Thema: Grenzen und Möglichkeiten der Weidehaltung im Berggebiet

Internationale Weidetagung an der Uni Bozen

Mittwoch, 08. Juni 2022 | 17:30 Uhr

Bozen – In Zusammenarbeit mit dem Versuchszentrum Laimburg und der Freien Universität Bozen hat der BRING (Beratungsring Berglandwirtschaft) am 7. und 8. Juni 2022 die Internationale Weidetagung zum Thema „Grenzen und Möglichkeiten der Weidehaltung im Berggebiet“ organisiert. Die Veranstaltung wurde an der Freien Universität Bozen abgehalten.

Im Zuge der zweitägigen Veranstaltung präsentierten Forscher aus Österreich, Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz, Luxemburg und Südtirol die neuesten Ergebnisse und Erkenntnisse rund um das Thema der Weidehaltung.

Die Internationale Weidetagung wird zweijährlich abgehalten. Ziel dieser Veranstaltung ist es den länderübergreifenden Erfahrungs- und Gedankenaustausch zu fördern, um durch Forschung und Beratung die Weidehaltung von Wiederkäuern und anderen Raufutterverwerter zu fördern und zu unterstützen.

Landwirtschaftslandesrat Arnold Schuler eröffnete die Tagung und wies darauf hin, dass die Weidehaltung nicht nur hinsichtlich des Tierwohls bedeutend ist, sondern auch durch die Leistungen, welche durch sie erbracht werden, wie zum Beispiel die Offenhaltung der Almen und den Erhalt und die Förderung der Biodiversität. Die Weidehaltung ist ein aktuelles und sehr wichtiges Thema in Südtirol. Die Rückkehr der großen Beutegreifer stellen aber ein großes Problem für die Weidehaltung dar. Es besteht Handlungsbedarf und die Notwendigkeit einer länderübergreifenden Zusammenarbeit, um die Weidehaltung in ihrer traditionellen Form erhalten zu können, unterstrich der Obmann des BRING Daniel Gasser.

Weidehaltung Chancen und Herausforderungen

Die Weidehaltung findet starken Zuspruch vom Konsumenten. Jedoch stellt sie im Berggebiet aufgrund der klimatischen und topografischen Gegebenheiten eine besondere Herausforderung dar. Schwankende Futterqualität, geringere Erträge, steile Flächen und begrenzte maschinelle Bearbeitbarkeit erschweren das Weidemanagement und erhöhen die Produktionskosten für Futtermittel, so Andreas Steinwidder von der HBLFA Raumberg Gumpenstein.

Diese Meinung teilte auch die niederländische Wissenschaftlerin Agnes van den Pol-van Dasselaar; Grasbasierte Milchproduktionssysteme sind nicht automatisch kostengünstig und rentabel, sondern stehen im Zusammenhang mit den topografischen und klimatischen Gegebenheiten und folglich den Kosten für die Futterproduktion. Grasbasierte Milchproduktionssysteme erbringen eine Vielzahl von Ökosystemleistungen und liefern dem Menschen Nahrungsmittel aus faserreicher, direkt nicht verwertbarer pflanzlicher Biomasse. Doch obwohl diese Ökosystemleistungen geschätzt werden, werden sie bisher kaum belohnt. Für den Landwirt ist ein angemessenes Einkommen erforderlich, um dieses Produktionssystem aufrecht zu erhalten. Aus diesem Grund sind Initiativen wichtig, welche die Landwirte bei der Erhaltung grasbasierter Milchproduktionssysteme unterstützen (z. B. Produktdifferenzierung, Prämien für Milch aus Gras, Verträge).

Über Einflussgrößen, die die Wahrscheinlichkeit eines Betriebes erhöhen, eine weideorientierte Haltung zu implementieren, referierte Giovanni Peratoner, Leiter des Fachbereichs Berglandwirtschaft am Versuchszentrum Laimburg. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die gezielte Auswahl einer weidetauglichen Rasse und eine Orientierung des Betriebs in die Richtung einer Bewirtschaftungsform, die Wert auf die Beweidung legt und unter anderem höhere Produktpreise garantiert, die topographischen Einschränkungen des Berggebiets zum Teil wettmachen können.

Weide vs. Stall

Über den Unterschied zwischen den beiden Produktionssystemen Weide- und Stallhaltung sprach Johannes Isselstein von der Georg-August-Universität Göttingen.

Die Weidehaltung ist vom Kunden gerne gesehen, aber nicht automatisch ökonomisch attraktiv für den Landwirt. Denn es hängt davon ab, ob überhaupt die Möglichkeit besteht einen hohen Anteil der Milch aus Weidegras zu erzeugen. Aber auch die Betriebsstruktur, die Flächenausstattung und -zugänglichkeit sind wichtige Faktoren, welche die Produktionskosten beeinflussen. Ein klarer Pluspunkt für die Weide sind die höheren Gehalte an Omega 3 Fettsäuren in der Milch. Auch können Weidesysteme insofern ein Vorteil sein, wenn weniger Ackerflächen beansprucht werden, da Weide (Gras) außerhalb der Nahrungskonkurrenz des Menschen ist. Zusätzlich können die Tiere auf der Weide artgerechtes Verhalten besser ausüben, jedoch wird durch die Weidehaltung im Vergleich zur Stallhaltung nicht automatisch ein höheres Maß an Tierwohl gewährleistet. Die Weidehaltung wirkt sich zwar positiv auf den Bewegungsapparat und die Klauen aus, die Risiken für Stoffwechselerkrankungen und Eutererkrankungen sind aber tendenziell höher. Letzteres hängt auch stark mit dem Management zusammen.

