Auch Südtirol ein Hotspot des "Overtourism"

Zu viel Tourismus ist ein Sozialproblem

Dienstag, 15. Januar 2019 | 14:00 Uhr

“Alle Welt reist”, stellte der Schriftsteller Theodor Fontane schon vor rund 150 Jahren fest. Damals reisten nur die Wohlhabenden. Heute verdichten sich die Urlauberströme Jahr für Jahr, denn Reisen ist einfacher, banaler und günstiger geworden. Und was in der Welt als sehenswert empfunden oder beworben wird, deckt sich weitgehend. Viele suchen dasselbe “authentische” und “einzigartige” Erlebnis.

Überfüllte Strände, zu lange Warteschlangen an den Skiliften oder vor renommierten Kunstmuseen sind das Ergebnis – im Fachjargon nennt sich das “Overtourism”, ein gefühltes Zuviel an Tourismus. Bei Urlaubern in aller Welt beliebte Destinationen wie Venedig, Barcelona, Amsterdam oder Dubrovnik, aber auch Bergregionen wie die Dolomiten in Südtirol gelten derzeit als Hotspots dieses Phänomens, das sich noch weiter auswachsen wird.

Die Anbieter von Urlaubserlebnissen müssen nun beginnen umzudenken und die Sensibilitäten der Bevölkerung vor Ort verstärkt mit einzubinden – weg vom reinen Vermarkten eines Urlaubsziels, vom noch mehr Besucher anlocken, hin zum sogenannten ganzheitlichen Management einer Destination, zu einem sensibleren Umgang aller Beteiligten und Betroffenen. Und das ganz im geschäftlichen Eigeninteresse: Denn unfreundliche, von Touristen angewiderte Einheimische machen jedes noch so teuer bezahlte Urlaubserlebnis im Nu zunichte.

Die Hauptleidtragenden von “Overtourism” sind aber nun mal die dort jeweils ansässigen Menschen, die in ihrem Alltag damit leben müssen. Zum Teil, vor allem am Land, leben sie aber auch davon, sind vielfach in ihrer Existenz davon abhängig. “Es ist entscheidend, dass die lokale Bevölkerung ganz stark in dieses Phänomen eingebunden wird”, rät jedenfalls Harald Pechlaner, ein deutscher Spezialist für Destinationenentwicklung vom Zentrum für Entrepreneurship der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. “Es geht um die Akzeptanz im Spannungsfeld Gäste und lokale Bevölkerung, um gesamtgesellschaftliche Fragen”, betonte er am Dienstag am Jahreskongress der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV) in Villach. Dabei spielten die Betriebe und das Personal in den Betrieben eine Schlüsselrolle. “Es ist ein Managementproblem, Overtourism zu lösen”, ist Pechlaner überzeugt.

“Ich glaube tatsächlich, dass wir im Tourismus vor einem Paradigmenwechsel stehen”, räumte auch die Chefin der nationalen Tourismusmarketingorganisation Österreich Werbung, Petra Stolba, ein.

“Viele Menschen kommen gar nie wirklich an – die Kunst wird sein, die Menschen auch zu einem emotionalen Ankommen zu bringen und zu versuchen, von oberflächlichen Reisemöglichkeiten wegzukommen”, betonte Pechlaner. “Die Seen, Berge und Landschaften sind einzigartig – das Außergewöhnliche wird vergeudet, je intensiver es genutzt wird. Das ist die große Herausforderung in Hotspots.” Daher müsse sich das Marketing ändern.

Buskontingente für die Salzburger Innenstadt sind da nur ein vereinzelter verzweifelter Versuch, die Urlaubermassen an Spitzentagen im August einzudämmen. Dort kommen mittlerweile jährlich 30.000 Reisebusse an. Es braucht aber mehr: Neben einem rechtzeitigen Kanalisieren von Urlauberströmen mit Hilfe von modernen, vernetzten Datenerhebungsmethoden müsse vor allem am Tourismusbewusstsein vor Ort gearbeitet werden. Denn Besucherlenkung bzw. -steuerung, Wegegestaltung, Mobilitäts- und Warteschlangenmanagement, Kapazitätsanpassungen, Pricing und Limitierung seien nur “kurzfristige Maßnahmen, um Hotspots zu entflechten”, so Pechlaner. “Das reicht nicht.” Es gehe nicht um kurzfristige Lenkungsmaßnahmen, sondern darum, welchen Tourismus wir in der Zukunft wollen.

Derzeit gilt: “Der größte Feind des Tourismus ist sein Erfolg”, so Pechlaner. “Es geht nicht um Obergrenzen, sondern eigentlich um das gefühlte Zuviel.” Und dem müsse vor allem auch mit zielgerichteter Kommunikation mit den betroffenen Leuten vor Ort begegnet werden. “Neben der Wertschöpfung geht es auch um die Wertschätzung.”

Es geht aber auch um Gerechtigkeit in der Frage, wem die Nutzung schöner Natur und hübscher Städtekulissen eigentlich zusteht – im Grunde allen, der gesamten Bevölkerung. “Wem gehört der öffentliche Raum, nämlich dem, der ihn erobert”, stellte Andreas Gfrerer, Hotelier und Eigentümer des Arthotels Blaue Gans in der Salzburger Innenstadt, in diesem Zusammenhang in Anlehnung an Kunstprojekte provokant fest.

Von: apa

Bezirk: Bozen