Privatkonsum bremst wegen hoher Inflation

Euro-Wirtschaft wuchs doppelt so stark wie erwartet

Mittwoch, 08. Juni 2022 | 16:15 Uhr

Trotz Ukraine-Kriegs und Lieferprobleme ist die Wirtschaft der Eurozone zu Jahresbeginn doppelt so stark gewachsen wie zuletzt gedacht. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte zwischen Jänner und März zum Vorquartal um 0,6 Prozent zu, wie das Europäische Statistikamt Eurostat am Mittwoch mitteilte. In einer früheren Schätzung von Mitte Mai war nur von plus 0,3 Prozent die Rede gewesen.

Während der Privatkonsum wegen der hohen Inflation bremste, sorgten der Außenhandel und der Aufbau der Lagerbestände für Impulse. Ende 2021 war die Wirtschaft im Euroraum nur um 0,2 Prozent gewachsen. Die OECD rechnet wegen des russischen Kriegs gegen die Ukraine heuer nur noch mit einem Wachstum der Weltwirtschaft von 3 Prozent. Im Dezember hatte die Industriestaaten-Gruppe noch einen BIP-Anstieg von 4,5 Prozent veranschlagt.

Die Konjunktur wird derzeit vor allem durch Lieferkettenprobleme wegen der Coronakrise beeinträchtigt – insbesondere durch Lockdownmaßnahmen in China. Zudem lastet die hohe Inflation auf Firmen und Verbrauchern, die durch den Ukraine-Krieg weiter befeuert wurde und die Konsumlaune dämpft.

Das spüren die deutschen Betriebe, deren Produktion trotz prall gefüllter Auftragsbücher wegen Materialengpässe und der Kriegsfolgen nicht richtig in Schwung kommt. Industrie, Bau und Energieversorger stellten im April zusammen um 0,7 Prozent mehr her als im Vormonat, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. “Vom Vorkrisenniveau sind die Unternehmen weiterhin deutlich entfernt”, sagte Konjunkturexperte Jupp Zenzen vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK).

Wegen der hohen Inflation im Euroraum sanken die Ausgaben der privaten Haushalte zwischen Jänner und März um 0,7 Prozent zum Vorquartal, während der Staatskonsum um 0,3 Prozent nachließ. Die Bruttoanlageinvestitionen stiegen um 0,1 Prozent und die Exporte um 0,4 Prozent.

Die EU-Kommission erwartet für heuer nur noch einen BIP-Zuwachs in der Eurozone von 2,7 Prozent, rechnet aber mit einer erhöhten Teuerungsrate von 6,1 Prozent. Die OECD traut der Wirtschaft im Währungsraum 2,6 Prozent Wachstum zu, nach der Dezember-Prognose von 4,3 Prozent. In ihrem neuen Ausblick geht die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) davon aus, dass die globale Konjunktur 2023 um 2,8 (bisherig Prognose: 3,2) Prozent anzieht. Die Inflation dürfte in den OECD-Ländern in diesem Jahr auf 8,5 Prozent klettern und 2023 auf 6,0 Prozent abebben. Für Deutschland rechnet die OECD heuer mit 1,9 Prozent Wachstum, im Dezember hatte sie noch rund vier Prozent erwartet.

“Die höheren Rohstoffpreise treffen Länder in aller Welt, sie verstärken den Inflationsdruck, schmälern die realen Einkommen und Ausgaben und bremsen so die Erholung”, sagte OECD-Generalsekretär Mathias Cormann. “Diese Konjunkturverlangsamung ist direkt Russlands unprovoziertem und durch nichts zu rechtfertigendem Angriffskrieg zuzuschreiben.” Dieser schmälere weltweit die realen Einkommen, das Wachstum und die Beschäftigungsaussichten. OECD-Chefvolkswirtin Laurence Boone nannte die Aussichten ernüchternd. “Russlands Angriff auf die Ukraine kommt die Welt bereits jetzt teuer zu stehen.” Wie teuer genau und wie die Lasten verteilt werden – das hänge stark von den Entscheidungen der Politik und der Bürger ab. “Hungersnöte dürfen wir um keinen Preis akzeptieren.”

Von: APA/Reuters

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