2021 sind 1.613 Akten bearbeitet worden

Kinder- und Jugendanwältin: “Fälle und Herausforderungen steigen”

Donnerstag, 12. Mai 2022 | 11:53 Uhr

Bozen – Wie im Landesgesetz Nr. 11 vom 9. Oktober 2020 vorgesehen, hat die Kinder- und Jugendanwältin Daniela Höller einen Bericht über die zahlreichen Tätigkeiten ihres Büros im Jahr 2021 verfasst, den sie heute im Landtag vorgestellt hat.

„Die Anzahl der behandelten Fälle steigt stetig und damit steigen auch die Herausforderungen, denen wir uns tagtäglich stellen“, erklärt Kinder- und Jugendanwältin Höller. Im vergangenen Jahr hat die Kinder- und Jugendanwaltschaft insgesamt 1.613 Akten bearbeitet, 808 davon wurden im Jahr 2021 eröffnet: bei den bearbeiteten Themen ging es oft um Situationen, in denen die Kinder- und Jugendanwaltschaft Rechte und Interessen Minderjähriger im Rahmen konkreter Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen zu schützen suchte. Abgesehen davon, betrafen die Themen vor allem den Schulbereich (28,22 Prozent), nicht begleitete ausländische Minderjährige (13,12 Prozent), Situationen mit Mehrfachproblematiken (11,39 Prozent), Trennung und Scheidung (8,66 Prozent), Jugendschutz (7,18 Prozent), Gewalt und Missbrauch (5,82 Prozent) sowie den Bereich Gesundheit (5,45 Prozent).

Wie aus dem Tätigkeitsbericht hervorgeht, waren die Kinder- und Jugendanwältin und ihr Team hauptsächlich im Bereich der rechtlichen Beratung und der Vermittlung tätig. „Die behandelten Fälle betrafen oft delikate, meist tragische und fast immer dringende Angelegenheiten: Ob es sich nun um körperliche, psychische oder sexualisierte Gewalt, Diskriminierung von jungen Menschen, Integration und Inklusion von Kindern mit besonderen Bedürfnissen in der Schule und im Alltag, familiäre Konflikte oder Mobbing und Cybermobbing handelt. Diese Situationen, die ein offenes Ohr, viele Gespräche und Geduld erfordern, werden von uns oft über einen längeren Zeitraum begleitet“, so Höller.

Ein weiterer wichtiger Bereich, in dem die Kinder- und Jugendanwältin tätig war, war die Sensibilisierung von Erwachsenen in Angelegenheiten, welche Kinder und Jugendliche betreffen, aber vor allem der Minderjährigen selbst. Zu diesem Zweck hat die Kinder- und Jugendanwaltschaft im Jahr 2021 19 Vorträge in Schulen aller Stufen abgehalten.

Im Bereich Sensibilisierung hatte sich die Kinder- und Jugendanwältin zum Ziel gesetzt, noch stärker mit Kindern und Jugendlichen in direkten Kontakt zu treten und sie über ihre Rechte zu informieren. Dies wurde durch eine Reihe von Projekten erreicht, die das Büro durchgeführt hat: ein Buch zu den Kinderrechten, das für die Grundschülerinnen und Grundschüler des Landes verfasst wurde; ein Videoprojekt, das mit und für Jugendliche gemacht wurde; die so genannte KIJA-Box, eine Box, die die Kinder- und Jugendanwaltschaft bei den Vorträgen in den Schulen mitnimmt und durch welche die jungen Menschen ganz persönliche Fragen stellen können; eine Umfrage zum Bewusstsein der Kinderrechte anlässlich des Internationalen Tages der Kinderrechte und verschiedene Informationskampagnen auf den sozialen Medien.

Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit der Kinder- und Jugendanwältin im vergangenen Jahr war auch der Austausch mit verschiedenen Einrichtungen, Behörden und Vereinen, um eine gute Netzwerkarbeit zu ermöglichen.

Im Hinblick auf die Interessenvertretung war die Kinder- und Jugendanwaltschaft in Form von Stellungnahmen, Gutachten und Meldungen tätig. Außerdem hat die Kinder- und Jugendanwaltschaft auch im Jahr 2021 freiwillige Vormunde für nicht begleitete ausländische Minderjährige ausgewählt, ausgebildet und begleitet. Im Jahr 2021 wurden hierfür ein Ausbildungskurs für freiwillige Vormunde und ein Vertiefungskurs organisiert.

Anschließend war Gelegenheit für Fragen der Abgeordneten, die ihren Stellungnahmen durchwegs ein Lob voranstellten.

Die Jugend hätte besonders unter der Kontaktsperre, aber auch unter der Maskenpflicht gelitten, erklärte Sven Knoll (Süd-Tiroler Freiheit) und plädierte für eine viel stärkere Unterstützung ihrer Anliegen.

Franz Ploner (Team K) fragte, wie sich die Arbeit der Kinder- und Jugendanwaltschaft in der Pandemie geändert habe, wie man mit Angststörungen umgehe und mit Fällen von Anorexie.

LR Waltraud Deeg betonte die Rolle der Familie bei der Unterstützung der Jugendlichen, dankte für den Einsatz der Kinder- und Jugendanwaltschaft in der Suizidprävention und kündigte eine weitere gute Zusammenarbeit an.

Ein Dank kam auch von LR Philipp Achammer, der auch auf einige Ergebnisse der Jugendstudie einging. Die Maskenpflicht sei derzeit unverhältnismäßig, wobei man auch sagen müsse, dass sie an den Schulen genau eingehalten wurde. Nun bemühe man sich auf allen Ebenen um eine Lockerung.

