„Wir wissen, was wir können und was wir brauchen“

Landesversammlung des lvh in Bozen

Samstag, 18. April 2015 | 15:51 Uhr

Bozen – „Wissen. Können. Handwerk“ lautet das Jahresmotto des Wirtschaftsverbandes für Handwerk und Dienstleister (lvh), der heute in Anwesenheit von zahlreichen Unternehmern und Ehrengästen die Landesversammlung des Südtiroler Handwerks abhielt. Dass das handwerkliche Können in den Vordergrund gestellt und weiterentwickelt werden muss, war eine der zentralen Botschaften der Veranstaltung.

„Noch nie gab es so viel Wissen wie heute und noch nie war es so einfach, sich Wissen anzueignen. Theoretisches Wissen ist allerdings nur sinnvoll, wenn es auch in konkrete Produkte oder Dienstleistungen umgesetzt wird, so wie es im Handwerk tagtäglich geschieht“,  erklärte lvh-Präsident Gert Lanz heute im Rahmen der Landesversammlung des Südtiroler Handwerks. Für Südtirols Kleinbetriebe sei es selbstverständlich, Bereitschaft für Neuerungen zu zeigen und die notwendige Flexibilität aufzubringen, um sich an neue Situationen anzupassen. Nur diese Eigenschaften lassen die über 14.000 Südtiroler Handwerksbetriebe am Markt bestehen. „Schwierig wird es aber, wenn in Rom über Nacht Schnellschüsse für Gesetze gemacht werden, die für die kleinen Realitäten nicht anwendbar sind. Erschwerend kommt hinzu, dass auch lokal die Spielräume bei einigen Bestimmungen nicht genutzt werden“, so Lanz, der mit dieser Botschaft an die Politik appellierte, realistische Voraussetzungen für große als auch kleine Unternehmen zu schaffen.

Landeshauptmann Arno Kompatscher bestätigte das derzeitig fehlende Vertrauen in die italienische Politik und die unzuverlässige Gesetzgebung, die vielfach den Beamten und weniger den Politikern zuzuschreiben sei. „Nicht Schnellschüsse werden Italiens Wirtschaft wettbewerbsfähig machen, sondern gut durchdachte und sinnvolle Maßnahmen. Die Landesregierung wird sich auch weiterhin bemühen, den jeweiligen Realitäten entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen“, unterstrich Kompatscher.

Applikationswissen durch Berufslehre

Wissen und Können im Handwerk spiegelt sich in Südtirol vor allem in der dualen Ausbildung wider. Der Schweizer Wirtschaftsjournalist und Gastredner der Veranstaltung Rudolph Strahm zeigte die Vorteile des arbeitsintegrierenden Berufsbildungssystems auf. „Die Berufslehre hat die Fähigkeit, die sogenannte praktische Intelligenz zu entwickeln, d.h. die Fähigkeit, theoretisches Fachwissen auch anwenden zu können. Am Beispiel der Schweiz, wo sich 70 Prozent der Jugendlichen für eine Lehre entscheiden, kann man den Erfolg des dualen Systems klar erkennen“, sagte Strahm. Die Schweiz gehört, gemeinsam mit Deutschland und Österreich, auf EU-Ebene zu jenen Ländern, die die stärkste Wirtschafts- und Innovationskraft, Exportfähigkeit und Wirtschaftseffizienz aufzeigen.  Grundvoraussetzung für diesen Erfolg ist die Durchlässigkeit des Bildungssystems, damit Jugendliche und besonders deren Eltern erkennen, dass eine Lehre nicht eine Sackgasse ist, sondern enorme Chancen bietet. Darin waren sich auch die Teilnehmer der Gesprächsrunde einig, an der lvh-Präsident Gert Lanz, die Vorsitzende der Junghandwerker Jasmin Fischnaller, die Direktorin für Lehrlingswesen und Meisterausbildung Cäcilia Baumgartner, der ADAPT-Präsident Emmanuele Massagli und Rudolph Strahm teilnahmen. Eine Verzahnung zwischen Schul- und Werkbank sei für eine erfolgreiche Arbeitsmarktintegration unabdingbar – wiederum mit den notwendigen, an die Realität angepassten Rahmenbedingungen.

