Krapf: „Strom- und Gasrechnung in einem Jahr fast um 600 Prozent gestiegen“

Explosion der Energiekosten: Unternehmen berichten

Donnerstag, 22. September 2022 | 10:33 Uhr

Bozen – „Nicht allen ist bewusst, wie schwerwiegend die Energiekrise ist. In Europa, in Italien und in Südtirol muss sofort gehandelt werden. Es braucht Entlastungen für Unternehmen und Familien, bevor es zu spät ist. Die produktive Tätigkeit in Europa ist in Gefahr, und damit verbunden Millionen von Arbeitsplätzen und ein wesentlicher Teil des Steueraufkommens“ – so lautet der vor wenigen Tagen lancierte Aufruf des Präsidenten des Unternehmerverbandes Südtirol, Heiner Oberrauch.

Um die Situation zu veranschaulichen, in der sich viele Produktionsbetriebe befinden, veröffentlicht der Unternehmerverband ab sofort auf seinem Blog www.madeinbz.info Berichte von betroffenen Unternehmern. Produktionsbetriebe, die dem Unternehmerverband und der Öffentlichkeit über ihre Erfahrung berichten möchten, können eine Mail an  contact@madeinbz.info senden.

Wie dramatisch sich die Lage entwickelt hat, zeigt unter anderem das Interview mit Christian Krapf, Inhaber duka AG aus Brixen.

Herr Krapf, wie hat sich die Stromrechnung bei der duka-Gruppe in diesem Jahr verändert?

Strom- und Gasrechnung sind innerhalb eines Jahres nahezu um 600 Prozent gestiegen. Für unsere Unternehmensgruppe bringt dies jährliche direkte Strommehrkosten von rund fünf bis sechs Millionen Euro mit sich – insbesondere unser Glasbearbeitungswerk in Norditalien ist davon stark betroffen.

Wie haben sich die hohen Energiepreise auf das Unternehmen ausgewirkt?

Neben den direkten Strommehrkosten für unseren laufenden Betrieb steigen auch die Einkaufspreise unserer eingesetzten Materialien rasant. Insbesondere bei Glas, Aluminium und Verpackung kommt es zu nie dagewesenen Preissprüngen. Der Grund liegt hier wiederum bei Gas bzw. Strom: so werden zum Beispiel die Glasöfen, in denen das Glas hergestellt wird, direkt mit Gas betrieben. Zum Teil konnten wir die Preiserhöhungen an unsere Kunden weitergegeben – jedoch zeitversetzt und nicht vollumfänglich.

Eure Unternehmensgruppe ist sehr stark auf internationale Märkte ausgerichtet: wie sieht es mit der internationalen Wettbewerbsfähigkeit aus? 

Wir setzen auf regionale Lieferketten und kaufen unsere Materialien hauptsächlich in Italien und Österreich ein. Nun sind wir auch insbesondere betroffen, da die Energie- sowie Gaspreisexplosion hauptsächlich Mitteleuropa betrifft. Amerika, China und sogar andere europäische Staaten wie Spanien und Portugal, wo der Energiepreis gedeckelt wurde, zahlen einen Bruchteil unserer Kosten.

Welche Auswirkungen könnte diese Krise in den kommenden Monaten haben, wenn sich die Situation nicht ändert?

Die Familien können sich das heutige Leben morgen nicht mehr leisten. Dies bedeutet, dass sie die nicht notwendigen Ausgaben kürzen werden, und der Konsum zusammenbricht. Zudem sehe ich die europäische Wettbewerbsfähigkeit, das „industrielle Erbe“ und den damit verbundenen Wohlstand in Mitteleuropa in Gefahr. Es ist einfach nicht möglich, dass wir für Energie und Produktion das X-fache zahlen – da sind wir nicht mehr konkurrenzfähig! Damit werden dann die nachhaltigen europäischen Liefer- und Kompetenzketten aus Kleinst-, Mittel- und Großbetrieben stark hinterfragt werden. Ein Paradox, zumal genau diese sich während der Corona-Krise bewährt haben und die Zurückholung der Produktion als strategischer Baustein formuliert wurde.

Wie kann man dieser Energiekrise entgegenwirken? Was konkret habt ihr als Unternehmen schon gemacht?

