkte erschließen. “Der Edelmetallmarkt ist global, er ist ziemlich groß, voluminös und sehr vielfältig”, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Montag der Agentur Interfax zufolge. “Wenn ein Markt (…) durch unzulässige Entscheidungen an Attraktivität verliert, dann findet eine Umorientierung dorthin statt, wo diese Güter stärker nachgefragt sind und wo es bequemere und rechtmäßigere wirtschaftliche Lösungen gibt.”

Laut Daten des Branchenverbandes World Gold Council hat Russland im vergangenen Jahr rund 330 Tonnen Gold gefördert und war damit nach China (rund 332 Tonnen) der zweitgrößte Goldproduzent der Welt. Wichtige Förderländer sind auch Kanada (193 t), die USA (187 t), Ghana (129 t), Peru (127 t), Mexiko (125 t), Indonesien (118 t), Südafrika (114 t) und Usbekistan (105 t).

“Anders als bei herkömmlichen Rohstoffen, die verbraucht werden und bei denen die jährliche Produktion für die Preisfindung ganz wesentlich ist, ist bei Gold der Bestand sehr hoch”, erklärte Stöferle im Gespräch mit der APA. “Der Nutzen von Gold ergibt sich nicht daraus, dass es verbraucht wird, wie bei Agrar- oder Energierohstoffen, sondern weil man es hortet. Derzeit sind mehr als 200.000 Tonnen auf dem Markt, und jährlich kommen knapp 3.000 Tonnen dazu.” In Relation zu diesen Mengen sei die russische Jahresproduktion zu vernachlässigen, meinte Stöferle.

Das von den G7 angekündigte Gold-Embargo gegen Russland sei “reine Symbolpolitik. Die Abnehmer in China, im arabischen Raum oder der Türkei tangiert das relativ wenig.” Das Embargo dürfte also die Tendenz verstärken, dass sich Russland immer mehr nach Osten orientieren werde. “China und Indien stehen für zwei Drittel der physischen Nachfrage, die werden sich die Hände reiben. Dass das Russland Kopfzerbrechen bereiten wird, kann ich mir nicht vorstellen.”

Zwar sei London ein sehr wichtiger Gold-Handelsplatz, aber man dürfe auch die Shanghai Gold Exchange nicht unterschätzen, “und auch Dubai ist im Kommen”, so der Experte. Der russischen Jahresproduktion von Gold müsse man auch den täglichen Goldhandel mit einem Volumen von 140 Mrd. Dollar (133 Mrd. Euro) gegenüberstellen, so der Experte. Daher sei das angedroht Embargo der G7 “eher ein Non-Event, was die Goldpreisentwicklung betrifft”.

Auch der deutsche Experte Alexander Zumpfe vom Handelshaus Heraeus hält eine unmittelbare Knappheit auf dem Goldmarkt für unwahrscheinlich. Wegen des Krieges in der Ukraine ist der Goldhandel zwischen Russland und Staaten der G7 bereits stark beeinträchtigt. Marktbeobachter verwiesen auf die Entwicklung am wichtigen Handelsplatz in London. So habe der London Bullion Market bereits im März Lieferanten aus Russland die Akkreditierung entzogen.

Von: APA/dpa

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