lvh-Bezirksversammlung des Unterlandes

“Jeder als potenziell kriminell eingestuft”

Mittwoch, 29. April 2015 | 11:53 Uhr

Bozen – Besonders der Jugendschutz und die strengen Arbeitssicherheitsbestimmungen in Italien standen bei der lvh-Bezirksversammlung des Unterlandes auf dem Tagesprogramm. Kritisiert wurde dabei nicht nur die Fülle der Gesetze, sondern auch die Härte der Strafen, die bei jeder Übertretung ausgestellt werden. Zudem schrecken die strengen Auflagen im Jugendschutzgesetz viele Betriebe davon ab, Lehrlinge aufzunehmen, was sich wiederum in der Statistik der Jugendarbeitslosigkeit niederschlägt. Auf Landesebene sei man aber schon dabei, neue Regelungen im Interesse der Betriebe auszuarbeiten.

„In Südtirol besteht bei den Betrieben ein hoher Standard bei der Umsetzung der Arbeitssicherheitsbestimmungen“, betonte Bezirksobmann Georg Rizzolli. „Des Weiteren kommt das duale Ausbildungssystem zur Anwendung. Dabei kommt den Betrieben große Verantwortung zu, weil sie die Fachkräfte für morgen ausbilden und damit die Zukunft der Wirtschaft sichern“, so Rizzolli weiter. Deshalb wäre es sehr zu begrüßen, wenn die lokalen Politiker den heimischen Betrieben entgegenkommen und für eine realitätsnahe Handhabung der Bestimmungen sorgen würden.

Im Anschluss ging das Wort an lvh-Präsident Gert Lanz. „Eine der größten Herausforderung für uns Handwerker ist, wie wir uns in Zukunft am Mark positionieren. Besonderes Augenmerk müssen wir darauf legen, das Image unserer Berufe weiter aufzuwerten.“ Lanz ging auch auf die elektronischen Fakturierungen ein, die es als großes Problem für die Betriebe bezeichnete. „Wegen dieser Neubestimmung bieten viele Handwerker bestimmte Leistungen gar nicht mehr an“, berichtete der Präsident. „Der bürokratische und finanzielle Aufwand für eine Fakturierung ist im Anschluss oftmals höher als der Erlös aus der Dienstleistung selbst. Unsere Betriebe sollen sich auf ihre Arbeit und ihre Kunden konzentrieren können, nicht auf das Ausstellen von Rechnungen“, so Lanz.

Der Landtagsabgeordnete Oswald Schiefer berichtete von den Bemühungen des Landes bei den Themen Jugendschutz und Arbeitssicherheit Erleichterungen für die Betriebe herbeizuführen. Man sei inzwischen dabei, eine Regelung zu verabschieden, mit der die Zusammenarbeit zwischen Inspektoren und Betrieben verbessert werden soll. „Wenn man den Betrieben in dieser Sache entgegenkommen und beispielsweise im Rahmen des Jugendschutzes weniger kriminalisieren würde, wären die Handwerker sicherlich auch bereit, wieder vermehrt Lehrlinge aufzunehmen. „Ziel wäre es, die Betriebe zuerst über Unregelmäßigkeiten aufmerksam machen zu können und erst dann zu strafen, wenn nach der Ermahnung die Fehler nicht behoben wurden“, so Schiefer.

Beim anschließenden Runden Tisch, an dem neben Gert Lanz und Oswald Schiefer auch Kammerabgeordneter Francesco Palermo und Senator Manfred Schullian teilnahmen, wurde das Thema gemeinsam diskutiert und mit gezielten Fragen nach Antworten gesucht. Auf die Frage, warum die Politik die Handwerker mit teils unsinnigen Regelungen belastet, antwortete Francesco Palermo, dass in Italien nicht nur die Handwerker, sondern alle Bürger von den Gesetzgebern generell als kriminell eingestuft werden. Gibt es einen Verdacht auf eine Übertretung, wird meistens sogleich ein neues Gesetz verabschiedet. „Die Einstellung in Italien ist, dass es strenge Gesetze und harte Sanktionen braucht, damit sich die Bürger an die Regeln halten“, bestätigte auch Manfred Schullian. „Und dabei werden Unmengen an Gesetzen produziert, die man nur noch schwer überschauen kann.“ Schullian betonte, dass es für die Parlamentarier wichtig sei, von den Verbänden und Organisationen die Hintergrundinformationen zu erhalten, damit man gut vorbereitet sei und die Realität in den Betrieben verstehen könne. Man war sich einig, dass im Hinblick auf die hohe Jugendarbeitslosigkeit die Wirtschaft zwar die Arbeitsplätze schaffen müsse, dies aber nur möglich sei, wenn von der Politik die geeigneten Rahmenbedingungen vorgegeben werden. Mit Bedauern stellte man aber auch fest, dass  in so einem komplexen System, wie es der Staat Italien ist, Änderungen nicht von heute auf morgen umgesetzt werden können. Zudem müsse in Italien auch ein kultureller Wandel stattfinden. Anstatt jeden Bürger von vornherein als potenziell kriminell einzustufen, müsse ihm wieder mehr Vertrauen geschenkt werden.

Von: ©mk

Bezirk: Überetsch/Unterland