"Nationale Beschränkungen gehören abgeschafft"

Handelskammer fordert freie Fahrt für die Bahn

Dienstag, 24. Mai 2022 | 09:47 Uhr

Bozen – Anlässlich des europäischen Jahrs der Schiene 2021 rollte der Sonderzug „Connecting Europe Express“ im vergangenen Jahr quer durch die Europäische Union – die Realität im Schienenverkehr sieht heute aber anders aus: Für die Eisenbahn bestehen noch immer nationale Grenzen in der EU. Das hat Folgen für den Preis, die Reisezeit und ganz allgemein für die Konkurrenzfähigkeit der Schiene.

Ganz egal ob PKW oder LKW, wenn man in ein Fahrzeug steigt und quer durch Europa fahren möchte, kann man das relativ problemlos tun. Man braucht nichts anderes als den Führerschein des Heimatlandes und kann losfahren. Im Schengenraum gibt es keine Grenzkontrollen mehr, die Verkehrsschilder in den einzelnen Mitgliedsstaaten sind für jede/n verständlich und man muss auch nicht unbedingt eine Fremdsprache sprechen. Die Fahrzeuge fahren auf jeder Straße gleich und man kann auch in jedem Land denselben Kraftstoff tanken. Ähnlich problemlos bewegen sich Flugzeuge in der EU – allerdings müssen die Piloten hier der englischen Sprache mächtig sein, welche als lingua franca fungiert.

Im grenzüberschreitenden Eisenbahnverkehr sieht die Realität leider ganz anders aus. Züge müssen an nationalen Grenzen halten und Bremstests machen (auch wenn sie bis zur Grenze problemlos gefahren sind), in jedem Mitgliedsland der EU muss der Lockführer der Landessprache mächtig sein und in dieser kommunizieren, auch die technischen Standards variieren von Mitgliedsland zu Mitgliedsland, sodass verschiedene Lokomotiven bzw. Züge technisch oft im grenzüberschreitenden Verkehr nicht eingesetzt werden können. Trotz verschiedener Anstrengungen auf EU-Ebene gibt es heute noch keinen einheitlichen „EU-Führerschein“ für Lokführer, da in verschiedenen Mitgliedsstaaten verschiedene Sicherheits- und Signalsysteme gelten. Auch werden Trassen, also Zeitslots für die Durchfahrt von Zügen, Großteils national vergeben. Das bedeutet, dass z.B. ein Zug von Deutschland nach Italien, die Slots beim deutschen, österreichischen und italienischen Infrastrukturbetreiber beantragen muss.

All das manifestiert sich in der Praxis als Mehrkosten und Zeitaufwand und schlägt sich massiv auf die Konkurrenzfähigkeit der Schiene nieder. Michl Ebner, Vizepräsident von Eurochambres und Präsident der Handelskammer Bozen, betont: „Für die Eisenbahn gibt es heute in der EU immer noch nationale Grenzen! Es muss höchste politische Priorität haben, die regulatorischen Barrieren im grenzüberschreitenden Bahnverkehr abzubauen, damit endlich ein einheitlicher europäischer Eisenbahnmarkt entstehen kann.“

Solange die Schiene mit solch massiven regulatorischen Problemen zu kämpfen hat, kann von konkurrenzfähiger Schiene nicht die Rede sein. Es ist hierbei nicht zielführend ständig nach einer Verteuerung der Straße zu rufen, anstatt konsequent die Abschaffung der regulatorischen Barrieren für die Bahn voranzutreiben.

„Die Alpenregionen sollten vehement für eine Abschaffung der regulatorischen Barrieren im grenzüberschreitenden Eisenbahnverkehr eintreten. Nur dadurch können gleiche Wettbewerbsbedingungen zwischen Verkehrsträgern als Grundlage für eine weitere Verlagerung des Personen- und Güterverkehrs auf die Schiene geschaffen werden“, ist Alfred Aberer, Generalsekretär der Handelskammer Bozen überzeugt.