Weide, Tiergesundheit und Tierwohl

Zum Thema Kuhsignale referierte Irene Holzmann, Beraterin des BRING. Dabei stand die Weide als Umgebung der Kuh und die Signale, welche sie aussendet und welche es zu beobachten gilt um Tierwohl und Tiergesundheit zu fördern, im Mittelpunkt. “Rinder senden jeden Tag Signale, welche Auskunft über ihr Wohlbefinden und ihre Gesundheit geben. Solche Signale betreffen Körperhaltung, Verhaltensweisen und andere äußere Merkmale.”

Die Weide entspricht zwar in etwa dem natürlichen Lebensraum der Kuh, da die Bewegungsabläufe der Tiere am wenigsten eingeschränkt sind und sie ungehindert stehen, fressen, gehen und liegen können, jedoch birgt sie auch Gefahren, welche das Tierwohl und die Tiergesundheit negativ beeinflussen können. Aus diesem Grund ist es wichtig zu beobachten, um im Bedarfsfall gleich zu Handeln.

Um die Signale der Tiere deuten zu können, sollte man sich folgende Fragen stellen:

Was wird beobachtet? Warum könnte das so sein? Was könnte das bedeuten?

Erst sollte die ganze Herde, dann die Teilgruppe und zum Schluss das Einzeltier betrachtet werden. Zudem ist es wichtig, sogenannte Risikotiere (kranke verletzte Tiere), Risikomomente (z. B. Hitze) und Risikoorte (stellen an denen Tiere Schaden nehmen können) zu erkennen.

Eine solcher Gefahren ist auch die Parasitenbelastung auf Weiden. Ein Parasitenbefall wirkt sich negativ auf das Tierwohl und die Tiergesundheit aus und führt zu verringerten tierischen Leistungen.

Laut Ioanna Poulopoulou von der Freien Universität Bozen wurde bei kleinen Wiederkäuern bereits eine Resistenz (Präparate zeigen keine Wirkung mehr) gegenüber gewissen Entwurmungsmitteln beobachtet. Aus diesem Grund ist es äußerst wichtig, dass Präparate sachgemäß angewandt werden und der Behandlungserfolg muss überprüft werden.

Im Parasitenmanagement sind vor allem vorbeugende Maßnahmen wichtig, um den Einsatz von Entwurmungsmitteln zu verringern, so Véronique Frutschi von der Beratungsstelle Schweiz. Dazu zählen: mäßiger Viehbesatz (≤1 GVE/ha); Rotation ≥ 3-4 Parzellen, Ruhezeit ≥ 6 Wochen; Mähweide; Misch- oder Wechselweide mit älteren Rindern oder anderen Tierarten (Pferde, Schafe, Ziegen); Weide für den 1. Austrieb von Jungrindern mit niedrigem Parasitendruck.

Auch die Weideaufwuchshöhe beeinflusst, laut Leopold Podstatzky von der HBLFA Raumberg Gumpenstein, die Befallsintensität. Aus diesem Grund sollte eine Aufwuchshöhe von unter 6-8 cm vermieden werden.

Exkursion

Im Zuge der Veranstaltung wurden zwei Weidebetriebe besucht. Die Exkursion ging nach Lajen, erst zum Tantscherhof von Ploner Matthias und anschließend zu David´s Goashof von Perathoner David.

Seit zwölf Jahren bewirtschaftet Ploner Matthias den Tantscherhof. Schon seit Beginn der Tätigkeit setzt der Bio-Bauer auf die Weidehaltung. Die Rinder der Rasse Pinzgauer haben von April bis November den ganzen Tag freien Zugang zur Weide und auch im Winter können die Tiere ins Freie. Der Stall wurde so konstruiert, dass sich die Tiere darin wohlfühlen. Neben Milch, produziert der Tantscherhof auch Fleisch für die örtliche Metzgerei. Ein weiteres Standbein ist die Reinzucht von Pinzgauer.

Auf der Weide von David’s Goashof tummeln sich täglich über 60 Ziegen der Rasse Deutsche Edelziege. Qualität und Tierwohl stehen auf David’s Goashof im Vordergrund. Aus diesem Grund wurde der Stall so konstruiert, um den Bedürfnissen der Tiere gerecht zu werden. Es wird ausschließlich Futter mit hoher Qualität verfüttert und hohe Hygienestandards beim Melkvorgang werden eingehalten. Schon vor zehn Jahren hat David Perathoner mit der Produktion von Ziegenmilch und Joghurt begonnen. Heute präsentiert sich der Betrieb mit einer breiten Produktpalette aus hochwertiger Ziegenmilch. Von Milch bis Desserts wie Panna Cotta und Pudding, zu Frisch- und Schnittkäse.

Von: luk

Bezirk: Bozen

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