Viele offene Stellen in der Gastronomie

Konjunkturschub durch “Freedom Day” in England blieb aus

Sonntag, 24. Oktober 2021 | 14:04 Uhr

Der “Freedom Day” in England vor knapp 100 Tagen mit dem Ende fast aller Corona-Regeln hat nach Ansicht von Experten der Wirtschaft nicht den erhofften Schub gegeben. Der Arbeitskräftemangel und das durch Corona veränderte Konsumverhalten machten einigen Branchen weiter zu schaffen.

Zwar sei die Nachfrage enorm, und Restaurantbuchungen lägen deutlich über dem Niveau vor der Pandemie, sagte die Ökonomin Liz Martins von der Großbank HSBC der Deutschen Presse-Agentur in London. “Aber die Erholung ist nach wie vor nicht vollständig.” Verbraucherorientierte Dienstleistungen seien noch immer deutlich unter dem Vorkrisenstand.

Am 19. Juli hatte der britische Premierminister Boris Johnson so gut wie alle Corona-Regeln in England aufgehoben. Auch Abstandsregeln und Maskenpflicht sind seitdem nicht mehr vorgeschrieben. Nachtclubs, Discos und Pubs können unbegrenzt und ohne Vorlage eines Impfpasses Gäste empfangen. Gesundheit ist in Großbritannien Sache der Landesteile. Schottland, Wales und Nordirland haben mittlerweile auch viele Corona-Regeln beendet, gehen aber nicht ganz so weit wie England, das keine eigene Regionalregierung hat.

Vor allem der Arbeitskräftemangel macht einigen Branchen zu schaffen. Dazu habe etwa die “Pingdemie” beigetragen, sagte Michal Stelmach vom Beratungsunternehmen KPMG der dpa. Viele Menschen wurden im Sommer von der Corona-App wegen engen Kontakts zu Infizierten “gepingt”, also benachrichtigt, und blieben der Arbeit fern. “Der Umfang und das Tempo der Wiedereröffnung haben einige akute Probleme dabei offenbart, die Nachfrage zu decken”, sagte Stelmach. Dadurch habe sich ein Mangel an Waren sowie Arbeitskräften ergeben, hinzu gekommen seien Probleme innerhalb der Lieferkette, etwa die Engpässe bei Halbleitern, die den weltweiten Produktionsprozess behinderten.

Derzeit trifft der Arbeitskräftemangel noch immer Branchen wie die Gastronomie oder die Unterhaltungsindustrie, wie Martins sagte. “Einige Restaurants haben zum Beispiel ihre Mittagsangebote eingestellt.” Einer Umfrage des Branchenverbands Night Time Industries Association zufolge musste im September jeder fünfte Betrieb wegen fehlender Türsteher und Security-Mitarbeiter schließen oder konnte nur reduziert öffnen. Insgesamt gebe es 30 Prozent mehr offene Stellen als vor der Pandemie, sagte Martins.

Auch dass viele Menschen weiterhin von zu Hause aus arbeiten, führt nach Ansicht der Expertin dazu, dass die Wirtschaftskraft hinter den Erwartungen zurückbleibt. Schließlich trifft dies nicht nur die Gastronomie, sondern auch viele Gewerbe rund um die Büroinfrastruktur wie Transport, Instandhaltung und Putzdienste. Derzeit steigen zudem erneut die Corona-Zahlen. “Obwohl die Regierung keine neuen Restriktionen verhängen will, könnten einige Menschen für sich entscheiden, dass sie ihre sozialen Kontakte verringern wollen”, sagte Martins.

Der Boom der Öffnungszeit sei vorbei, sagte KPMG-Ökonom Stelmach. Mobilitätsdaten zeigten, dass Einzelhandel und Freizeiteinrichtungen nun etwa so stark besucht seien wie vor der Pandemie. Stelmach verwies darauf, dass das Bruttoinlandsprodukt noch immer um 0,8 Prozent unter dem Wert vor der Pandemie liege.

Auch für die Zukunft hat der Experte zunächst keine positiven Erwartungen. So müssten Verbraucher stark steigende Energie- und Lebenshaltungskosten fürchten, das drücke bereits jetzt auf die Kauflaune. Er erwarte zum Jahresende eine hohe Inflation von 4,1 Prozent, hinzu komme ein bevorstehender deutlicher Steueranstieg. “Der erwartete Zinsanstieg würde auch die Eigenheimbesitzer mit variablen Hypotheken belasten”, sagte Stelmach. Auch deshalb hätten sich Verbraucher mit Ausgaben zurückgehalten. Geld ist dabei grundsätzlich vorhanden: Die Ersparnisse hätten im Juli und August um 7,5 Milliarden Pfund (8,87 Mrd. Euro) zugelegt.

Von: APA/dpa

Kommentare

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8 Kommentare auf "Konjunkturschub durch “Freedom Day” in England blieb aus"


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Doolin
Doolin
Universalgelehrter
1 Monat 10 Tage

…nach dem freedom day sind in England die Infektionen so in die Höhe geschossen, dass sie schon im 💩shit day sich befinden…
😆

Andreas1234567
Andreas1234567
Universalgelehrter
1 Monat 10 Tage

Hallo @Doolin,

die Proteste der Bevölkerung welche die Regierung zu “Massnahmen” auffordern halten sich augenscheinlich deutlich unter der Wahrnehmbarkeitsgrenze.

Vielleicht sind die Briten auch historisch begründet einen höheren Preis an Blut,Schweiss,Tränen für ihre Freiheit zu zahlen bereit.

Briten wissen ganz genau wie es um ihre Inzidenz, ihre ausgelastete Sanität und die Opferzahlen steht und geben trotzdem nicht mehr auf mit 150000 den Formel1-Zirkus in Silverstone zu feiern, aus 50000 Kehlen mit “You’ll never walk Alone” die Anfield Road erbeben zu lassen und abends in ihren Pubs beisammen zu hocken.

Ich bin ein Fan dieser Denkweise, es ist der Weg der Vernunft

Gruss zum Sonntag

NaSellSchunSell
NaSellSchunSell
Tratscher
1 Monat 9 Tage

Hätte hier eifentlich 500 Minus erwartet:”wir kann man nur sowas schreiben? Da geht es um Menschenleben! Das ist unverantwortlich! Stell dir vor, es trifft jemanden in deiner Familie, dann würdest du nicht sowas schreiben.” usw.

Leider geht Italien in genau die andere Richtung; will sowas wie die Vorreiterrolle sein, die dann alle beneiden und nachahmen.

Hustinettenbaer
Hustinettenbaer
Universalgelehrter
1 Monat 9 Tage

Singen ist ein innovativer Ansatz, um dem Fachkräftemangel zu begegnen.
“You’ll never walk Alone” im Mehrbettzimmer deutscher Pflegestationen…

Doolin
Doolin
Universalgelehrter
1 Monat 8 Tage

@Andreas1234567 …Belehrung durch Piefke brauchen wir unbedingt…
😆

Supergscheider
Supergscheider
Superredner
1 Monat 10 Tage

Und an allem ist Europa die Schuld😃

Holzile
Holzile
Grünschnabel
1 Monat 9 Tage

Brexit

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