Freihandelsabkommen: Handwerker skeptisch

Kritisch sieht der Wirtschaftsverband für Handwerk und Dienstleister das geplante Freihandelsabkommen, das noch innerhalb 2015 zwischen den USA und der Europäischen Union (TTIP) abgeschlossen werden soll. Mit einer Unterschriftenaktion, die im Rahmen der Landesversammlung vorgestellt wurde, macht der Verband auf drei kritische Punkte aufmerksam.

Täglich werden zwischen Europa und den USA Waren und Dienstleistungen im Wert von rund zwei Milliarden Euro ausgetauscht. Durch ein Transatlantisches Freihandelsabkommen (TTIP) sollen zahlreiche Handelshürden fallen und damit das Wirtschaftswachstum in den Teilnehmerstaaten belebt, die Arbeitslosigkeit gesenkt und das Durchschnittseinkommen der Arbeitnehmer erhöht werden. „Allerdings sollte auch klar sein, dass die durch das TTIP entstehenden Möglichkeiten nicht nur dem universellen Profit einiger weniger Megakonzerne dienen sollen, sondern vor allem das Wohl der Menschen und Konsumenten geschützt werden muss“, unterstrich lvh-Direktor Thomas Pardeller. Konkret machte er auf drei Punkte aufmerksam, die für die lokalen Kleinbetriebe negative Auswirkungen haben könnten. Dazu zählen der sogenannte Investitionsschutz, der eine unverhältnismäßige Bevorteilung ausländischer und großer Konzerne zur Folge hätte, die Absenkung der Standards, was z.B. im Bereich der Ausbildung große Einbußen bedeuten könnte, und die regulatorische Kooperation. Diese ermöglicht, dass Gesetzesvorhaben eng mit Lobbygruppen abgestimmt werden, ohne dass nationale Parlamente rechtzeitig einbezogen werden können und zwar aus dem Grund der Vermeidung von eventuellen Schiedsklagen. „Durch die einseitige Lockerung der Spielregeln dürfen nicht die lokalen Kreisläufe von Wirtschaft und Finanzwesen ausgehebelt und durch einen profitorientierten anonymen Globalplayer ersetzt werden. Also Fortschritt und Einwicklung ja, aber kein blindes Vertrauen ohne demokratische Kontrolle und Transparenz“, betonte Pardeller.

Heute findet auf europäischer Ebene ein Aktionstag gegen das Freihandelsabkommen statt. Südtirols Wirtschaftstreibende drücken ihren Unmut gegen die oben genannten Inhalte mit einer Unterschriftenaktion aus, die im Rahmen der Landesversammlung vorgestellt wurde. Landesweit werden die Unterschriften der Handwerksbetriebe gesammelt und anschließend an die EU-Parlamentarier übergeben.

Delegierter für Bozen Land gewählt

Nach dem Ableben des ehemaligen Ortsobmannes von Sarntal und Ratsmitglieds Michael Gasser, haben die Delegierten des Bezirks Bozen Land heute ein Ersatzmitglied für den Rat des Südtiroler Handwerks gewählt. Für die Wahl zur Verfügung gestellt haben sich drei Kandidaten.

Ulrich Perkmann heißt das neue Ratsmitglied für Bozen Land. Dieser wurde heute im Rahmen der Landesversammlung gewählt. Der Wahl stellten sich drei Kandidaten: Thomas Trojer, Maurer und Baumeister und aktueller Vizeortsobmann von Sarnthein, Eberhard Hofer, Tischler aus Sarnthein und Ulrich Perkmann, Maurer und Baumeister aus Mölten.

Der Rat des Südtiroler Handwerks, das höchste Gremium im Wirtschaftsverband, setzt sich zusammen aus den Bezirksobmännern, den Berufsgruppenobmännern, den Landesvorsitzenden der Althandwerker, Frauen und Junghandwerker sowie 40 gewählten Mitgliedern. Der Rat wählt das lvh-Präsidium und die Mitglieder des Vorstands, beschließt alle Fragen, die das Südtiroler Handwerk betreffen, legt die Höhe des Mitgliedsbeitrages und dessen Einzahlungsfrist fest, kann auf Vorschlag des Vorstands ein Jahresprogramm erstellen und erfüllt alle sonstigen Aufgaben, die aus dem Gesetz und aus dem Statut hervorgehen.

Von: ©mk

Bezirk: Bozen