Kühnes Versprechen: Auf den höchsten Gipfel der Welt, in der Hälfte der Zeit

Innsbrucker Expeditionsveranstalter will Bergsteigen revolutionieren

Sonntag, 22. Oktober 2017 | 11:20 Uhr

50 Jahre lang hat sich im kommerziellen Höhenbergsteigen kaum etwas verändert – ein Innsbrucker Expeditionsveranstalter will das ändern.

Lukas Furtenbach lockt seine Klienten mit einem kühnen Versprechen: auf den höchsten Gipfel der Welt, in der Hälfte der Zeit. Er hat damit eine Grundsatzdebatte ausgelöst, die so tief in die DNA des Bergsteigens hineinreicht, wie der Mount Everest hoch ist.

Sollte sein Vorhaben gelingen, könnte es die Industrie revolutionieren. Wenn man in Österreich auf eines besonders stolz ist, dann sind es die Pionierleistungen im Bergsport – Cho Oyu, Nanga Parbat, Broad Peak, Gasherbrum II: vier der 14 höchsten Gipfel der Welt wurden erstmals von Bergsteigern aus der Alpenrepublik erklommen. Auch bei der Erstbesteigung eines weiteren Achttausenders, dem Dhaulagiri, war ein österreichischer Landsmann beteiligt – die Liste bahnbrechender alpiner Errungenschaften unter rot-weiß-roter Flagge ließe sich endlos weiterführen. Die Dominanz Österreichs im Alpinsport lässt sich freilich durch seine geografische Lage erklären, beruhte aber auch immer auf einem ausgeprägten Pioniergeist, im Bergsport das Unmögliche möglich zu machen – etwa den Mount Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff zu besteigen, was dem Zillertaler Peter Habeler und Reinhold Messner (zugegebenermaßen ein Südtiroler)1978 als Erste gelang.

In Innsbruck zieht ein Österreicher nun mit einer Vision aus, die das kommerzielle Höhenbergsteigen radikal verändern könnte: durch Vorakklimatisation im Höhenzelt, so ist Furtenbach überzeugt, lassen sich Dauer und Risiken eines Aufstiegs auf die höchsten Berge der Welt signifikant reduzieren. Kommendes Jahr soll es eine Gruppe Hobbybergsteiger unter der Leitung seiner zertifizierten Bergführer erstmals in maximal vier anstatt den üblichen neun Wochen auf den Mount Everest schaffen – ein Vorhaben, das dem 40-jährigen Bergenthusiasten und Unternehmer die Kritik zahlreicher Altmeister des Alpinismus eingebracht hat, das aber auch, sollte es gelingen, ein kleine Revolution darstellen würde.

Die Idee hinter der “Everest Flash Expedition”. Für viele Everest-Aspiranten ist nicht Geld, sondern Zeit der limitierende Faktor, wie Furtenbach im Gespräch mit der APA erklärt: “Zeit ist unser wertvollstes Gut. Die Wenigsten können oder wollen zwei Monate von ihrem Beruf befreit oder ihrer Familie getrennt sein.” Die vor der Gipfelbesteigung notwendigen Akklimatisationsaufstiege zur Anpassung an die extremen Höhen zögen die Expeditionen jedoch in die Länge. Seine Lösung: gemeinsam mit Mediziner Martin Burtscher von der Sportuniversität Innsbruck und dem ehemaligen Radprofi Gerrit Glomser hat Furtenbach ein Konzept entwickelt, das eine Akklimatisation im Vorfeld und von zuhause aus möglich macht. Im Zentrum stehen dabei sogenannte “Hypoxiezelte”, die den Sauerstoffgehalt von großen Höhen simulieren können. Zwei Monate vor Reiseantritt erhalten die Expeditionsteilnehmer die Zelte per Post, spannen sie über ihren Betten auf und verbringen darin die Nächte bis zur Abreise. Unter Anleitung und Begleitung durch einen Experten wird der Körper dadurch auf eine Höhe akklimatisiert, die jener im “Camp 3” – also der letzten Station vor dem Gipfel – auf dem Nordsattel des Everests entspricht. Nach Erreichen des Basislagers seien die Teilnehmer nach kürzester Zeit bereit für den Gipfelanstieg und müssten dort lediglich auf das passende Wetterfenster warten, lautet Furtenbachs Theorie.

Im Alpinismus, der Luftfahrtmedizin und dem Profisport wird das Höhentraining bereits seit über 30 Jahren angewandt. Während herkömmliche Höhensimulationssysteme jedoch maximal 5.000 Meter nachahmen können, behauptet Furtenbach, mit seinem System Höhenlagen bis zu 7.200 Meter zu erreichen. Privat vertraut er seit über fünfzehn Jahre auf Hypoxiesimulationen für seine Expeditionen zu den Dächern der Welt. 2016 dann gelang seinem Team die erste erfolgreiche Everest-Expedition in der Geschichte, bei der alle Teilnehmer in Hypoxiezelten vorakklimatisiert wurden. Im Mai dieses Jahres erreichte erneut eine achtköpfige Furtenbach-Expedition, darunter der blinde Osttiroler Alpinist Andy Holzer, mit Vorakklimatisation im Höhenzelt den Gipfel des Mount Everest – keiner von ihnen hatte zuvor einen Achttausender bestiegen. Für die beiden “Testläufe” ließ Furtenbach seinen Expeditionen noch knapp zwei Monate Zeit; im Mai 2018 soll dieser Zeitraum um mehr als die Hälfte verkürzt werden – und die sechs Expeditionsplätze sind bereits restlos ausgebucht.

Von: apa