Robin: Schrumpfende Kaufkraft schadet der Wirtschaft

EU-Mitarbeiter erhalten 8,5 Prozent automatische Lohnsteigerung – und bei uns?

Donnerstag, 11. August 2022 | 09:25 Uhr

Margreid – Egal, ob beim Bäcker, im Supermarkt, im Gasthaus, an der Tankstelle oder bei Betrachten der verschiedenen Rechnungen – tagtäglich erschrecken viele Verbraucherinnen und Verbraucher vor den generellen Preissteigerungen. EU-Angestellte haben diesbezüglich kein Problem. Sie können in diesem Jahr ein kräftiges Lohnplus erwarten. Um bis zu 8,5 Prozent dürften die Gehälter für das Personal der europäischen Institutionen steigen, da sie sich an der Inflationsentwicklung in Belgien und Luxemburg orientieren. Darauf macht der Südtiroler Verbraucherschutzverein Robin aufmerksam.

Die automatische Inflationsanpassung ist rechtlich für etwa 60.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von EU-Organen so vorgesehen, auch für die Abgeordneten und Angestellten des EU-Parlaments. Ein Modell, welches in Europa nur noch in Belgien, Luxemburg, Malta und Zypern Anwendung findet. Das positive Beispiel komme unverständlicherweise in Italiens Öffentlichkeit überhaupt nicht zur Sprache, erklären die Verbraucherschützer. „Das gleiche Indexierungssystem sollte auf alle europäischen Arbeitnehmer angewandt werden, und die Kommission sollte dies den Mitgliedstaaten klar empfehlen, da sie weiß, dass Lohndruck zu wirtschaftlicher Rezession führt”, sagte der Generalsekretär des Europäischen Gewerkschaftsbundes Luca Visentini in einer Erklärung.

Dabei hatte Italien bereits einmal die sogenannte „Scala mobile“. Hier wurden die Löhne vierteljährlich automatisch den (steigenden) Preisen angepasst. Die „Rolltreppe“ wurde 1992 endgültig abgeschafft wurde. An ihre Stelle trat als Ausgleich die sogenannte Kontingenzzulage, ein Mechanismus, dem es jedoch nicht gelungen ist, die Kaufkraft der italienischen Arbeitnehmer zu erhalten: Zwischen 1990 und heute ist Italien nach Berechnungen der OECD das einzige Land, in dem die durchschnittlichen Bruttojahresgehälter gesunken sind: minus 2,9 Prozent in 30 Jahren, verglichen mit +276,3 Prozent in Litauen, dem ersten Land der Rangliste, +33,7 Prozent in Deutschland und +31,1 Prozent in Frankreich.

Schreckgespenst Lohn-Preis-Spirale

Nach der Veröffentlichung des Ausmaßes der automatischen EU-Lohnanpassung haben verschiedene Wirtschaftsexperten, angefangen von der Europäischen Zentralbank, mit heftiger Kritik aufhorchen lassen. Sofort wurde das Schreckgespenst der Lohn-Preis-Spirale an die Wand gemalt: Überzogene Lohnforderungen der Beschäftigten – so die Kritiker – könnten Unternehmen auf Jahre hinaus zu hohen Preissteigerungen zwingen, was zu einer schädlich hohen Inflation und im Extremfall sogar zu einer anhaltenden Stagflation führe. Ist da was dran?

Eine Lohn-Preis-Spirale kann unter zwei Voraussetzungen entstehen: Zum einen, wenn Beschäftigte und Gewerkschaften eine so große Macht in den Verhandlungen mit den Arbeitgeberinnen und -gebern haben, dass sie Löhne und Arbeitsbedingungen praktisch diktieren können. Zum anderen, wenn Beschäftigte und Gewerkschaften sich bei ihren heutigen Lohnforderungen nicht an einer für die Zukunft realistischen Inflationsrate orientieren. Wenn beide Bedingungen zutreffen, dann können Lohnerhöhungen die Zahlungsfähigkeit oder -willigkeit der Unternehmen übersteigen, so dass diese die höheren Lohnkosten in Form gestiegener Preise an die Konsumenten weitergeben. Das wiederum könnte die Lohnerhöhungen weiter befeuern und zu einer exzessiven Inflation führen.

„Nie jedoch waren die Voraussetzungen für eine Lohn-Preis-Spirale in Italien weniger gegeben als heute. Die realen Löhne und damit die Kaufkraft der Einkommen dürften auch in diesem Jahr deutlich sinken. Vieles spricht dafür, dass die Lohnentwicklung eher zu schwach als zu stark ist“, erklärt Robin.

Schrumpfende Kaufkraft schadet

Der Geschäftsführer des Verbraucherschutzvereins Robin, Walther Andreaus, bemerkt dazu, dass es sich bei der „Mär von der Lohn-Preis-Spirale eher um ein Ablenkungsmanöver handelt, welches implizit Beschäftigten und Gewerkschaften die Verantwortung für die hohe Inflation gibt. Was heute existiert, ist vielmehr eine Preis-Preis-Spirale, bei der sich die über die Energiekosten importierte Inflation und von Unternehmen bestimmte Konsumentenpreise gegenseitig verstärken. Von unverschämten, spekulativen Preiserhöhungen ganz zu schweigen“.

