EZB erhöht Leitzins um 0,75 Prozentpunkte auf 1,25 Prozent

EZB: Mit historischer Zinserhöhung gegen Rekordinflation

Donnerstag, 08. September 2022 | 17:08 Uhr

Die Rekordinflation im Euroraum treibt die Euro-Währungshüter zur größten Zinserhöhung der EZB-Geschichte. Die Notenbank hebt den Leitzins im Euroraum trotz wachsender Sorgen vor einem Absturz der Wirtschaft in eine Rezession um 0,75 Prozentpunkte auf 1,25 Prozent an. Die Teuerungsraten seien “nach wie vor deutlich zu hoch”, begründete die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, am Donnerstag in Frankfurt.

Im EZB-Rat habe Einigkeit darüber bestanden, dass weitere Zinsanhebungen in den nächsten Monaten wahrscheinlich seien. Bankenverbände und Volkswirte in Deutschland begrüßten, dass die Notenbank sich nun mit höherem Tempo von ihrer ultralockeren Geldpolitik verabschiedet.

Anleger dürfen nach einer jahrelangen Flaute somit wieder auf Zinsen auf dem Sparkonto hoffen. Dafür spricht auch, dass Banken nach der Abschaffung der Strafzinsen im Juli künftig wieder 0,75 Prozent Zinsen erhalten, wenn sie Gelder bei der EZB parken. Andererseits dürften sich zum Beispiel Immobilienkredite weiter verteuern.

Nach langem Zögern hatte der EZB-Rat bei seiner Sitzung am 21. Juli erstmals seit elf Jahren die Zinsen im Euroraum wieder angehoben. Für die September-Sitzung hatte die Notenbank seinerzeit eine weitere Zinserhöhung um 0,5 Prozentpunkte in Aussicht gestellt.

Doch weil die Teuerungsrate zuletzt weiter anzog, nahm der Druck auf die Euro-Währungshüter zu, einen größeren Schritt zu beschließen. Höhere Zinsen können steigenden Teuerungsraten entgegenwirken, sie sind aber zugleich Ballast für die ohnehin schwächelnde Wirtschaft.

“Die EZB hat mittlerweile Angst, dass ihr die Felle davonschwimmen und sie in ein jahrelanges Inflationsproblem hineinläuft”, kommentierte Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater. Sein Kollege von der DZ Bank, Michael Holstein, findet, die kräftigte Zinserhöhung komme zu spät, denn die Euro-Wirtschaft befinde sich bereits auf dem Weg in die Rezession – “doch ein längeres Warten wäre noch teurer als ein beherztes Gegensteuern in wirtschaftlich unsicheren Zeiten”.

Agenda-Austria-Ökonom Hanno Lorenz sagte: “Die EZB hat die Zinswende spät eingeleitet, angesichts der horrenden Teuerung blieb dieser historische Schritt aber unumgänglich.”

Ifo-Präsident Clemens Fuest kommentierte: “Besser spät als nie.” Dennoch bleibe die Geldpolitik sehr expansiv. “In den nächsten Monaten werden weitere Zinserhöhungen folgen müssen. Die Zinsen seien nach wie vor sehr niedrig.

Ein Ende der Preissteigerungen im Euroraum ist nicht in Sicht: Im August kletterte die Inflation im Währungsraum der 19 Länder getrieben von steigenden Energie- und Lebensmittelpreisen auf die Rekordhöhe von 9,1 Prozent. Die EZB rechnet für das Gesamtjahr 2022 inzwischen mit 8,1 Prozent Inflation. Auch im kommenden Jahr wird die Teuerungsrate nach Einschätzung der Notenbank im Jahresschnitt mit 5,5 Prozent deutlich über der Zielmarke der EZB verharren.

Die Notenbank strebt für den gemeinsamen Währungsraum mittelfristig ein stabiles Preisniveau bei einer jährlichen Teuerungsrate von zwei Prozent an. Getrieben wird die Inflation seit Monaten vor allem von steigenden Energie- und Lebensmittelpreisen, die nach dem russischen Angriff auf die Ukraine nochmals kräftig anzogen.

