Abbau in Siemens-Kraftwerkssparte wohl nicht ohne Kündigungen

Kündigungen bei Siemens möglich – Erstmals seit 2008

Dienstag, 07. November 2017 | 16:27 Uhr

Bei Siemens drohen zum ersten Mal seit zehn Jahren in Deutschland Kündigungen. Die Dimension der Einschnitte in der Kraftwerkssparte sei so groß, dass der Industriekonzern wohl nicht um betriebsbedingte Kündigungen herumkommen werde, sagte ein hochrangiger Manager am Montagabend. “Es geht um nennenswerte Kapazitätsanpassungen, um große Einschnitte.”

Das habe es bei Siemens seit der letzten Konjunkturkrise 2008 nicht mehr gegeben, sagte ein Sprecher der IG Metall. Die Gewerkschaft befürchtet einen Präzedenzfall. In der Sparte Power & Gas stehen Insidern zufolge tausende Stellen auf dem Spiel, vor allem im Osten Deutschlands.

“Solch ein Vorgehen kann sich eine Schlosserbude leisten, aber nicht Siemens”, sagte der Gewerkschaftssprecher am Dienstag. “Siemens muss mit entsprechendem Widerstand rechnen.” Beide Seiten sind aber auf einen Kompromiss angewiesen. Denn Siemens will an der Vereinbarung aus dem Jahr 2010 festhalten, dass Kündigungen nur mit Zustimmung von Betriebsrat und IG Metall möglich sind. “Wir werden das Kleingedruckte diesmal auch anwenden müssen. Wir haben eine Menge Ideen, aber das geht nur miteinander”, betonte der Manager. Siemens sei dabei auch zu Abstrichen zu Lasten der Aktionäre bereit. “Vielleicht muss man einen Prozentpunkt Marge aufgeben, wenn man den Leuten dafür eine Perspektive geben kann.” Die Verhandlungen sollen Mitte November beginnen.

Die Kraftwerkssparte leidet unter der Energiewende. Siemens hat vor allem große Gas- und Dampfturbinen im Angebot, die immer weniger gefragt sind. Schon vor zwei Jahren waren mehr als 2.000 Stellen abgebaut werden, nun könnten es laut Medienberichten doppelt so viele sein. Das wäre jeder zweite Arbeitsplatz in der Produktion in Deutschland. Einige der Standorte im Osten könnten durch Verlagerungen aus anderen Werken gerettet werden. Teil der Überlegungen sei es, Arbeitsplätze aus Ballungsräumen abzuziehen, um Werke wie Erfurt oder Görlitz nicht aufgeben zu müssen, sagte der Manager. Es sei noch viel zu früh, darüber zu reden, erklärte die IG Metall. Die einzelnen Standorte dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Noch leisten viele Siemensianer in der Sparte Überstunden, der Konzern sitzt auf Aufträgen im Wert von fast 40 Mrd. Euro. Doch der Weltmarkt schrumpft angesichts des Trends zur dezentralen Energieversorgung dramatisch. Wurden 2011 noch fast 250 große Gasturbinen mit mehr als 100 Megawatt Leistung verkauft, sind es heuer nur 120. Bis 2020 wird sich der Markt auf 110 Turbinen pro Jahr einpendeln, glaubt Siemens. Doch allein Siemens könnte 130 produzieren und ist dabei nur halb so groß wie der US-Konkurrent GE.

Doch auch im Geschäft mit erneuerbarer Energie hat Siemens Probleme. Beim deutsch-spanischen Windrad-Hersteller Siemens Gamesa, an dem der Konzern 59 Prozent hält, sollen nach der Fusion binnen drei Jahren bis zu 6.000 Stellen abgebaut werden. Das ist mehr als jeder fünfte Arbeitsplatz bei Siemens Gamesa. Auch Deutschland ist davon betroffen, wo in Cuxhaven gerade ein neues Werk entsteht. “Das wirft Fragen auf, welchen Einfluss hier Siemens noch hat”, sagte der IG-Metall-Sprecher. Der Ausschluss von Entlassungen gilt nur für die Siemens AG. Das macht den Arbeitnehmervertretern auch Sorgen mit Blick auf die geplante Fusion der Zug-Sparte von Siemens mit Alstom. Siemens Alstom soll künftig aus Frankreich gesteuert werden.

Von: APA/ag.

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