Französisch-kanadische Fusion

EU-Wettbewerbshüter billigen Alstom/Bombardier-Bahnfusion

Freitag, 31. Juli 2020 | 16:15 Uhr

Der französische Bahntechnik-Konzern Alstom hat von den EU-Wettbewerbshütern die Erlaubnis zur Übernahme der Zugsparte des kanadischen Unternehmens Bombardier erhalten. Eine Auflage ist aber, dass Alstom eingegangene Verpflichtungen uneingeschränkt erfüllt, wie die Europäische Kommission am Freitag mitteilte. Betroffen sind auch tausende Beschäftigte in Deutschland.

Um Bedenken der EU-Kommission gegen die Übernahme auszuräumen, hatten Alstom und Bombardier vor drei Wochen angekündigt, die Bombardier-Produktionsanlagen am Standort Hennigsdorf bei Berlin zu verkaufen. Zudem will Bombardier Transportation unter anderem seinen Projektanteil an der Kooperation für den Hochgeschwindigkeitszug V300Zefiro abgeben.

Die beiden Unternehmen gehören zu den Weltmarktführern im Schienenverkehr. Alstom ist vor allem durch den Bau der TGV-Hochgeschwindigkeitszüge bekannt, stellt aber auch Schienenfahrzeuge für den Nah- und Regionalverkehr sowie Signaltechnik und andere Bahntechnik her. Anders als der deutsche Siemens-Konzern, der im vergangenen Jahr mit der Übernahme von Alstom scheiterte, konnten die Franzosen und die Kanadier die Bedenken von EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager auf Anhieb ausräumen.

“Das aus dem Zusammenschluss hervorgehende Unternehmen wird künftig eine stärkere Marktstellung haben”, erklärte Vestager. “Gleichzeitig wird es dank dieser Abhilfemaßnahmen auf seinen Kernmärkten auch weiterhin Wettbewerb ausgesetzt sein, was den europäischen Kunden und Verbrauchern zugutekommt.” Die EU hatte sich vor allem an der starken Stellung bei Hochgeschwindigkeits- und Fernverkehrszügen gestoßen, wo Alstom und Bombardier den Markt vor allem in Frankreich und Deutschland dominiert hätten.

Als Auflage muss sich Bombardier von der Produktion von “Talent 3”-Regionalzügen in Hennigsdorf bei Berlin mit rund 200 Mitarbeitern trennen. Alstom will sein Werk im elsässischen Reichshoffen nahe der deutschen Grenze mit 800 Mitarbeitern und der “Coradia Polyvalent”-Regionalzug-Plattform verkaufen, die vor allem in Frankreich verkauft werden. Alstom-Vorstandschef Henri Poupart-Lafarge sagte am Freitag, dafür gebe es bereits mehrere Interessenten. In Italien ist Bombardier bereit, aus dem Gemeinschaftsunternehmen mit Hitachi für die “Zefiro”-Hochgeschwindigkeitszüge auszusteigen. In der Signaltechnik und Zugsteuerung von Fernverkehrszügen bekommt die Konkurrenz Zugang zu Schnittstellen. Darauf hatte vor allem Siemens gepocht.

Der deutsche Industriekonzern reagierte schmallippig: “Siemens nimmt die Entscheidung der Europäischen Kommission zur Kenntnis und prüft deren Inhalte.” Das weitere Vorgehen ließ ein Sprecher offen.

Für die in Berlin ansässige Bombardier Transportation und die 7.500 Bombardier-Mitarbeiter in Deutschland bedeutet der Verkauf an Alstom wohl bessere Perspektiven – auch wenn der Abbau von rund 1.000 Beschäftigten noch läuft. Denn der Mutterkonzern in Kanada, der sich vor allem mit Flugzeugprojekten übernommen hat, ist in finanziellen Schwierigkeiten. Um sich in der Krise über Wasser zu halten, hat er einen hochverzinsten Kredit über eine Milliarde Dollar bei einem Kreditfonds aufgenommen. In Deutschland hat Bombardier Branchenkreisen zufolge staatliche Bürgschaften über 750 Mio. Euro beantragt, um bei seinen Lieferanten wieder kreditwürdig zu sein.

Für Bombardier in Österreich seien keine Pläne für einen Stellenabbau bekannt, hieß es zuletzt auf APA-Anfrage Mitte Juni. Im Werk in Wien seien rund 550 Mitarbeiter beschäftigt.

Von: APA/dpa