Neujahrskonzert ist rund 46 Mio. Euro wert

Filmdrehs ziehen Urlauber an

Freitag, 05. April 2019 | 14:20 Uhr

In der Branche gilt es als unumstritten und es leuchtet ein: TV-Serien, Kinofilme und YouTube-Videos mit Österreich-Sequenzen sind ein Touristenmagnet. Der Werbewert liege – konservativ gerechnet – bei mindestens 200 Mio. Euro jährlich, fast ein Viertel davon entfalle alleine auf das Neujahrskonzert, das alle Jahre aus dem Wiener Musikverein weltweit ausgestrahlt wird, heißt es in einer Studie.

Die Fernsehserie “Der Bergdoktor” erreicht beispielsweise acht Millionen Zuseher, vor allem auch in Deutschland. Parallel zu den Drehaufnahmen kletterte die Zahl der Nächtigungen deutscher Sommerurlauber in der Tiroler Region Wilder Kaiser zwischen 2008 und 2018 um 54 Prozent, wie der Wiener Unternehmensberater und Studienautor Michael Paul bei einem Tourismusseminar in St. Johann im Pongau berichtete.

Die geschätzten Produktionsausgaben an Ort und Stelle beliefen sich auf 1 bis 1,5 Mio. Euro pro Episode, also auf mindestens 115 Mio. Euro für alle zwölf Staffeln, die von 2008 bis 2019 gedreht wurden. Allein für Unterbringung und Verpflegung seien mindestens 46 Mio. Euro ausgegeben worden.

“Du bekommst die Wertschöpfung direkt vor Ort und eine Werbung, die unbezahlbar ist”, betonte die Obfrau der Bundessparte Tourismus und Freizeitwirtschaft in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), Petra Nocker-Schwarzenbacher, im Gespräch mit der APA.

Schwarzenbacher führt selbst ein Hotel und beherbergte ab 1998 acht Jahre lang die Filmcrew der TV-Serie “Medicopter 117” im eigenen Haus. “Für St. Johann war das eine tolle Geschichte und es war ein wirklich gutes Sommergeschäft”, erinnert sie sich an die “aufregende und erlebnisreiche Zeit”. “Wir haben uns als Hotel bereiterklärt, täglich 24 Stunden mitzuarbeiten – egal ob Nacht- oder Tagdreh war. Wir haben überallhin unseren Guglhupf gebracht.”

Wie Tourismus und Filmwirtschaft voneinander profitieren können, führt auch die James-Bond-Produktion “Spectre” vor Augen. Der Film für ein Weltpublikum wurde 2014/2015 gedreht. “20 Minuten Österreich pur waren im Bild und neun Minuten Tirol”, strich der Autor der Studie “Zwischen Bond und Bollywood” hervor. Die Produktion sei in Österreich mit Gesamtausgaben in Höhe von 15,8 Mio. Euro verbunden gewesen, 8,9 Millionen davon in Tirol. Die 31 Drehtage in dem Bundesland waren mit 30.000 Übernachtungen durch Cast und Crew verbunden. 600 Filmschaffende und 210 Zulieferfirmen waren den Angaben zufolge involviert.

Mit “Spectre” wurde auch kräftig auf das “Imagekonto” Österreich eingezahlt: Bis zum Ende der Dreharbeiten im Februar 2015 seien in mehr als 2.000 Print- und Onlinemedien mit einer Gesamtauflage von rund 2,8 Milliarden Berichte über Sölden und Obertilliach erschienen. Der geschätzte Werbewert der Berichterstattung erreiche rund 100 Mio. Euro, sagte der Studienautor unter Verweis auf Berechnungen des Wiener PR-Experten Wolfgang Rosam. Der Bond-Film wurde von 88 Millionen Kinozusehern gesehen.

Für immense Werbeeffekte sorgen auch Tweets und YouTube-Videos von Künstlern. Der britische Singer-Songwriter Ed Sheeran etwa hat 2017 über die Dreharbeiten zu “Perfect” in Hintertux weltweit getwittert. Er gehört zu den Musikern mit den weltweit meisten Plattenverkäufen und hat 27,6 Millionen Follower auf Instagram. “1,9 Milliarden Menschen haben dieses Video auf YouTube angeklickt”, so Paul. “Wie viel müsste man für kommerzielle Werbung ausgeben, um das zu erreichen?”

Für Reisen auf den Spuren von Filmproduktionen gebe es mittlerweile einen eigenen Begriff “Set Jetting”, erklärte der Leiter der Cine Tirol Film Commission, Johannes Köck. Im Juli wurde “007 Elements” am Gaislachkogel in Sölden eröffnet – 3.048 Meter über dem Ötztal. Touristische Drehort-Pilgerstätten bildeten beispielsweise auch “The Sound of Music” aus den Sechzigerjahren in Salzburg und “Der Dritte Mann” aus 1949 in Wien heraus. Die Trapp-Familie, die hierzulande weitaus weniger bekannt ist als im Ausland, zieht jährlich immer noch rund 350.000 Touristen an. Auf die Spuren des “Dritten Mannes” in die Wiener Kanalisation begaben sich zwischen 2007 und 2018 rund 190.000 Besucher. Eine Schlüsselszene aus dem Film wurde allerdings angeblich in London gedreht, das Filmbusiness ist da flexibel – und die Vermarkter der Locations sind das auch.

Köck bezeichnet sich selbst als “Filmfischer” und hat auch schon lukrative Aufträge an Land gezogen, etwa vonseiten der weltweit größten Filmindustrie “Bollywood” in Indien: Im Agentenfilm “Tiger Zinda Hai” aus dem Jahr 2017 sind 22 Minuten Österreich zu sehen. Der in Tirol gedrehte Liebessong aus dem Film sorgte für 492 Millionen YouTube-Aufrufe. Der Trailer mit Österreich-Szenen wurde 91 Millionen Mal aufgerufen. Die zweitgrößte Filmindustrie der Welt befinde sich in Nigeria, “Nollywood”, erst dann folge Hollywood merkte Köck an.

Die internationale Filmkulissenkonkurrenz zu Österreich schläft nicht – ähnlich schöne Berge gibt es auch in der Schweiz und in Südtirol. “Aber wir können das günstiger – so um die 30 Prozent”, sagte der Filmexperte und meinte damit die Servicierung wie etwa Location-Scouting, nicht die Förderlandschaft, denn da ist Österreich im internationalen Vergleich finanziell nicht so stark aufgestellt.

Obergurgl als Drehort wurde laut Köck 1926 von Alfred Hitchcock in München selbst entdeckt: Auf einem Ständer für Ansichtskarten. Dort wollte er dann hin. Eigentlich hatte der britische Regisseur die Idee, die Filmlocation für den Heimatkrimi “The Mountain Eagle” (“Der Bergadler”) in Bayern zu finden. Heute handelt es sich beim “Bergadler” um den meistgesuchten Film – denn er ist seit Jahrzehnten weltweit verschollen.

Von: apa

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