Die EZB hatte die hohe Inflation lange als vorübergehend interpretiert und leitete deutlich später als viele andere Zentralbanken die Zinswende ein. Die US-Notenbank Fed beispielsweise hat ihre Leitzinsen bereits mehrfach nach oben geschraubt, dabei zweimal um jeweils 0,75 Prozentpunkte. Lagarde räumte ein, dass die EZB bei ihren Einschätzungen Fehler gemacht habe.

Für immer mehr Menschen werde die hohe Inflation zu einer enormen Belastung, hatte Bundesbank-Präsident Joachim Nagel jüngst gesagt und eine “kräftige Zinsanhebung” im September angemahnt. Die Geldpolitik müsse die hohe Teuerung entschlossen bekämpfen, hatte Nagel betont.

Zugleich gibt es unter Währungshütern Sorge, mit einer zu schnellen Normalisierung der zuvor jahrelang ultralockeren Geldpolitik die Konjunktur zu bremsen, die ohnehin mit Lieferengpässen und den Folgen des Ukraine-Krieges etwa auf dem Energiemarkt zu schaffen hat. Die Sorge vor einem Absturz der Wirtschaft in eine Rezession ist groß.

Mit monetären Mitteln ließen sich “weder Energiereserven herzaubern, noch Energiepreise senken, noch die Dauer der Energiekrise verkürzen”, gab Otmar Lang, Chefvolkswirt der Targobank, trotz seiner grundsätzlichen Zustimmung zum EZB-Kursschwenk zu bedenken.

Kritisch sieht der Sprecher der deutschen Grünen im Europaparlament, Rasmus Andresen, die EZB-Entscheidungen: “Lieferengpässe, Russlands Angriffskrieg und enorme Überschussgewinne aufseiten der Unternehmen lassen sich nicht durch die Zinspolitik der EZB auflösen.”

Allerdings traut die EZB der Wirtschaft im Euroraum nach starken ersten sechs Monaten im Gesamtjahr 2022 inzwischen etwas mehr Wachstum zu als noch im Juni angenommen: Die Vorhersage geht nun von 3,1 Prozent Plus aus, im Juni hatte die Notenbank für 2022 noch 2,8 Prozent Wachstum erwartet.

“Nach einer Erholung des Wirtschaftswachstums im Euroraum im ersten Halbjahr 2022 deuten jüngste Daten auf eine erhebliche Verlangsamung hin. Für den weiteren Jahresverlauf und das erste Quartal 2023 wird mit einer wirtschaftlichen Stagnation gerechnet”, erklärte die EZB. Im nächsten Jahr wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Währungsraum der EZB-Einschätzung zufolge nicht um 2,1 Prozent, sondern nur um 0,9 Prozent wachsen.

Von: APA/Reuters

Kommentare

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15 Kommentare auf "EZB: Mit historischer Zinserhöhung gegen Rekordinflation"


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sarkasmus
sarkasmus
Tratscher
25 Tage 9 h

Sparer werden reich belohnt

Dagobert
Dagobert
Kinig
25 Tage 8 h

sarkasmus
Sel isch jo dr Sinn der Zinserhöhung, damit die Leit sporn und nit olls verpulvern, damit die Inflation gebremst wird.

berthu
berthu
Universalgelehrter
25 Tage 7 h

zuerst die Inflation ankurbeln, dann wiedere auf Kosten der Sparer abzocken?
Oder wissen die nicht, daß en mass gedrucktes Geld um 0% Zinsen gleich Inflation bedeutet?
Auch unsere Kleinen Banken haben letzthin Mill…engewinne gemacht -komisch. Wenns denn allen soo schlecht geht, aber eben weil..darum!
Dieses Geld fehlt jetzt der Gesellschaft.

