"Probleme werden komplexer und zu wenig Geld"

Familienberatung: Mehr Beratungs- und Therapieanfragen

Samstag, 18. April 2015 | 16:10 Uhr

Bozen – Die Probleme der Südtirolerinnen und Südtiroler werden komplexer, die Zahl der Hilfesuchenden bei der Familienberatung Ehe- und Erziehungsberatung Südtirol größer. Der Familienberatung fehlen jedoch die Ressourcen, um die langen Wartezeiten zu verkürzen. Bei der außerordentlichen Vollversammlung am Freitag forderte die Vereinsspitze die Politik auf, mehr finanzielle Mittel in psychologische Beratung und Therapie zu investieren. Präventive Paar- und Erziehungsberatung erspare der Gesellschaft enorme Folgekosten, hieß es. Anlässlich des 40-jährigen Jubiläums findet im Herbst eine Jubiläumsfeier statt.

Am 17. April fand die außerordentliche Vollversammlung der Familienberatung „Ehe- und Erziehungsberatung Südtirol“ statt. Präsident Christian Meyer und Direktorin Elisabeth Rechenmacher informierten über die Tätigkeiten des vergangenen Jahres.

Insgesamt haben im vergangenen Jahr 2.364 KlientInnen die Angebote der fünf Familienberatungsstellen der Ehe- und Erziehungsberatung Südtirol in Bozen, Meran, Schlanders, Bruneck und St. Ulrich in Anspruch genommen. Zum Kernbereich der Familienberatung gehören psychologische Beratung, Therapie, Begleitung bei Problemen in der Familie, in der Partnerschaft, in der Erziehung, bei Trennung und Scheidung, bei individuellen Problemen von Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern. In den vergangenen Jahren neu hinzu gekommen sind therapeutische Gruppenangebote, Familienmediation, Abklärungen bei Adoption und Pflege, verstärkte Netzwerkarbeit mit anderen Diensten, der regelmäßig erscheinende Fachbrief zum Thema Familie und das Elterntelefon.

Obwohl der Bedarf an Beratung und die Komplexität der Fälle gestiegen sind, ist die Zahl der MitarbeiterInnen der Ehe- und Erziehungsberatung Südtirol im Wesentlichen gleich geblieben. Direktorin Elisabeth Rechenmacher erklärt: „Die Wartezeiten für eine psychologische Beratung und/oder Therapie dauern im Durchschnitt vier Monate. Das ist für die Klientinnen und Klienten unzumutbar lang.“ Viele Menschen würden mit einer Terminanfrage so lange warten, bis der Hut brennt und bräuchten dann schnell Unterstützung. Dem gerecht zu werden sei unter den gegebenen Umständen aber nicht möglich. Auch die Arbeitsbelastung für die PsychologInnen und PsychotherapeutInnen nehme ständig zu.

Elisabeth Rechenmacher fordert verstärkte finanzielle Zuwendungen seitens der öffentlichen Hand. Sie weiß um angedachte und durchgeführte Kürzungen von bei anderen Einrichtungen: „Die Mittel für die Familienberatung wurden zum Glück nicht gekürzt. Wir sind auch froh, dass die Landesregierung im Dezember 2014 schriftlich zugesichert hat, für das heurige Jahr dieselbe Finanzierung wie im vergangenen zur Verfügung zu stellen.“ Das erlaube Planungssicherheit. Um aber die bisherige Beratungsintensität aufrecht zu erhalten, werden Vorstandsmitglieder, MitarbeiterInnen und Vereinsmitglieder weiterhin offensiv um Spenden bitten müssen. Sie hoffe, dass die Landesregierung schon bald mehr finanzielle Mittel bereitstelle, sagt die Direktorin. Die Probleme der Menschen würden komplexer, auch die Wirtschaftskrise sei mitverantwortlich dafür. Es lohne sich kurz- und auch langfristig, mehr Geld in eine frühzeitige Beratung zu investieren. So könnten Lebenskrisen überwunden, psychische Probleme bewältigt und das Wohlbefinden, die Lebensqualität und die Zufriedenheit der Südtiroler Bevölkerung verbessert und spätere chronische Erkrankungen vermieden werden.

Die Familienberatung legt Wert auf die Qualitätssicherung ihrer Arbeit. Die MitarbeiterInnen absolvieren regelmäßig Supervision, Intervision und Fortbildung: Wie 2013 hat die Familienberatung im Jahr 2014 die Begleitung von hochstrittigen Trennungsfamilien zu ihrem Jahresthema gemacht und entsprechende Weiterbildungen angeboten und absolviert. Heuer setzen sich die MitarbeiterInnen verstärkt mit dem Thema „Anwendung der Bindungstheorie in der therapeutischen Arbeit mit Kindern, Eltern, Paaren und Erwachsenen“ auseinander.

2015 gibt es auch einen Grund zum Feiern: Die Familienberatung „Ehe- und Erziehungsberatung Südtirol“ wird 40 Jahre alt. Passend dazu findet im Herbst eine Jubiläumsfeier statt zu welcher nebst dem Vorstand, den Vereinsmitgliedern, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch die Netzwerkpartner eingeladen werden.

Zum Abschluss der außerordentlichen Vollversammlung, zu der am heutigen Freitag zahlreiche MitarbeiterInnen, Vereins- und Vorstandsmitglieder ins Kloster Muri-Gries nach Bozen gekommen waren, bedankte sich Elisabeth Rechenmacher bei Vorstand, Ehrenamtlichen, MitarbeiterInnen und SpenderInnen der Familienberatung „Ehe- und Erziehungsberatung Südtirol“ für ihren unermüdlichen Einsatz.

Von: ©mk

Bezirk: Bozen