Immer mehr Höfe kämpfen wegen der Dumpingpreise ums Überleben

Europas Milchmarkt ertrinkt in eigener Produktion

Sonntag, 26. Juni 2016 | 10:55 Uhr

Die Talfahrt der Milchpreise bringt tausende Bauern so gut wie europaweit in akute Bedrängnis. Bei ihrem deutschen Bauerntag kommende Woche in Hannover wollen die Milcherzeuger im Nachbarland erneut auf ihre prekäre Situation aufmerksam machen, die das Höfesterben befeuert.

Ähnlich wie in Österreich sehen die deutschen Milchbauern Politik, Lebensmittelwirtschaft, Molkereien und Verbraucher in der Pflicht und suchen Stabilisierungsmechanismen für den Milchmarkt. Das Kernproblem: Es gibt nach dem Wegfall des EU-Quotensystems als Mengenschranke zu viel Milch auf den Märkten.

Beim Deutschen Milchkontor (DMK) – dem Branchenprimus unter den Molkereibetrieben – sieht man auch noch andere Gründe. "In den vergangenen zehn Jahren wächst der Welt-Milchmarkt jährlich im Schnitt um 2,5 Milliarden Kilogramm", sagt DMK-Sprecher Hermann Cordes. Das hängt zum einen mit neuen Anbietern wie den USA zusammen, die seit 2007 auf den Weltmarkt drängen. Zum anderen gab es Jahre mit klimatischen Topbedingungen – wie 2014, ohne verheerende Katastrophen im Ausland. Damals – so schätzt das DMK – gab es ein Überangebot von etwa 10 Milliarden Kilogramm.

Der Weltmarkt ist somit umkämpfter denn je. Hinzu kommt: Gerade dämpft die schwächere Nachfrage etwa in China die Geschäfte. Und weil Russland wegen der Ukraine-Krise als Markt ausfällt, bleibt zudem mehr Milch in der EU. Das Russland-Embargo wirkte in der Krise wie ein Katalysator und traf die deutschen Bauern hart – nach Schätzungen haben sie eine Milliarde Euro Einnahmen verloren.

In der Europäischen Union ist der Milchmarkt Teil des freien Handels im EU-Binnenmarkt. Milchprodukte werden also frei im- und exportiert. Das führt auch dazu, dass eben irische Butter oder holländischer Gouda in den Regalen deutscher Supermärkte stehen. Und umgedreht. Beim DMK etwa verteilen sich 31 Prozent des Umsatzes in Höhe von 4,6 Milliarden Euro auf den europäischen Markt. 60 Prozent bleiben auf dem Binnenmarkt – nur 9 Prozent gehen in Drittländer außerhalb der EU. Damit liegt die DMK-Exportquote bereits relativ hoch.

"Es werden gerade mal 15 Prozent der in der Europäischen Union produzierten Milch in Drittländer exportiert – und das völlig ohne Subventionen", sagt Eckhard Heuser, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Milchindustrie-Verbands. Bei einer Produktion von 140 Millionen Tonnen sind das 21 Millionen Tonnen. Im Gegenzug werden nur 1,5 Prozent des Verbrauchs durch Importe aus Drittländern – vor allem Neuseelands und der Schweiz – in Form von Milchpulver, Käse und anderen Milchprodukten gedeckt.

Nach den Regeln der Welthandelsorganisation WTO wären aber fünf Prozent das Maß: Denn wer exportiert, muss nach den Regeln auch zu einem gewissen Grad importieren. Auch das führt dazu, dass ausländische Milchprodukte hier auf den Markt kommen. Der bisherige Anteil liegt aber weit unter der WTO-Größenordnung. "Wenn also einer sagt: Europa ist offen wie ein Scheunentor, dann gilt das definitiv nicht für den Milchsektor", so Heuser.

Die Branche sieht vor allem in sogenannten Drittmärkten außerhalb der EU noch Absatzchancen. Das DMK etwa unterhält deswegen Büros in Shanghai, Dubai und auch Moskau – obwohl es dort zur Zeit keinen Umsatz gibt. DMK-Sprecher Cordes: "Wir wollen mit Blick auf eine Wiederaufnahme der Geschäfte die Kontakte halten."

Fraglich werden die Folgen des EU-Ausstiegs Großbritanniens sein. "Es gibt jetzt erst mal keine Planungssicherheit mehr", sagt Heuser. Allerdings war Großbritannien kein gewaltiger Exportmarkt. Deutsche Molkereien exportierten 2015 rund 13.000 Tonnen H-Milch, 12.000 Tonnen Kondensmilch sowie 68.000 Tonnen Käse auf die Insel. Wichtigstes Exportprodukt der deutschen Milchwirtschaft ist hier der Joghurt mit rund 94.000 Tonnen. Die Engländer dagegen schickten in der Hauptsache nur etwa 13.000 Tonnen Käse über den Kanal.

Die Profiteure des Preistiefs seien vor allem die großen Lebensmittelkonzerne und die Molkereiindustrie, sagt der Chef der Umweltschutzorganisation BUND, Hubert Weiger. Das herkömmliche Agrar-Modell setze die Bauern unter Rationalisierungsdruck, zerstöre die Umwelt und vernichte bäuerliche Existenzen im In- und Ausland. Er fordert einen Strukturwandel vor allem über die Qualität: Bisher sei für viele Verbraucher Milch eben nur Milch. Der BUND dagegen will den Wettbewerb über qualitativ hochwertige Milchprodukte führen statt nur über den Preis. Diese Strategie wird auch in Österreich meistens empfohlen.

Auch der Agrarminister in Deutschlands zweitgrößtem Milch-Bundesland Niedersachsen, Christian Meyer (Grüne), sieht das so. "Es ist ein Irrweg, angesichts der derzeit dramatischen Preislage auf dem europäischen Milchmarkt auf Exportstrategie zu setzen", sagte er und betont: "Die Lösung der für unsere Milchbauern existenziellen Preiskrise liegt nicht im Iran oder in China, sondern vor der eigenen Haustür." Es sei zu viel Milch am Markt: "Die Menge muss runter."

Von: apa