Welttag des alkoholgeschädigten Kindes

HANDS plädiert für eine  Schwangerschaft ohne Alkohol

Freitag, 09. September 2022 | 08:38 Uhr

Bozen – Zum 9. September, dem Welttag des alkoholgeschädigten Kindes, ruft HANDS, das Kompetenzzentrum für Abhängigkeitserkrankungen von Alkohol, Medikamenten und pathologischem Glücksspiel dazu auf, Alkohol in der Schwangerschaft zu vermeiden und schwangere Frauen in ihrem Wunsch auf eine alkoholfreie Schwangerschaft zu unterstützen. Nur dann können alkoholbedingte Beeinträchtigungen beim Kind vermieden werden, betonen Dr.in Lucia Canzian, Immunologin und Ärztin bei HANDS und Bruno Marcato, Direktor des Vereins.

Alkohol bedeutet für Schwangere und Ungeborene ein Gesundheitsrisiko. Die aktuelle Forschung lässt es nicht zu, eine risikofreie Trinkmenge oder einen risikofreien Zeitraum in der Schwangerschaft zu benennen, bei dem Alkohol keinen negativen Effekt auf den Fötus hat. Die Schäden für Neugeborene können beträchtlich sein, betonen die Verantwortlichen von HANDS. Dazu gehören Fehlgeburten, Frühgeburten, Totgeburten, plötzlicher Kindstod, angeborene Fehlbildungen, niedriges Geburtsgewicht und eine Reihe anderer Störungen. Bruno Marcato erklärt: „Der getrunkene Alkohol gelangt in den Blutkreislauf und erreicht den sich entwickelnden Fötus, indem er die Plazenta passiert.“ Der Fötus könne keinen Alkohol verstoffwechseln, da ihm die entsprechenden Enzyme fehlen. Daher reichert sich der Alkohol im Nervensystem und in anderen Organen des Embryos an, schädigt Gehirnzellen und das Gewebe der sich bildenden Organe direkt und irreversibel.

Alle kindlichen Beeinträchtigungen aufgrund von Alkoholkonsum werden unter dem Kürzel „FASD“ (Fetal Alcohol Spectrum Disorder) zusammengefasst. Menschen mit FASD-Störungen zeigen Defizite beim abstrakten Denken, bei Organisation und Planung, beim Lernen und Erinnern von Ereignisabläufen, bei der Verknüpfung von Ursache-Wirkungs-Beziehungen. „Sie haben Defizite beim Sprechen, im sozialen Miteinander, bei der Wahrnehmung ihres Gegenübers und bei ihrer Verhaltensregulierung“, erklärt Dr.in Lucia Canzian. Die derzeit bekannte Liste umfasse über 400 Begleiterkrankungen, die zu mehr oder weniger schweren Behinderungen führen und die Menschen ihr Leben lang begleiten. Beim schwerwiegenderen FAS (Fetales Alkoholsyndrom) sind Wachstumsverzögerungen, körperliche Auffälligkeiten, insbesondere am Kopf und im Gesicht, sowie Dysfunktionen des zentralen Nervensystems mit entsprechenden Folgeschäden zu beobachten. Kleine Augen, dünne Oberlippen, die Abflachung des Bereichs zwischen Nase und Oberlippe, die Verformung von Gelenken, Gliedmaßen und Fingern, Wachstumsverzögerung, Seh- und/oder Hörprobleme, ein geringerer Kopfumfang und eine reduzierte Gehirngröße, Herzfehler sowie Nieren- und Knochenprobleme werden festgestellt. FAS kann auch verzögerte geistige Entwicklung und verminderte Intelligenz mit sich bringen.

Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit jede zehnte Frau während der Schwangerschaft Alkohol zu sich nimmt. Auf der Erde sind jährlich rund 10 000 Neugeborene vom fetalen Alkoholsyndrom und von fetalen Alkoholstörungen betroffen. Trotz einer eindeutigen Kontraindikation zum Schutz der Gesundheit des Kindes konsumieren viele schwangere Frauen weiterhin alkoholische Getränke. In Italien werden die Daten zum Alkoholkonsum in der Schwangerschaft derzeit aktualisiert. Laut einer Studie aus dem Jahr 2011, die sich auf 607 Neugeborene in sieben italienischen Krankenhäusern in unterschiedlichen Regionen stützt, lag die geschätzte Prävalenz von FAS bei 1,2 pro 1000 Lebendgeburten und die von FASD bei 63 pro 1000 Lebendgeburten. Für Südtirol gebe es leider keine spezifischen Zahlen, betont Bruno Marcato.

In Europa konsumiert im Durchschnitt ein Viertel der schwangeren Frauen Alkohol, wobei 2,7 Prozent zu einem übermäßigen Alkoholkonsum neigen. Irland, Weißrussland, Dänemark, das Vereinigte Königreich und Russland haben die weltweit höchsten Raten des Alkoholkonsums während der Schwangerschaft (Lancet Global Health, 2017).

Drei Viertel aller Frauen trinken während der Schwangerschaft keinen Alkohol. „Manchen fällt der Verzicht aber schwer“, betont Dr.in Lucia Canzian, Ärztin bei HANDS. Das sei besonders in einem Umfeld der Fall, in dem häufig getrunken wird oder Abstinenz als Gemeinschaftsverweigerung betrachtet wird. Partner der schwangeren Frau oder ihr Nahestehende spielen eine wichtige Rolle für die Gesundheit von Mutter und Kind. „Sie können den Wunsch der Frau nach Abstinenz schützen und unterstützen“, sagt Dr.in Lucia Canzian und sie können sich solidarisch zeigen, indem sie auch nichts trinken oder die schwangere Frau zumindest nicht zum Mittrinken verleiten. Gleichzeitig sei weitere Aufklärung der Bevölkerung zu den Risiken des Alkoholkonsums während der Schwangerschaft notwendig, unterstreicht der Direktor von HANDS Bruno Marcato.

Leider gebe es keine Diagnosemethode, um das Vorhandensein eines fetales Alkoholsyndroms oder eines Störungsspektrums festzustellen, sagt die Immunologin. Die Diagnose werde in der Regel durch eine Reihe von Untersuchungen gestellt, bei denen andere Krankheiten mit ähnlichen Symptomen wie etwa das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ausgeschlossen werden. Eine frühzeitige Diagnose sei wichtig, um verschiedene Behandlungsmöglichkeiten einzusetzen, darunter Medikamente zur Abschwächung von Symptomen, aber auch Verhaltens- und Erziehungstherapie oder Elterntraining wirken. Die Therapie müsse auf jedes einzelne Kind zugeschnitten sein, da kein Kind mit FASD dieselben Merkmale aufweise, sagt Dr.in Lucia Canzian. Ein interdisziplinärer Ansatz und die Zusammenarbeit von Kinderärzt*innen, Psychotherapeut*innen, Neurolog*innen, Ernährungsberater*innen, Immunolog*innen und anderen Fachleuten ist notwendig.

Auch wer eine Schwangerschaft plant, sollte keinen Alkohol trinken. „Wenn Sie bereits schwanger sind, ist es besser, bis zur Geburt nichts mehr zu trinken“, sagen Dr.in Lucia Canzian und Bruno Marcato abschließend. Auch in der Stillzeit sollten alkoholische Getränke vermieden werden.

Von: luk

Bezirk: Bozen

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