Sandro Repetto (Demokratische Partei – Bürgerlisten) fragte, welche Zusammenarbeit es mit den Sozialdiensten gebe, insbesondere bei unbegleiteten minderjährigen Migranten.

Peter Faistnauer (Perspektiven Für Südtirol) fragte, warum die Auflagen wie Maskenpflicht und Green Pass in Südtirol mehr gespürt wurden als in anderen Regionen.

Brigitte Foppa (Grüne) verwies auf die Aussage einer Psychiaterin, dass Jugendliche in der Pubertät am stärksten von den Einschränkungen betroffen wurden und ihre Identität über das Internet definierten, und bat Höller um eine Einschätzung.

LR Maria Hochgruber Kuenzer dankte für den Einsatz für unbegleitete Minderjährige und lobte den Einsatz von Botschafterin für die Kinderrechte.

Auch Magdalena Amhof (SVP) fand das ein wunderbares Projekt und dankte Höller, dass sie sich in der Pandemiezeit zum Sprachrohr der Jugend gemacht habe.

Helmut Tauber (SVP) fragte, was man tun könne, dass die Kinder und Eltern sich mehr an die Kinder- und Jugendanwaltschaft wenden.

Josef Unterholzner (Enzian) fand es bemerkenswert, dass 28 Prozent der Fälle von der Schule kämen. Er fragte, wer die Verantwortung für die Folgeschäden der Pandemiemaßnahmen übernehme.

Laut einer Psychiaterin hätten immer mehr Kinder die Orientierung verloren, erklärte Paula Bacher (SVP) und fragte, was man dagegen tun könne.

Für die Kinder- und Jugendanwaltschaft sei die Pandemie sicher eine Bewährungsprobe gewesen, bemerkte Gerhard Lanz (SVP). Er berichtete von einem Lehrer, der nicht mehr bewerten wolle, und Kindern, die eine Bewertung wollten, und bat um eine Einschätzung. Mit den Pandemiemaßnahmen habe man niemandem Essen oder Wohnung genommen – Lanz fragte, ob die Gesellschaft nicht mehr krisensicher sei.

Maria Elisabeth Rieder (Team K) lobte die Öffentlichkeitsarbeit der Kinder- und Jugendanwältin. Sie bat um Details zu armutsgefährdeten Kindern.

Franz Locher (SVP) sah eine Belastung auch darin, dass viele Kinder während der Pandemie alleine zu Hause waren und sich dann mehr mit Internet als mit den Hausaufgaben beschäftigt hätten. Es wäre nötig, mehr Betreuungsangebote zu schaffen.

Kinder- und Jugendanwältin Daniela Höller betonte in ihrer Antwort, dass den Jugendlichen die Möglichkeiten zur Verfügung gestellt werden müssen, die sie brauchen und auf die sie ein Recht haben, da sonst die Illegalität zunimmt, und dass sie in der Lage sein müssen, ihre Aktivitäten auszuüben. Die Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen hätten sie und ihr Team erst wenige Monate vor ihrem Amtsantritt eingeholt, und ein Problem sei die unterschiedliche Auslegung der Vorschriften durch die Landes- und Jugendgerichte gewesen, die ein hohes Maß an Flexibilität erfordert habe. Wenn Kinder mit psychologischen und psychiatrischen Problemen an sie verwiesen werden, schalte sie sich ein, um Hilfe zu leisten: niedrigschwellige Angebote sind gefragt. Was die Noten betrifft, so habe sie den Eindruck, dass der relative Druck sehr groß geworden war und dass es notwendig war, die Leistungsangst zu verringern.

Seit Jahren seien es vor allem die Eltern, die sich an sie wendeten, an zweiter Stelle seien es Freunde oder Bekannte des betroffenen Jugendlichen. Die Sozialdienste würden kontaktiert, wenn es bereits ein Gerichtsverfahren gebe, sie seien ein wichtiger Ansprechpartner vor allem bei unbegleiteten Migranten. Von Kinder- und Jugendanwaltschaften und anderer Regionen höre sie, dass sie schwierigere Probleme hätten als jene mit der Maskenpflicht. Laut einer Studie der nationalen Kinder- und Jugendanwaltschaft seien Ernährungsstörungen, Selbstverletzungen und Suizid die Hauptprobleme. Die Kinderrechte-Botschafter hätten die Aufgabe, den Kindern ihre Rechte zu erklären und sie darauf aufmerksam zu machen. In den letzten Jahren hätten die schulischen, aber auch die familiären Probleme zugenommen. Die Verantwortung für die Auswirkungen der Pandemiemaßnahmen würden wir alle tragen, alle hätten die Pflicht, die Jugendlichen zu unterstützen. Partizipation sei wichtig für das Selbstwertgefühl der Jugendlichen, das ihnen auch Sicherheit gebe – hier versuche man, vor allem auf Gemeindeebene einiges auf den Weg zu bringen. Kinder und Jugendliche bräuchten auch ein Feedback und konstruktive Kritik. Armutsgefährdete Familien seien vor allem zu Beginn der Pandemie ein großes Thema gewesen, sie hatten z.B. Ausrüstungsprobleme beim Fernunterricht. Das größte Geschenk, das die Familien den Kindern machen könnten, sei Zeit.

Präsidentin Rita Mattei dankte Höller für ihren Bericht und für ihre Arbeit.

Von: luk

Bezirk: Bozen

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

1 Kommentar auf "Kinder- und Jugendanwältin: “Fälle und Herausforderungen steigen”"


Sortiert nach:   neuste | älteste | Relevanz
sakrihittn
sakrihittn
Universalgelehrter
12 Tage 18 h

Herausforderung ist Unwort des Jahrhunderts!

wpDiscuz