Von: luk

Bezirk: Bozen

Kommentare

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19 Kommentare auf "Handelskammer fordert freie Fahrt für die Bahn"


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N. G.
N. G.
Kinig
1 Monat 1 Tag

Urkomisch! Züge müssen an angeblichen, nicht existierenden europäischen Grenzen halten?
Wenn nicht mal DIGITALE Inhalte diese Grenzen ungehindert bzw. gar nicht überschreiten dürfen!?
Das nennt man EU! E=Ein… U=Unsinn!

unbekannt05
unbekannt05
Grünschnabel
1 Monat 1 Tag

Auf der Pustertalbahn ist laut Regelung der RFI der Verkehr von kommerziellen Güterzüge verboten. Durch den Abbau von wichtigen Infrastrukturen in den letzten Jahrzehnten und weil die Strecke immer noch nicht ausgebaut wird ist auf dieser Strecke kein Güterverkehr möglich. Die ÖBB zeigt das Gegenteil und bis nach Sillian und zur Staatsgrenze sind täglich Güterzüge unterwegs die eine beachtliche Menge an Lkws ersetzen.

Neumi
Neumi
Kinig
1 Monat 1 Tag

Ja, im Pustertal leidet der Zugverkehr daruntern, dass es meist nur ein Gleis gibt. Während man außerhalb der Ortschaften sicher eine Lösung finden könnte, müsste man vor allem innerhalb von Bruneck z.B. erst mal schauen, wo man den Platz für ein zweites Gleis herkriegt.

Außerdem ist der Halbstundentakt der Personenzüge ein Problem, erst ab spät am Abend könnte man Güterzüge durchfahren lassen, sonst bräuchte man die Schranken bald gar nicht mehr hochnehmen.

unbekannt05
unbekannt05
Grünschnabel
1 Monat 1 Tag

@Neumi Genau, daher sollte ein zweites Gleis – war schon kurz nach Fertigstellung 1871 geplant worden, jedoch nicht mehr gebaut worden – endlich gebaut werden. Besonders im Teilstück Bruneck – Vintl wäre dies weniger aufwändig. Aber der Bau dauert lange und wenn man erst in vielen Jahren anfängt hilft dies wenig.

Neumi
Neumi
Kinig
1 Monat 1 Tag

Ich mach mir vor allem um die Strecke DURCH Bruneck Gedanken. Gehört der Bahn überhaupt genug Grund, dass sie dort eines bauen könnten?
Denn falls überhaupt, dann bringen zwei Gleise nur dann wirklich viel, wenn man sie komplett durchzieht.

Die Bauarbeiten wären massiv. Der Verkehr wäre durch die Sperrung am Andreas Hofer Übergang lange nicht zu bewältigen.

Ich hoffe aber, sie kriegen doch mal einen Plan hin, wie das alles realisierbar wäre.

unbekannt05
unbekannt05
Grünschnabel
1 Monat 1 Tag

Ich will damit sagen dass die Arbeiten für den Bau eines zweiten Gleises sofort beginnen sollen und nicht erst in Zukunft. Bei der Riggertalschleife hätte man auch nicht auf das Olympia-Geld warten sollen…

Neumi
Neumi
Kinig
1 Monat 1 Tag

@unbekannt05 Keine Ahnung wie es mit den Besitzverhältnissen ausschaut und ob das nicht rausgeschmissenes Geld wäre, wenn man nicht die gesamte Strecke entsprechend erweitern kann. Da verstehen andere mehr als ich. Aktuell sind die Personenzüge so getaktet, dass sie an gewissen Haltestellen warten können, dass der nächste Gleisabschnitt frei wird. Dass ein einzelner Bereich mit zwei Gleisen eine höhere Taktung ermöglicht, wage ich zu bezweifeln.

