Erste große Änderung Twitters nach der Übernahme durch Elon Musk

Musk droht abtrünnigen Twitter-Werbekunden

Sonntag, 06. November 2022 | 09:38 Uhr

Der neue Twitter-Besitzer Elon Musk hat gedroht, Werbekunden öffentlich bloßzustellen, die keine Anzeigen mehr auf der Plattform schalten. Der Tech-Milliardär reagierte damit auf den Vorschlag eines rechten Lobbyisten, er solle solche Firmen nennen, damit seine Anhänger sie mit einem “Gegenboykott” belegen könnten. Musk schrieb in seiner Antwort am Wochenende: “Danke. Ein thermonukleares Benennen und Schämen ist exakt das, was passieren wird, wenn das nicht aufhört.”

In den vergangenen Tagen hatten unter anderem die Volkswagen-Gruppe, der Pharmakonzern Pfizer und der Lebensmittelriese Mondelez angekündigt, Werbung bei Twitter aussetzen zu wollen. Musk beklagte sich über einen “massiven Umsatzeinbruch” und machte “Aktivistengruppen” verantwortlich, die Druck auf die Unternehmen ausübten.

Die Unternehmen reagieren auf Sorgen, dass unter Musks Führung und nach dem von ihm durchführten großen Stellenabbau mehr Hassrede und Beschimpfungen auf der Plattform landen könnten.

Musk hatte solche Sorgen selbst mit häufiger Kritik ausgelöst, Twitter habe zu sehr die Redefreiheit auf der Plattform eingeschränkt. Vergangene Woche versuchte er dann, Werbekunden mit einem offenen Brief zu beruhigen: Twitter werde kein Ort sein, an dem man sich ohne Konsequenzen alles erlauben könne. Auch jetzt betont er, dass sich an den Inhalte-Regeln der Plattform bisher nichts verändert habe. Einige Werbekunden halten sich trotzdem zurück.

Die Werbeeinnahmen sind lebenswichtig für Twitter: Zuletzt machten sie gut 90 Prozent der Erlöse aus. Musk hofft auch auf zusätzliches Geld aus dem Abo-Geschäft. Er ändert dafür das Verfahren zur Vergabe der Verifizierungs-Häkchen, die bisher die Echtheit der Profile etwa von Prominenten, Politikern oder Unternehmen garantierten. Sie waren kostenlos und wurden von Twitter nach einer Prüfung gewährt. Künftig soll es sie für acht Dollar im Monat für Kunden des Abo-Dienstes Twitter Blue geben.

Die neue Version der Twitter-App mit der dafür notwendigen technischen Basis wurde der Firma zufolge am Wochenende in den wenigen Ländern verfügbar gemacht, in denen es bereits eine günstigere Version des Blue-Abos gab. Dazu gehören etwa die USA, Kanada und Australien. Wenn alles gut funktioniere und sobald die Übersetzungsarbeit erledigt sei, werde das System weltweit eingeführt, kündigte Musk bei Twitter an.

Musk trat Sorgen entgegen, diese Verifizierung per Abo könne die Tür für Missbrauch öffnen, da die bisherige Überprüfung durch Twitter entfallen soll. Das vorherige System habe auch Lücken gehabt, behauptete Musk – und zeigte sich überzeugt, dass man auf Basis der Bezahlsysteme zur Überweisung der Abo-Gebühr und der App-Plattformen von Apple und Google die Accounts viel besser verifizieren könne. Sollten Betrüger versuchen, sich für andere auszugeben, werde ihr Account gesperrt.

Das Erlöspotenzial des Abo-Angebots ist unterdessen unklar. Nach jüngsten Angaben von Ende Juni hatte Twitter knapp 238 Millionen täglich aktive Nutzer. Auf dieser Basis wären das zusätzliche rund 1,9 Milliarden Dollar im Monat, wenn jeder von ihnen für die Verifizierung zahlen würde – was völlig unrealistisch ist. Twitter machte im zweiten Quartal mit seinem bisherigen Geschäft knapp 1,2 Milliarden Dollar Umsatz. Nach der Übernahme durch Musk muss das Unternehmen keine Geschäftszahlen mehr veröffentlichen.

