Erste-Chef Treichl sieht Verbesserungspotenzial

Österreichs Wohlstandsentwicklung stagniert

Freitag, 28. April 2017 | 15:25 Uhr

Österreich ist eines der wohlhabendsten Länder der Welt – nicht nur gemessen an der Wirtschaftsleistung, sondern auch was Bildung, Gesundheit, Sicherheit, persönliche Freiheit und Umwelt angeht. Allerdings entwickelt sich Österreich dabei schlechter als andere reiche Länder wie Deutschland, Schweden oder Australien, sagt der internationale Think Tank “Legatum Institute”.

Der “Legatum Prosperity Index” vergleicht 149 Länder und reiht sie nicht auf Basis nicht nur der wirtschaftlichen Grundlagen, sondern bewertet auch die Qualität des Alltagslebens und der Möglichkeiten, dieses zu verbessern. Vertrauen sei dabei ein ganz entscheidender Faktor, sagte Erste-Chef Andreas Treichl bei der Präsentation der Studie. Das sei auch bei der Wahl in Frankreich deutlich geworden: Als Ergebnis der ersten Runde, bei der Emmanuel Macron als führender Kandidat hervorgegangen ist, habe eine italienische Bank am nächsten Tag dramatisch an Wert gewonnen. “Das hat viel mit Vertrauen zu tun und mit dem Glauben der Menschen: Wenn dieser Mann eine bedeutende Figur in Europa wird, dann wird sich die Situation in Europa verbessern und auch für Italien gut sein.”

“Für uns ist Wohlstand eine Gesamtheit, wir teilen das nicht auf in ‘wirtschaftlich gut’ und ‘sozial schlecht’ usw.”, sagt Shanker Singham, der bei Legatum die Forschung im Zusammenhang mit “Economics of Prosperity” leitet. “Es geht um die Frage: Wie fühle ich mich, wenn ich morgens aufwache? Sind mein Kinder sicher, ist die Qualität der Umwelt gut, wie ist das Sozialkapital?”

Österreich liegt bei diesem weltweiten Vergleich auf dem 15. Platz und erzielt dabei einen Wohlstandsüberschuss, also insgesamt mehr Wohlstand, als es seinem Vermögensniveau entspricht. Angeführt wird das Ranking von Neuseeland, Norwegen und Finnland, gefolgt von der Schweiz, Kanada, Australien, Holland, Schweden, Dänemark und Großbritannien. Deutschland liegt auf Rand 11 und damit noch ein paar Plätze vor Österreich.

Es habe sich gezeigt, dass die Entwicklung Österreichs hinter jener von Ländern mit ähnlichem Vermögensniveau – wie etwa Dänemark, Deutschland, Schweden oder Australien – zurückbleibe, sagte Studienautor Paul Caruana Galizia am Freitag bei der Präsentation im Erste Campus in Wien. Außerdem stagniere der Wohlstand in Österreich, während er in den Ländern Zentral- und Osteuropas (CEE) und beispielsweise auch in Deutschland zugenommen habe.

Entscheidend sei dabei nicht das Einkommen, erklärte Galizia. “Es gibt einen abnehmenden Grenznutzen – ab einem gewissen Einkommen wird man nicht mehr gesünder oder glücklicher.” Was zur Stagnation Österreichs in der Gesamtbewertung geführt habe, sei ein Rückgang des “Sozialkapitals” im vergangenen Jahrzehnt um 8 Prozent. Die Bindungen und das Vertrauen zwischen den Bürgern sowie zwischen Bürgern und Institutionen seien in Österreich so stark erodiert wie sonst kaum irgendwo auf der Welt. “Stärker war der Rückgang in der Zentralafrikanischen Republik mit 12 Prozent”, sagte Galizia.

Schuld daran sei aber nicht etwa ein wachsendes Misstrauen gegenüber Minderheiten oder Immigranten. “Unsere diesbezüglichen Erwartungen haben sich nicht bewahrheitet, das ist nicht das Problem in Österreich.” Vielmehr sei der steile Abfall des österreichischen Sozialkapitals eine Folge wirtschaftlicher und nicht sozialer Veränderungen. Das schleppende Wirtschaftswachstum habe dazu geführt, dass im privaten Bereich wechselseitige finanzielle Unterstützung zwar notwendig, es aber auch schwieriger geworden sei, diese zu leisten.

Darüber hinaus könne stark institutionalisierte Unterstützung durch den Staat, Gewerkschaften usw. die freiwillige Unterstützung im privaten Bereich, etwa in Form von Spenden, verdrängen – das schwäche das Vertrauen zwischen den Mitgliedern der Gesellschaft. “Volkswirtschaften mit niedrigerer Steuerbelastung sind da erfolgreicher”, sagte Shanker, “dabei geht es um Selbstbestimmung”. In einem Punkt würden sich Sozialkapital und Finanzkapital gleichen: “Sie sind beide schwer aufzubauen aber leicht zu zerstören.”

Von: apa