unbekannt05
unbekannt05
Grünschnabel
1 Monat 1 Tag

@Neumi Ein kompletter zweigleisiger Ausbau wäre sicher besser. Durch Kreuzungsstellen in Percha (diese wurde schon vor der Elektrifizierung abgebaut) und St. Sigmund würde sich die Kapazität verdoppeln, wenn auch sehr anfällig bei Verspätungen werden. In Vintl wurde das erste Gleis und die dazugehörigen Weichen leider abgebaut, im Falle von Verspätungen ist dies jedoch sehr nützlich. Mal schauen wann RFI diese wieder einbaut…

unbekannt05
unbekannt05
Grünschnabel
1 Monat 23 h

@Neumi Das hoffe ich auch. Der Bahnübergang muss durch eine Unterführung ersetzt werden. Auser den Fahrradweg abzubauen und dort ein zweites Gleis reinzuquetschen oder einen Tunnel unten durch zu bauen fällt mir dort keine Lösung ein. Hat sich von offizieller Seite her dort schon mal jemand Planungen gemacht wie man das lösen will?

Neumi
Neumi
Kinig
1 Monat 22 h

@unbekannt05 Eine Unterführung war gerüchteweise schon mal im Gespräch, aber ich glaube, das wurde wieder verworfen. Offizielle Stellungnahmen dazu kenn ich aber nicht.

Selbstbewertung
Selbstbewertung
Superredner
1 Monat 21 h

@Neumi: vielleicht könnte eine Lösung darin bestehen, dass Bruneck umfahren wird, eventuell untertunnelt, um die Lärmbelästigung zu reduzieren. Güterzüge fahren ohnehin meistens durch, eine Verladesstation für die lokalen Frächter könnte außerhalb Brunecks vorgesehen werden?! Bin leider auch kein Eisenbahnexperte….

unbekannt05
unbekannt05
Grünschnabel
1 Monat 11 h

@Selbstbewertung Früher wurde im Bahnhof Bruneck selbst beladen, die Untertunnelung wäre sicher dss beste, wenn auch das teuerste. Zum verladen wäre ein Anschlussgleis zur Industriezone ideal.

Fantozzi
Fantozzi
Superredner
1 Monat 1 Tag

ausbau der Autobahn – Mebos fuer Vinschgau und Pustertal – sell sein die Antworten auf ols!

OrtlerNord
OrtlerNord
Tratscher
1 Monat 1 Tag

Fan..
Wenn man nur bis zum Tellerrand denkt ,dann schon
4 Spurig durchs Vinschgau ,gehts noch!!
Verkehr wie am Brenner!!!

Neumi
Neumi
Kinig
1 Monat 1 Tag

Da sind die Handelskammer und ich mal einer Meinung 🙂 (und ja, das stimmt sie garantiert froh :P)

Wenn man’s schon nicht so hinkriegt wie im Straßenverkehr, dann doch wenigstens so wie in der Luftfahrt.

Die technischen Probleme wie verschiedene Stromnetze (Gleichstrom vs Wechselstrom am Brenner z.B.) sollten die größten Hürden sein, die es zu bewältigen gilt.

OrtlerNord
OrtlerNord
Tratscher
1 Monat 1 Tag

Kein Problem gibt schon lang Lokomotiven die mit Gleich und Wechselstrom funktionieren.

unbekannt05
unbekannt05
Grünschnabel
1 Monat 22 h

Die Probleme der unterschiedlichen Stromsysteme sind längst überwunden. Jedoch sind die Zugbeeinflussungssysteme, Funksysteme, Zulassungen überall anders und die größte Hürde!
Besonders in Italien dauert es ewig bis RFI die Zulassungen erteilt

Neumi
Neumi
Kinig
1 Monat 22 h

Die sind aber teuer und waren bis vor nicht all zu langer Zeit auch sehr störanfällig.
Die gängige Praxis ist die, dass die Lok sich vom Stromnetz trennt, der Zug mit dem aktuellen Schwung weiterrollt. Sobald er stehenbleibt, wird die Lok getauscht und es wird weitergefahren.

Selbstbewertung
Selbstbewertung
Superredner
1 Monat 21 h

Stimme der Handelskammer in diesem Punkt voll und ganz zu. Die ehemaligen Staatsunternehmen scheinen sich grundsätzlich in der nationalen Nabelschau am wohlsten zu fühlen.

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