Jahreshauptversammlung des Blinden- und Sehbehindertenverbandes

Josef Stockner: Ein Leben für blinde und sehbehinderte Menschen

Donnerstag, 12. Mai 2022 | 17:29 Uhr

Bozen – Die diesjährige Jahreshauptversammlung des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Südtirol war Gelegenheit, dem Ende März 2022 verstorbenen Ehrenpräsidenten der Landesgruppe Josef Stockner zu gedenken. Die Ehrenpräsidentschaft wurde Stockner im Jahre 2021 verliehen. Sein großer Einsatz habe stets die Verbesserung des täglichen Lebens der Menschen mit Sehschädigung zum Ziel gehabt sowie deren soziale und berufliche Integration, so die entsprechende Begründung.

Verschiedene Teilnehmer an der Jahreshauptversammlung erzählten von persönlichen Erinnerungen an Josef Stockner, hoben die Werte hervor, nach denen er seinen Einsatz im Sozialen und sein Leben
ausgerichtet hatte und drückten ihren Dank aus. Der Dank galt nicht zuletzt auch Stockners Frau Maria, die zur Versammlung gekommen war. Sie ist stets an seiner Seite gewesen und ohne ihre Mithilfe hätte Josef Stockner sicherlich nicht so viel leisten können.

Leben

Josef Stockner, oder Sepp Stockner, wie er unter Freunden stets genannt wurde, wurde am 20. Februar 1940 in Schnauders in der Gemeinde Feldthurns geboren. Schon im Kindesalter litt er aufgrund einer Augenerkrankung an einer Sehschwäche, die immer weiter fortschritt. Mit 13 Jahren erblindete er vollständig.

Blindenverband Bozen

Trotz seiner starken Sehbehinderung besuchte Stockner die Grundschule bis zum 14. Lebensjahr in seinem Heimatort. Dann arbeitete er auf dem elterlichen Hof.

Mit 18 Jahren wurde Stockner in die Blindenanstalt nach Innsbruck geschickt. Dort erlernte er das Korbflechten. Im November 1961 kam er nach Brescia, um einen Telefonistenkurs für Blinde zu besuchen.
Mit 23 Jahren begann er im Krankenhaus Bozen als Telefonist zu arbeiten, wo er 15 Jahre lang tätig war. 1978 wechselte er zur “Bank von Trient und Bozen” und arbeitete dort bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1994.

1965 heiratete Josef Stockner Maria Kerschbaumer, die ebenfalls aus Feldthurns stammte. Gemeinsam haben sie drei Söhne großgezogen und hatten sechs Enkelkinder sowie eine Urenkelin.

Fast ein halbes Jahrhundert Vorsitz des Blinden- und Sehbehindertenverbandes

1968 wurde Josef Stockner erstmals in den Vorstand der Landesgruppe Südtirol des Italienischen Blindenverbandes und auch gleich zum Präsidenten gewählt. Dieses Amt bekleidete er bis 2015, also fast für fünf Jahrzehnte.

In die Amtszeit von Sepp Stockner fallen viele gesetzliche Errungenschaften, die das Leben blinder und sehbehinderter Menschen erleichterten. Zunächst ging es um die Auszahlung der provinzialen Ergänzungszulage zusätzlich zur sehr bescheidenen gesamtstaatlichen Zivilrente, dann weiter über verschiedene Etappen bis dann im Jahr 1978 das Landesgesetz Nr. 46 erlassen worden ist, das die vom Staat ausbezahlten Renten und Zuschüsse für Zivilinvaliden, Zivilblinde und Gehörlose seitens der Autonomen Provinz Bozen vorsah. Für all diese Gesetzesmaßnahmen waren zahllose Kleinarbeiten und intensive Verhandlungen mit dem Sozialassessorat notwendig.

Besonders freute es Stockner, wenn durch die Vermittlung des Blindenverbandes junge Menschen eine Arbeitsstelle erhalten konnten, wodurch sie sich eine Existenz aufbauen konnten. Eine Teilnehmerin an der Jahreshauptversammlung erinnerte sich daran, wie Stockner selbst sie an ihrem ersten Arbeitstag zur neuen Arbeitsstelle begleitet hat.

Der direkte Kontakt zu den Mitgliedern lag Stockner sehr am Herzen. Er traf sich mit Betroffenen im Verbandsbüro, kontaktierte sie telefonisch oder machte landauf landab Hausbesuche. Eine weitere Teilnehmerin an der Versammlung erzählte von eben so einem Besuch des Präsidenten des Blindenverbandes, begleitet von Ehefrau und 10jährigm Sohn, als sie 14 Jahre alt war. Trotz anfänglicher Ablehnung sei es Stockner gelungen, in ihr die Neugierde auf die Blindenschrift zu wecken.

Ein Anliegen waren Stockner auch die Initiativen zum Kennenlernen und zur Stärkung der Gemeinschaft. Er hat immer gerne und aktiv mitgemacht und zahllose Vorhaben auch organisiert. Es ging um Treffen, Ausflüge, Sportveranstaltungen usw. Ab 1985 organisierte er regelmäßig Meeraufenthalte und Bergwanderwochen für die Mitglieder.

Über den Vorsitz des Blinden- und Sehbehindertenverbandes hinaus bekleidete Josef Stockner über all diese Jahrzehnte viele weitere Ehrenämter im lokalen und internationalen Blinden- und allgemein
im Behindertenwesen, seien diese als Interessensvertretung oder auch sportlicher oder sozial/religiöser Natur.

Sepp Stockner war allseits aufgeschlossen, humorvoll und konnte überhaupt mit Menschen gut umgehen. Deshalb war er überall sehr beliebt. Er pflegte gute Beziehungen zu Vertretern von Blindenverbänden und Blindensportgruppen in ganz Italien und im deutschsprachigen Ausland. Wegen seiner vielen Verpflichtungen war er oft auf Reisen und hatte überall Bekanntschaften geschlossen.

Als besonders wichtigen Wert, den Josef Stockner in seinem Leben gelebt habe, wurde bei der Versammlung erwähnt, wie er ganz natürlich mit seiner Blindheit umgegangen ist und wie er stets darauf bedacht war, sich weniger auf das zu konzentrieren, was ihm fehlte, sondern mehr auf das, was er zur Verfügung hatte. Mit dieser Haltung war es Stockner gelungen, ein erfülltes Leben zu leben und es gelte, dieser Haltung nachzueifern.

In den letzten Jahren machte Josef Stockner leider die Verschlechterung seines Hörvermögens zunehmend zu schaffen und diese schränkte sein tägliches Leben und Tun immer mehr ein. Am 30. März 2022 ist er, nach kurzer Krankheit, im Brixner Krankenhaus verstorben. Mit ihm ging eine Säule im Blindenwesen und allgemein im Sozialen in Südtirol verloren.

Von: luk

Bezirk: Bozen

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

1 Kommentar auf "Josef Stockner: Ein Leben für blinde und sehbehinderte Menschen"


Sortiert nach:   neuste | älteste | Relevanz
herta
herta
Tratscher
16 Tage 3 h

Ja Sepp ich kannte dich persönlich seit Mitte der 60 iger Jahre habe durch meine sportlichen Tätigkeiten viele -viele Wochen beimLanglaufen und den Bergwanderwochen mit dir und anderen Freunden verbracht auch Stunden mit Blindwatten war ein wahrer Genuss mit dir.
Nun lieber Sepp ein Dankeschön für diese Zeit und Ruhe in Frieden der Herrgott möge es
dir anerkennen

wpDiscuz