Marco schwarz
Marco schwarz
Superredner
25 Tage 6 h

@ Dagobert : tja, und die, die für den Hausbau Kredite aufgenommen haben, die scheissts 2x an… Hohe Baukosten mit zugleich steigenden Zinsen? Komische Art des Wirtschaftens…WER soll da bitte sparen, wenn die Preise trotzdem nicht nieder gehen, und die Löhne diesselben bleiben? Frage!!! Oder kommt der heilige Geist mit dem Geld des Onkels aus Amerika (satire zu)

Marco schwarz
Marco schwarz
Superredner
25 Tage 6 h

@ sarkasmus : es sollte heissen, die “Reichen” werden wieder und wieder belohnt, die Armen bekommen den nächsten Tritt in den Hintern🙄 (ist sarkastisch gemeint, aber doch mit ein wenig Wahrheit😅🤪)

OrtlerNord
OrtlerNord
Superredner
25 Tage 5 h

Da Italien noch nie sparen konnte,wird es für den italienischen Staat richt herb.
Aber in dem Fall ist die EU ja recht, oder mit Salvini und co eben Putin😉

Honor
Honor
Grünschnabel
25 Tage 5 h

@OrtlerNord, abwarten und Tee trinken…schauen wir mal im kommenden Frühjahr wie es mit dein geliebten Deutschland aussieht!!
rot – grün ist Gift für deine Landsleute

OrtlerNord
OrtlerNord
Superredner
25 Tage 2 h

@Honor
Ich wusste gar nicht das es mein geliebtes Deutschland ist! Ich bin vom Job her in mehrere Länder unterwegs.
Ich bin nicht geistig so eng gestrickt wie du es offensichtlich bist. Für mich ist es nicht entscheidend welche Farbe eine Regierungspartei hat sondern was sie macht und was sie für Ziele hat.

berthu
berthu
Universalgelehrter
25 Tage 7 h

Warum hat genau diese EZB den Zins überhaupt ins irreale Minus gesenkt? Mit jeder Änderung werden nur die Spekulanten gefüttert,
auf Kosten der Kleinsparer. All die Ausreden von “Wirtschaft ankurbeln, noch blöder Konsum ankurbeln” sind nicht wahr.
Grad alle von Nachhaltigkeit schwafeln, aber “Konsum….”
Geradezu kriminell, wie diese Geldheinis mit fremden Geld spielen!

N. G.
N. G.
Kinig
25 Tage 4 h

Hätte die EZB die Zinsen bei der weltweiten Bankenkrise nicht gedrückt, wäre ganz Europa pleite gegangen!
Wie vergesslich kann man sein?
Jetzt muss sie die Zinsen heben und das ist wiederum Gift für alle Betriebe die Geld benötigen und damit wird die Wirtschaft, die durch die Energiekosten extrem leidet zusätzlich an die Wand gefahren.

berthu
berthu
Universalgelehrter
20 Tage 15 h

..wäre Europa pleite gegangen…
Nicht Europa, aber einige dieser Zockerbanken und ihre Großkunden!
Deckel drauf und weitermachen!

Galantis
Galantis
Superredner
25 Tage 5 h

..endlich einmal gute Nachrichten, wurde auch höchste Zeit!👏

Mr.X
Mr.X
Tratscher
25 Tage 5 h

Nor werds ober a Zeit, dass die Banken wieder Habenzinsen zohlen!

Pully
Pully
Tratscher
25 Tage 4 h

Des wor schun vorauszusehen wenn man bedenkt wieviel Mrd die eu gedruckt hat um die Staaten zu retten und Anleihen gekauft hat.
Einen Gegenwert hat der Euro nicht.
Bleibt zu hoffen das die Reale Inflation unter 50% bleibt

berthu
berthu
Universalgelehrter
20 Tage 15 h

Gegenwert – alles nur Papierwert. Kein Bezug zu Goldwert, BIP oder Schulden.
Das einzige was hier beeinflußt, ist die Klick-Welle der Spakulanten.

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