In Italien sind sie rückläufig

Firmenpleiten in Westeuropa auf niedrigstem Stand seit 2008

Dienstag, 09. Mai 2017 | 17:15 Uhr

Die Firmeninsolvenzen in Westeuropa waren 2016 zum dritten Mal in Folge rückläufig und haben den niedrigsten Stand seit 2008 erreicht. “Die Konjunkturerholung in Europa kommt zunehmend in Schwung, die Indikatoren zeigen aufwärts und bisher können wir größere Bremswirkungen aus den politischen Unsicherheitsfaktoren heraus nicht erkennen”, sagt Helmut Rödl von der Wirtschaftsauskunftei Creditreform.

“Dabei ist immer noch völlig unklar, welche Folgen beispielsweise der Brexit oder der politische Kurs der neuen US-Administration für die europäische Wirtschaft haben”, sagte Rödl am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Wien. Der Innsbrucker Wirtschaftsprofessor Rödl ist Aufsichtsratsvorsitzender der Creditreform Rating AG und stellvertretender Aufsichtsratschef der Creditreform AG.

In den EU-15-Ländern sowie Norwegen und der Schweiz ist die Anzahl der Unternehmensinsolvenzen im vergangenen Jahr insgesamt um 3,3 Prozent auf 169.455 gesunken. Dabei ist das Bild in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich: Rückläufig waren die Insolvenzen etwa in den großen Volkswirtschaften Deutschland (-7,0 Prozent), Frankreich (-8,4 Prozent) und Italien (-6,0 Prozent), während sie in Österreich (+2,1 Prozent), der Schweiz (+6,7 Prozent) und Großbritannien (+12,2 Prozent) gestiegen sind. “Das hat mit dem Brexit mit Sicherheit noch nichts zu tun”, sagte Rödl.

In Deutschland habe die Zahl der Unternehmensinsolvenzen den niedrigsten Stand seit Einführung der Insolvenzordnung im Jahr 1999 erreicht. “Der Rückgang hat sich zuletzt sogar noch beschleunigt, die gute Wirtschaftslage setzt sich fort.”

Auffallend starke Rückgänge bei den Insolvenzen gab es in Spanien (-20,0 Prozent) und den Niederlanden (-16,5 Prozent). Ein Ausreißer war auch Griechenland, wo sich die Fallzahlen um 42,9 Prozent verringert haben – dort würden Insolvenzverfahren in der Praxis aber nur selten zur Anwendung kommen, sagen die Gläubigerschützer.

Überhaupt seien die Insolvenzzahlen der einzelnen Länder nur schwer zu vergleichen – u.a. auch deshalb, weil es kein einheitliches europäisches Insolvenzrecht gebe. So habe es in Dänemark im Vorjahr um zwei Drittel mehr Insolvenzen gegeben als 2015 und in Luxemburg gebe es 283 Insolvenzen pro 10.000 Unternehmen, während in Spanien nur 12 von 10.000 Unternehmen in die Insolvenz gehen.

“Gerade in Südeuropa zählt Eurostat eine Vielzahl kleiner Firmen und Kleinstbetriebe, etwa im Dienstleistungssektor, die in die Statistik einbezogen werden”, erklären die Creditreform-Experten. Auch aus anderen Gründen sind die Zahlen der einzelnen Länder kaum miteinander zu vergleichen: So kommt es immer wieder zu gesetzlichen Änderungen, die sich auf das Insolvenzgeschehen markant auswirken. Kroatien hatte etwa im vergangenen Jahr mehr als 38.000 Insolvenzen und Ungarn mit 41.000 sogar mehr als die USA, “weil in Ungarn nicht zwischen Insolvenzen und Liquidationen unterschieden wird”, erklärte Rödl.

In anderen Ländern wie Russland oder der Türkei, könne der Staat in das Insolvenzgeschehen eingreifen, wenn etwa Unternehmen von Amts wegen gelöscht werden. “Insolvenzstatistiken sind immer auch eine Frage der PR eines Staates oder der Optik”, so Rödl. In der Frage eines einheitlichen Insolvenzrechts in Europa “tut sich nix”.

Sehr unzufrieden sind die Gläubigerschützer mit der geplanten Novelle des Insolvenzrechts in Österreich, deren Begutachtungsfrist vor kurzem abgelaufen ist. “Ich halte diese am 1. Juli wahrscheinlich in Kraft tretende Privatinsolvenzrechtsreform für eine gesellschaftspolitische Bombe”, sagte der Geschäftsführer von Creditreform in Österreich, Gerhard Weinhofer. “Null Prozent Quote und das nur auf drei Jahre gerechnet” – von einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Schuldner- und Gläubigerinteressen könne dann keine Rede mehr sein. Als Gläubigerschützer-Verband verlange man Zugriff auf die Daten des Exekutionsregisters, “dann wäre wieder Waffengleichheit im Geschäftsverkehr hergestellt”.

Von: apa