Moody's macht ernst

Moody’s stufte Rating Großbritanniens wegen Brexit herab

Samstag, 23. September 2017 | 10:17 Uhr

Moody’s hat das Rating Großbritanniens um eine weitere Stufe gesenkt. Die langfristigen Verbindlichkeiten würden jetzt nur noch mit “Aa2” bewertet nach zuvor “Aa1”, teilten die Bonitätswächter am Freitag mit. Grund für die Herabstufung sei der bevorstehende Brexit, der die britische Wirtschaft belasten dürfte. London erklärte, dass die Einschätzung von Moody’s auf veralteten Daten basiere.

Die US-Agentur bescheinigt dem Land damit aber noch eine sehr gute bis gute Bonität mit einer hohen Zahlungswahrscheinlichkeit. Außerdem werde der Schuldenberg vermutlich steigen. Den Rating-Ausblick hob Moody’s auf “stabil” von zuvor “negativ” an. Damit droht zunächst keine weitere Herunterstufung.

Die britische Premierministerin Theresa May hatte am Freitag in einer Grundsatzrede gesagt, dass sie das Vereinigte Königreich schrittweise aus der Europäischen Union führen wolle. Das Land werde wie geplant im März 2019 seine EU-Mitgliedschaft beenden. Doch danach sei eine Periode des Übergangs von etwa zwei Jahren nötig. In dieser Zeit solle es Großbritannien und der EU weiter möglich sein, ohne Hürden Handel zu treiben. EU-Ausländer sollten sich auch während dieser Phase in Großbritannien niederlassen dürfen, sagte May. Es werde aber Änderungen geben: “Wir werden EU-Bürger darum bitten, sich zu registrieren.” Das werde ein Teil der neuen Einwanderungsregeln sein, die nach der Übergangsphase in Kraft treten sollen.

EU-Brexit-Unterhändler Michel Barnier zeigte sich grundsätzlich offen für die von May gewünschte Übergangsphase. “Die Aussagen sind ein Schritt nach vorn, aber sie müssen nun in konkrete Verhandlungspositionen übersetzt werden.” Er sprach von einem konstruktiven Ansatz.

Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron stellte “Fortschritte” und “Signale” seitens Mays fest, die “einen Willen zeigen”. Zugleich kritisierte Macron, dass in zentralen Fragen weiter Unklarheit herrsche. Das betreffe vor allem die künftigen Rechte der 3,2 Millionen EU-Bürger in Großbritannien, die Finanzforderungen an London und den Status Nordirlands. “Wenn diese drei Punkte nicht geklärt werden, können wir beim Rest nicht vorankommen”, sagte Macron.

Der Chef des Deutschen Industrie-und Handelskammertags, Martin Wansleben, forderte mehr Klarheit über die künftigen Wirtschaftsbeziehungen mit dem Vereinigten Königreich. “Die Unternehmen brauchen Planungssicherheit und keine Verlängerung der Hängepartie. Denn sie müssen jetzt wissen, worauf sie sich einstellen müssen”, sagte Wansleben der Deutschen Presse-Agentur. “Frau May hat nur bei den Rechten der EU-Arbeitnehmer etwas Licht ins Dunkel gebracht. Zugleich hat sie neue Nebelkerzen gezündet. Noch immer wissen wir nicht, wie sich die britische Regierung ihre Übergangsphase von zwei Jahren vorstellt und was anschließend folgen soll”, meinte Wansleben.

Großbritannien zahlt jährlich etwa zehn Milliarden Euro netto in das EU-Budget ein. Bei einer zweijährigen Übergangsphase müsste London demnach noch ungefähr 20 Milliarden Euro trotz Brexits einzahlen. Damit wäre allerdings nur ein Teil der 60 bis 100 Milliarden Euro abgegolten, die London nach EU-Schätzungen noch zahlen muss. Diese Rechnung umfasst gemeinsam eingegangene EU-Finanzverpflichtungen für Budget, Fördertöpfe und Pensionslasten. Die Schlussrechnung ist der größte Knackpunkt bei den bisher sehr zäh verlaufenden Brexit-Verhandlungen.

Laut Moody’s haben sich die Aussichten für die britischen Staatsfinanzen “erheblich verschlechtert”, hieß es zur Begründung der Abwertung. Es seien steigende Schulden zu erwarten, der Erfolg von Konsolidierungsbemühungen sei fraglich. Die Probleme würden durch eine wahrscheinliche wirtschaftliche Abschwächung auf mittlere Sicht infolge des Austritts aus der Europäischen Union verschärft.

Von: APA/dpa/ag.

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