Am Wochenende gab es von Musk weiterhin keine Angaben zum Ausmaß des am Freitag eingeleiteten großen Stellenabbaus. Aber ein Tweet des unter anderem für das Herausfiltern problematischer Inhalte zuständigen Managers Yoel Roth war im Einklang mit Medienberichten, wonach etwa jeder zweite Job wegfallen sollte. In seinem Bereich seien rund 15 Prozent betroffen gewesen, während der Anteil firmenweit bei rund 50 Prozent gelegen habe, schrieb Roth.

Medien hatten von rund 3700 betroffenen Jobs berichtet, was in etwa der Hälfte der Belegschaft entspreche. Der bei Online-Netzwerken gut vernetzte Tech-Journalist Casey Newton schrieb zugleich, er habe von Mitarbeitern gehört, die am Freitag entlassen worden seien und am Wochenende Rückkehr-Angebote bekommen hätten.

Musk verteidigte den breiten Stellenabbau. Twitter mache mehr als vier Millionen Dollar Verlust pro Tag und deshalb habe es keine Alternative gegeben, schrieb er. Musk ging nicht darauf ein, welche Rolle bei dem Verlust die Bedienung von Schulden spielen könnte, die er für die rund 44 Milliarden Dollar teure Übernahme aufgenommen hatte. Dagegen betonte er, dass den entlassenen Mitarbeitern drei Monatsgehälter angeboten würden – eines mehr als in Kalifornien gesetzlich verpflichtend ist. Laut Medienberichten müssen Mitarbeiter für das zusätzliche Gehalt aber noch Verpflichtungen bei Twitter eingehen.

UN-Menschenrechtschef Volker Türk kritisierte Musk am Wochenende in einem offenen Brief und mahnte einen verantwortungsvollen Betrieb der globalen Plattform an. Dass fast alle Experten für Menschenrechte und Ethik bei Twitter gefeuert worden sein sollen, sei “kein ermutigender Auftakt” von Musks Ära bei Twitter, schrieb Hochkommissar Türk dem Technologie-Milliardär am Samstag.

Von: APA/dpa

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

14 Kommentare auf "Musk droht abtrünnigen Twitter-Werbekunden"


Sortiert nach:   neuste | älteste | Relevanz
Neumi
Neumi
Kinig
1 Monat 1 Tag

Damit das Feuern von 3700 Angestellten die vier Millionen Dollar Verlust pro Tag wieder gut macht, müssten diese Angestellten 1081 Dollar pro Tag verdienen.

Die Idee mit der Verifizierung ist auch so eine Sache. Wer verifiziert denn, wenn es keine Angestellten mehr gibt, die das tun könnten?

Hustinettenbaer
1 Monat 1 Tag

@Neumi
Herr Musk lässt Algorithmen programmieren. Das schaffen wenige, sehr gute und loyale Fachleute.
Er schilderte 2016, dass unsere Chance “uns nicht in einer Computersimulation [zu] befinden, nur eins zu eine Milliarde” beträgt. Dann ist es aus seiner Sicht logisch, in der Matrix eine weitere Menschen-Simulation zu erschaffen.

Herr Musk fiel von einem sehr seltsamen Baum. Bei dem Erzeuger würd ich mir auch wünschen, er wär eine Vater-Simulation.

https://www.welt.de/wirtschaft/webwelt/article155985169/Elon-Musk-stellt-verrueckte-Matrix-These-auf.html
https://www.berliner-zeitung.de/news/vater-von-elon-errol-musk-hat-kind-mit-stieftochter-wir-sind-zum-fortpflanzen-auf-der-welt-li.246884

