Jährlich wären etwa 32.400 Spitalsaufnahmen vermeidbar

Experte: Gastro-Rauchverbot hätte enormen Nutzen

Dienstag, 02. Oktober 2018 | 11:50 Uhr

Das derzeit in Österreich laufende “Don’t smoke”-Volksbegehren für das von der türkis-blauen Bundesregierung gekippte Gastro-Rauchverbot steht auf solider wissenschaftlicher Grundlage. Der steirische Experte für Öffentliche Gesundheit, Florian Stigler (MedUni Graz), hat die wissenschaftlichen Studien zu Effekten eines Rauchverbots in Lokalen zusammengefasst. Die positiven Auswirkungen wären enorm.

Was kann die rauchfreien Gastronomie bewirken? Die Anzahl der Spitalsaufnahmen aufgrund von Herzinfarkten ließe sich um 15 Prozent und von Schlaganfällen um 16 Prozent reduzieren, wie eine Meta-Studie (gepoolte Analyse von Einzelstudien mit höchstem Evidenzgrad; Anm.) basierend auf 45 Einzelstudien zeigte (Tan 2012). Eine vergleichbare Studie untersuchte die Spitalsaufnahmen bei Kindern und Jugendlichen und ergab 19 Prozent weniger Lungenentzündungen, zehn Prozent weniger Asthmaanfälle und vier Prozent weniger Frühgeburten (Faber 2017).

Stigler sagte dazu: “Auf Österreich übertragen zeigte unsere Analyse (VIVID 2018), dass jährlich etwa 32.400 Spitalsaufnahmen vermeidbar wären. Das lässt sich nicht nur durch weniger Passivrauchbelastung erklären, sondern auch dadurch, dass Raucher vermehrt zum Rauchstopp animiert werden, dass Ex-Raucher seltener rückfällig werden und dass weniger Jugendliche mit dem Rauchen beginnen (Shang 2015).”

Wie sieht es mit dem Effekt einer rauchfreien Gastronomie auf die Jugend und deren Tabakkonsum aus? In einer Studie aus den USA (Siegel 2005 ) haben Jugendliche aus Regionen mit rauchfreien Restaurants nur halb so häufig mit dem Rauchen begonnen. Außerdem hatte die Einführung der rauchfreien Gastronomie einen weiteren Effekt: Auch das Eigenheim wurde oftmals freiwillig rauchfrei. Eine Übersichtsarbeit von 15 Einzelstudien stellte fest, dass Kinder zu Hause um 28 Prozent weniger Passivrauch ausgesetzt waren (Nanninga 2018).

Kam es in anderen Ländern zum oft zitierten “Wirtesterben” durch ein Gastro-Rauchverbot? Nein. Eine Übersichtsarbeit (Cornelsen 2014) betrachtete insgesamt 39 unterschiedliche Studien und konnte keine Umsatzeinbußen in der Gastronomie erkennen. Auch die Anzahl der Beschäftigten in Bars und Restaurants blieb in einer umfangreichen Studie aus den USA (Shafer 2017) unverändert. Einzelne Beispiele wie Bayern zeigten sogar einen Umsatzanstieg, laut Bayrischem Landesamt für Statistik von fünf Prozent im Jahr nach dem Rauchverbot. Eine Befragung der Wirtschaftskammer Vorarlberg (2017) lieferte erste Erkenntnisse aus Österreich. Unter Gastronomen und Hoteliers, die bereits auf “rauchfrei” umgestiegen sind, berichteten 83 Prozent von positiven und drei Prozent von negativen Erfahrungen.

Wie steht es um die Gesundheit von Beschäftigten in der Gastronomie? Kellner sind eine gefährdete Gruppe. Eine skandinavische Kohortenstudie (Reijula 2015) beobachtete 98.000 Kellner über 45 Jahre. Dabei zeigte sich eine im Vergleich zur Normalbevölkerung erhöhte Krebsrate von plus 46 Prozent bei Männern und von plus neun Prozent bei Frauen. Passivrauch ist eine der Ursachen. So verstarb in England vor Einführung der rauchfreien Gastronomie wöchentlich ein Kellner an Passivrauch am Arbeitsplatz, wie ein Wissenschafter aus London errechnete (Jamrozik 2004). In der Schweiz (Durham 2011) konnte der Nichtraucherschutz bei Kellnern die Lungenfunktion verbessern und Augenreizungen lindern.

Wie effektiv ist die derzeitige Regelung mit getrennten Raucherbereichen in der Gastronomie? Derzeit bieten Nichtraucherbereiche in Mischlokalen keinen ausreichenden Schutz. Der Innenraumanalytiker Peter Tappler leitete 2018 Feinstaubstudien in der Gastronomie von Wien und Graz. In Wien waren in 27 von 28 Lokalen die Feinstaubwerte im Nichtraucherbereich erhöhte, durchschnittlich um drei- bis viermal mehr als auf viel befahrenen Hauptstraßen. In Graz zeigten sich in 14 von 16 Lokalen im Nichtraucherbereich erhöhte Werte, durchschnittlich viermal und bis zu achtmal höher als im Außenbereich.

Wie steht die Bevölkerung zu rauchfreien Lokalen? Insgesamt gab es laut Stigler seit 2007 zu diesem Thema sechs repräsentative Telefonbefragungen. Dabei zeigte sich eine stabile Zwei-Drittel-Mehrheit für rauchfreie Lokale. Im Jänner 2018 beauftragte der Wiener Umweltmediziner Manfred Neuberger eine repräsentative Umfrage, die erstmals 70 Prozent Zustimmung zeigte (Ärzteinitiative 2018). Zu beachten ist, dass die rauchfreie Gastronomie nach ihrer Einführung üblicherweise noch beliebter wird. So stieg in Frankreich die Zustimmung unter Rauchern von davor 80 Prozent auf 90 Prozent unmittelbar danach sowie auf 94 Prozent nach vier Jahren (Fong 2013). In Irland, Frankreich, Deutschland und den Niederlanden waren vorher durchschnittlich 37 Prozent der Raucher dafür, nach der Einführung des Rauchverbots hingegen 64 Prozent der Bevölkerung (VIVID 2018) .

Wo steht Österreich im internationalen Vergleich? In Österreich rauchen 24 Prozent der Bevölkerung täglich, verglichen mit 18 Prozent im EU-Durchschnitt. Stigler sagte: “Noch ist keine Verbesserung erkennbar. So sind wir das einzige OECD-Land, in dem heute mehr geraucht wird als noch in den 1970er-Jahren (OECD 2018). Das ist dadurch erklärbar, dass Österreich den schwächsten Nichtraucherschutz Europas hat. Seit 2007 wurde viermal die ‘Tobacco Control Scale’-Bewertung durchgeführt, unter 35 Ländern belegten wir jeweils den letzten Platz.”

Was kostet das Rauchen volkswirtschaftlich? Wie ein Team des Instituts für Höhere Studien (IHS) um den Gesundheitsökonomen Thomas Czypionka berechnet hat, beläuft sich der volkswirtschaftliche Schaden durch das Rauchen derzeit auf rund 2,4 Milliarden Euro jährlich (IHS 2018). “Wir könnten jährlich 1,05 Milliarden Euro einsparen, wenn wir das Raucherniveau von Finnland erreichen. Das ist durchaus machbar, wenn wir die rauchfreie Gastronomie einführen und die Tabaksteuer erhöhen”, sagte Stigler.

Von: apa