Lohnerhöhungen können aus einer gesamtwirtschaftlichen Sicht zu stark, aber auch zu schwach sein. Denn je stärker die Kaufkraft schrumpft, desto höher ist auch der Schaden für die Wirtschaft. Umgekehrt können übermäßige Lohnerhöhungen zu Beschäftigungsverlusten und Arbeitslosigkeit führen. „Doch diese Gefahr besteht in Italien seit Jahrzehnten nicht mehr. Dies zeigt, dass langfristig die Interessen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer nicht gegen einander stehen können. Der zentrale, häufig jedoch vergessene Punkt ist ein anderer: Hohe Löhne und unternehmerischer Erfolg, auch im öffentlichen Sektor, bedingen einander. Die erfolgreichsten Unternehmen sind solche, mit den höchsten Löhnen und besten Arbeitsbedingungen. Der soziale und wirtschaftliche Ausgleich war und ist die große Stärke der Sozialen Marktwirtschaft“, erklärt der Verbraucherschutzverein.

Von: mk

Bezirk: Überetsch/Unterland

Kommentare

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19 Kommentare auf "EU-Mitarbeiter erhalten 8,5 Prozent automatische Lohnsteigerung – und bei uns?"


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OrB
OrB
Kinig
1 Monat 23 Tage

Aber uns (Arbeitnehmern ) in Südtirol geats jo guat. 😡😡
Der lächerlichste aller Sprüche!

sakrihittn
sakrihittn
Universalgelehrter
1 Monat 23 Tage

Einzige Lösung 0 Konsum, in allen möglichen Bereichen. Aber Kolllektiv, dann gehen die Preise wieder zurück.

PeterSchlemihl
PeterSchlemihl
Universalgelehrter
1 Monat 23 Tage

@sakrihittn Das ist ein Traum. Der Mensch ist ein unheilbarer Egoist.

Stadtler
Stadtler
Tratscher
1 Monat 23 Tage

Von den Gewerkschaften hört man zu diesem Thema aktuell so gut wie gar nichts. Ist Herr Tschenett im Urlaub?

N. G.
N. G.
Kinig
1 Monat 23 Tage

Herr Tschenett ist ein Lobbyist für bestimmt Klientel im Arbeitnehmerbereich, der Rest darf durch die Röhre gucken. Auserdem, was will diese Provinz Gewerkschaft auch erreichen!

So ist das
1 Monat 23 Tage

Sich aber wundern, dass die EU einen schlechten Ruf hat 🤔

Doolin
Doolin
Kinig
1 Monat 23 Tage

…iaz war’s schian bei der EU zu sein…
🤪

ieztuets
ieztuets
Superredner
1 Monat 23 Tage

Wahnsinn… kuen wunder wenn die Ungstelltn mit die Politiker gekoppelt sein isch des kuen Problem, lei suscht brauchs ollm (johre)longe Verhondlungen!

Mr.X
Mr.X
Tratscher
1 Monat 23 Tage

Und insre Kollektivverträge sein die meisten schun seit Johre verfollen. Leimer zun rären.

N. G.
N. G.
Kinig
1 Monat 23 Tage

Wenns ums Streiken geht damit was passiert, ist der Südtiroler doch der, der immer arbeitet . Also lamentiert nicht!

Kinig
1 Monat 23 Tage

Um die Frage von SN “Und bei uns” zu beantworten. EU-Mitarbeiter, die in Italien😉 leben, bekommen die 8,5% selbstverständlich auch….

Lara
Lara
Grünschnabel
1 Monat 23 Tage

In den letzten 30 Jahren ein Sinken der Bruttojahresgehälter von -2,9 %. Mich wundert es nicht, dass schlaue Köpfe auswandern.

Targa
Targa
Superredner
1 Monat 23 Tage

Ja ja, die es nicht notwendig haben bekommen Lohnerhöhungen und die es notwendig zum Überleben haben bekommen nichts. So und jetzt werden Alle Einkommenerhöhungen bekommen ausser arbeitende Steuerzahler, die bekommen natürlich nichts.

ieztuets
ieztuets
Superredner
1 Monat 23 Tage

Nit lei die Bürgermeister, olle Gemeindeverwolter…!

Lucifer_Morningstar
1 Monat 23 Tage

Hmm, ma i hon lei 4% lohnerhöhung gekriagt, do wer i nomol nochverhondeln miassen ……

MickeyMouse
MickeyMouse
Grünschnabel
1 Monat 23 Tage

Und bei uns? Kriegen die Bürgermeister 8% Lohnsteigerung…..

Markuskoell
Grünschnabel
1 Monat 23 Tage

Die sollen mal Die Renten erhöhen und den Angestellten mehr zahlen 😒

N. G.
N. G.
Kinig
1 Monat 23 Tage

Walther Andreaus irrt! Als Italiener sollte er wissen wovon er redet!

“Ein reales Beispiel für die Lohn-Preis-Spirale war die Scala mobile in Italien. Hier wurden die Löhne vierteljährlich automatisch den (steigenden) Preisen angepasst, was eine verstärkte Inflation hervorrief, die 1980 nahezu 22 % betrug”

OH
OH
Superredner
1 Monat 23 Tage

Das sind die Richtigen !!!!
Zum Sparen auffordern aber selber sich die Gelder zuschanzen. Es ist schon eigenartig, wenn die Politiker sich ihre Löhne (für was eigentlich) erhöhen, sind sich die strittigsten Parteien einig !!!!

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