Neumi
Neumi
Kinig
1 Monat 1 Tag
Als Programmierer kann ich sagen: Einen Algorithmus muss man erst mal entwickeln. Das ist keine magische Kugel, die liefert, was man sich wünscht. Der muss nach Regeln vorgehen, die erst mal definiert werden müssen. Und gerade bei der Verifizierung von Personen gibt es so unglaublich viele Spezialfälle, dass das sehr sehr schwierig wird. Nicht umsonst kursierte in Österreich lange Zeit ein gültiger Greenpass für Adolf Hitler. In der Vergangenheit haben Algorithmen schon oft genug jemanden zu Unrecht gesperrt oder auch eben nicht. Seine Matrix-These war schon zu dem Zeitpunkt überholt, wo er sie ausgesprochen hat. Dass die gesamte Welt eine… Weiterlesen »
Superredner
1 Monat 1 Tag
@Neumi Auch Informatiker und früher hatte man Musk ausgelacht und gedacht, man hätte vielleicht 2050 irgendwelche selbstfahrende Fahrzeuge, jedoch hat selbst Cadillac gebrauchbare Algorithmen zusammengebracht, um zumindest Level 2 und fast Level 3 autonomes Fahren hinzubekommen. Ein Algorithmus könnte speziell die Herkunft der IP-Adressen und die Verwendung von VPNs, welche Bots oft nutzen (ähnlich wie Netflix VPN-Sperre) kontrollieren. Die meisten Bots usw. kommen meist aus demselben Botnetzwerk, da wären Partnerschaften mit Cyperarch usw. möglich. Sehr viele der Jobs bei Twitter sind definitiv nicht notwendig, speziell, weil ein interner Leaker bestätigte, dass auf wirkliche Ingenieure, ein Vielfaches an Manager/Entscheidungsträger fallen, welche… Weiterlesen »
Hustinettenbaer
1 Monat 1 Tag

@neumi
Der Trailer ist interessant. Schau ich mir mal komplett an.
Die Idee der “Unwirklichkeit” ist noch älter. “Schon vor über 2000 Jahren grübelte der chinesische Philosoph Zhuangzi darüber nach, ob das Leben nur ein Traum sein könne. René Descartes stellte im 17. Jahrhundert ähnliche Fragen, die in seinem berühmten Satz “Ich denke, also bin ich” gipfelten.”
Heute könnte der Satz lauten “Ich twittere/…, also bin ich” 🥴.
Deshalb der Wutanfall des Jugendlichen beim neuen existenzbedrohlich WhatsApp-losen-Smartphone (?!).

https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/gefuehlte-wirklichkeit-lebt-die-menschheit-in-der-matrix-a-328008.html

Doolin
Doolin
Kinig
1 Monat 1 Tag

…er zwingt Werbung zu machen…der Schuss geht nach hinten los…
🤪

Spiegel
Spiegel
Universalgelehrter
1 Monat 1 Tag

Doolin ubd SIE werden es tun. Abwarten und Tee trinken

Rudolfo
Rudolfo
Universalgelehrter
1 Monat 1 Tag

Der hat mehr als einen 🐦. Und ist trotzdem “brandgefährlich”…..

Spiegel
Spiegel
Universalgelehrter
1 Monat 1 Tag

An allen SN Nutzern die ihr “hate” an Musk freien lauf lassen müssen. Tut euch zu einer Genossenschaft zusammenschliessen, macht einen Kredit, kauft Twitter und zeigt es in der ganzen Welt das ihr es besser könnt!

Rudolfo
Rudolfo
Universalgelehrter
1 Monat 1 Tag

@Spiegel…solange es genug von deiner “Sorte” gibt, wird Twitter weiterbestehen. Wenn dann auch noch der 🏀 wieder mitmachen darf, seid ihr 🙈 komplett…..

Doolin
Doolin
Kinig
1 Monat 17 h

…hallo Spiegel, wieso sollen wir twitter kaufen, hat mich bis heute nicht interessiert und wird mich nie interessieren, wundert mich nur, wieso der Firmen zwingen muss, dort Werbung zu machen…

der.schon.wieder
der.schon.wieder
Grünschnabel
1 Monat 1 Tag

…………..bin komplett Rückständig.
Ich habe keinen Twitter Zugang!   …………..und

heute morgen ging die Sonne trotzdem auf.

einervonvielen
einervonvielen
Universalgelehrter
1 Monat 1 Tag

Was wohl potentielle Neukundenb darüber denken?

inni
inni
Universalgelehrter
1 Monat 1 Tag

… der sollet amol ordentlich af seine goldene Nase folln, der mitn goldenen Löffel geborene Spinner❗

wpDiscuz