Das Wifo sieht einen Abschwung der Industriekonjunktur

Konjunkturdämpfer lässt laut Experten schon im Sommer nach

Freitag, 29. März 2019 | 14:50 Uhr

Der aktuelle Konjunkturdämpfer, der Österreichs Wirtschaft 2019 an Fahrt verlieren lässt, dürfte aus Sicht der Wirtschaftsforscher schon im Sommer wieder nachlassen und zu höheren Quartalswachstumsraten führen. Der Abschwung kommt von Industrie, Exporten und geringeren Investitionen, im Dienstleistungssektor läuft es gut, so Wifo und IHS am Freitag. Und: Österreich steht besser da als Deutschland.

“Wir sind immer noch ganz brav unterwegs”, meinte Wifo-Chef Christoph Badelt bei der Vorlage der neuen Prognose, wonach die Wirtschaft heuer real nur um 1,7 Prozent wachsen wird, statt um 2,0 Prozent, wie noch im Dezember angenommen. Das Institut für Höhere Studien (IHS) senkte seine Vorhersage von 1,7 auf 1,5 Prozent, für 2020 ließ man die Prognosen mit +1,8 bzw. +1,6 Prozent gleich. 2018 hatte das Plus noch 2,7 Prozent betragen.

Vor allem die Zuwächse im Außenhandel schmelzen heuer stark zusammen, hier haben die Experten ihre Annahmen am stärksten gesenkt – bei Exporten wie Importen. Grund dafür war die Schwäche der deutschen Autoindustrie, an die Österreich stark liefert. Das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) erwartet für heuer dennoch noch einen kleinen Wachstumsbeitrag von der Außenwirtschaft, das IHS nicht mehr. Schwächer als bisher wird zudem die Entwicklung der Ausrüstungsinvestitionen im heurigen Jahr gesehen, ebenso teils auch bei den Bauinvestitionen.

Positiv in der neuen Prognose: Die schrittweise Entspannung am heimischen Arbeitsmarkt setzt sich heuer noch fort, die Experten warnen aber speziell vor Problemen bei älteren Arbeitnehmern und überhaupt einer Verfestigung von Arbeitslosigkeit. Die Inflation dürfte vor allem 2019, aber auch 2020, stärker nach unten gehen als bisher gedacht. Und der Maastricht-Überschuss des Gesamtstaates dürfte heuer zulegen, laut Wifo auch 2020 nochmals.

Die Industriekonjunktur in Österreich befinde sich “derzeit im Abschwung”, und die Welthandelsflaute wirke belastend, erklärt das Wifo. Allerdings dürfte sich die Konjunktur im zweiten Halbjahr stabilisieren, glaubt das Institut. Denn das Quartalswachstum werde sich nur noch bis zum zweiten Vierteljahr (auf 0,3 Prozent) abschwächen, fürs dritte und vierte werden schon 0,4 und 0,5 Prozent Plus gesehen. Ein Risiko dabei sei, dass sich die deutsche Konjunktur im zweiten Halbjahr doch nicht so positiv entwickle, sagte dazu IHS-Chef Martin Kocher. Andererseits könnte sich die Stimmung auch aufhellen und dies bestehende Unsicherheiten auflösen. Die deutschen Prognosen wären kürzlich so stark gesenkt worden, weil die vorherigen “zu falsch” gewesen seien, meinte Badelt.

Zur Stütze der Konjunktur in Österreich werde immer mehr der private Konsum. Gestärkt würden die Einkommen der Privathaushalte durch die guten Lohnabschlüsse und eine expansive Fiskalpolitik, Stichwort Familienbonus.

Derzeit würden die Abwärtsrisiken dominieren, so das IHS, doch falls sich die Stimmung der Privathaushalte und Firmen im Euroraum verbessert, könnte dies auch für Österreichs Konjunktur positiver sein als jetzt unterstellt. Das Wifo nennt als Prognoserisiken neben einem ungeregelten Brexit auch ein Wiederaufflammen des EU-US-Handelskonflikts, die Entwicklung in Italien und eine mögliche Investitionsschwäche in Österreich.

Egal wie die heutige Brexit-Abstimmung in London ausgehe – durch den Brexit ändere sich an den Prognosen nichts, meinte Badelt. Der Brexit würde sich ohnedies nur mit maximal 0,1 bis 0,2 Prozentpunkten des BIP auswirken. “Wir sind von einem ‘smooth Brexit’ ausgegangen in unserer Prognose, ein ‘hard Brexit’ ändert nicht viel.”

Die Arbeitslosigkeit wird nach Meinung beider Institute 2019 noch weiter zurückgehen – 2020 werde die recht hohe Arbeitskräftenachfrage, der das zu verdanken ist, aber nicht mehr erreicht. Beide gehen davon aus, dass sich die Zuwächse bei der Zahl der unselbstständig aktiv Beschäftigten 2019 und 2020 abschwächen. Für heuer erwartet das Wifo einen Rückgang der nationalen Arbeitslosenquote von 7,7 auf 7,3 Prozent und dann eine Seitwärtsbewegung. Das IHS ist nicht optimistisch und sieht für 2019/20 je 7,5 Prozent, sogar etwas mehr als im Dezember gedacht.

Die Arbeitslosenquote werde 2020 nicht mehr so dynamisch sinken wie 2018/19, meinte Kocher. Daher seien Maßnahmen zugunsten der Langzeitarbeitslosen und gegen die strukturelle Arbeitslosigkeit bzw. eine Verfestigung von Arbeitslosigkeit nötig. Nach Ansicht des Wifo wird die Zahl der Arbeitslosen ab Mitte 2020 wieder steigen, nach IHS-Meinung dürfte es schon Mitte 2019 keinen Rückgang mehr geben, wie der mit der Prognoseerstellung betraute Arbeitsmarktspezialist Helmut Hofer sagte. Zum Beschäftigungsbonus teilt Badelt die Einschätzung von Finanzminister Hartwig Löger (ÖVP), dass diese Maßnahme zu spät gekommen sei. Bei der “Aktion 20.000” sei das aber differenziert zu sehen, denn das sei doch ein Modell, das es wert gewesen wäre, es auszuprobieren.

Positiv für die Verbraucher ist der Rückgang der Inflation in den letzten Monaten – wegen der gesunkenen Ölpreise. Nach 2,0 Prozent 2018 sieht das Wifo 2019/20 nur 1,7/1,8 Prozent Teuerung, das IHS 1,8/1,9 Prozent.

Von: apa