2020 haben wir extrem auf den Ausbau erneuerbarer Energie gesetzt und mit 2022 schon rund vier Megawatt auf den Dächern installiert. Weitere Investitionen auf Freiflächen sind in Überprüfung. Zudem haben wir ein einzigartiges Projekt in Zusammenarbeit mit der Firma Alupress umgesetzt: Mit der Entnahme von Flusswasser kühlen wir unser Gebäude, die Abwärme der Firma Alupress nutzen wir zum Heizen.

Was erwartet ihr euch von der Politik?

Von der Politik erwarten wir uns eine einheitliche Marschroute zur Energiewende mit konkreten Zielen und Aufgaben für die nächsten drei Jahre – sei es für die Menschen wie auch für die Unternehmen. Wir sind dann wiederum gefordert, alle an einem Strang zu ziehen und gemeinsam dafür zu arbeiten. Zugleich gilt es auch kurzfristig, d.h. in den nächsten Wochen, zu handeln. Wir müssen den Wettbewerbsnachteil Mitteleuropas gegenüber Amerika, China und sogar anderen europäischen Ländern eliminieren. D.h. es gilt den Preis für Energie sowie Gas auf ein rationales Niveau zu bringen, z.B. durch Entkoppelung des Strompreises vom Gaspreis, und – falls das kurzfristig nicht geht – durch Schutzmechanismen auszugleichen. Schaffen wir das nicht, bröckelt unser industrielles Erbe: Unsere Wertschöpfungsketten aus Kleinst-, Mittel- und Großbetrieben, welche zu einem großen Teil für den europäischen Wohlstand stehen, verlieren an Bedeutung und unser „altes“ Europa wird zum größten Verlierer in den nächsten Jahrzehnten gehören.

Von: mk

Bezirk: Bozen, Eisacktal

Kommentare

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13 Kommentare auf "Explosion der Energiekosten: Unternehmen berichten"


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Tratscher
11 Tage 17 h

In Italien darf man jetzt Solaranlagen (bis 200 kw) und Verglasungen ohne kostspielige und langwierige Genehmigungen realisieren.
Bei uns logisch wieder mal nicht. Würde jede Menge Enegie sparen und Kosten reduzieren. Bravo SVP und danke … bis zu den Wahlen !

Rabe
Rabe
Superredner
11 Tage 16 h

hosch in Nagel afn Kopf gitroffn. Genau so isches

der echte Aaron
der echte Aaron
Universalgelehrter
11 Tage 16 h

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das ist eben unsere viel gelobte Autonomie…….

Doolin
Doolin
Kinig
11 Tage 17 h

…dürfen Private auch berichten?…
😢

N. G.
N. G.
Kinig
11 Tage 16 h

Tja, Doolin, wen nemmst du denn privat? Grins

SilviaG
SilviaG
Superredner
11 Tage 14 h

nemmst = nimmst? Was heißt das?

Faktenchecker
10 Tage 21 h
N. G.
N. G.
Kinig
11 Tage 19 h

Wenns zu Massenarbeitslosigkeit führt, was durchaus passieren kann, dann haben wir Hundertausende auf den Strassen! Das würde eine Belastungdprobe für die EU bzw. ihre Mitgliedstaaten die nicht mehr beherrschbar sein wird.
Die Hilfsgelder werden nicht ewig reichen und selbst wenn wir uns hoffnungslos verschulden, gehts wiederum den Bach runter!

So geht es nicht
11 Tage 13 h

Ich sag nur mehr Giorgia Meloni 😁

Rabe
Rabe
Superredner
11 Tage 14 h

mir sein holt die besten 😃

Pasta Madre
Pasta Madre
Grünschnabel
11 Tage 9 h

Das mach mir Sorge, was wird auf uns zukommen????
Totale Pleite.

So ist das
11 Tage 1 h

Von der Politik sollte man sich nicht viel erwarten, sie ist bei echten Problemen überfordert.

PeterSchlemihl
PeterSchlemihl
Universalgelehrter
10 Tage 23 h

Es ist schon ein Jammer, wenn sich die Unternehmer nicht mehr saublöd, sondern nur mehr blöd verdienen.

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