Dunkle Wolken über dem türkischen ITB-Stand in Berlin

Polit-Streit durchkreuzt Tourismus-Comeback von Türkei

Freitag, 10. März 2017 | 16:19 Uhr

Die Türkei wollte auf der Berliner Reisemesse ITB die Probleme der Vergangenheit eigentlich abhaken. Anschläge, Flüchtlings-Trecks quer durch das Land und ein Putschversuch verdarben vielen Besuchern vergangenes Jahr die Lust auf einen Strandurlaub zwischen Antalya und Bodrum. Doch dann funkten Politiker dazwischen.

“Wir haben ein Problem”, sagt Hotel-Manager Murat Sak. Seit der Verhaftung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel vor drei Wochen buche niemand mehr aus Deutschland einen Urlaub in seinen vier Anlagen in der Westtürkei. Andere Resorts wie das Palm World im Badeort Side haben die Preise um 40 Prozent gesenkt. “Ich habe lieber einige Gäste, die wenig zahlen, als ein leeres Hotel”, sagt Besitzer Mehmet Surucuoglu. Trotzdem sei in den wichtigen Sommermonaten nur jedes vierte Zimmer belegt.

Dabei sollte eigentlich alles besser werden. Minister und zahlreiche Hoteliers aus der Türkei reisten zur ITB, um die Werbetrommel für ihr Land zu rühren. Doch die bisherigen Buchungen für den Sommerurlaub liegen laut den Marktforschern der GfK nochmals um 60 Prozent unter dem miserablen Vorjahresniveau. 2016 brach die Zahl der Besucher um ein Drittel auf 25 Millionen ein – der tiefste Stand seit neun Jahren.

Der Anschlag auf eine Disko in Istanbul zu Silvester, die Festnahme des Journalisten und vor allem die Nazi-Vergleiche von Präsident Recep Tayyip Erdogan sorgen für Negativ-Schlagzeilen. In der Reisebranche gilt, dass Länder erst wieder gebucht werden, wenn sie nicht mehr regelmäßig in den Abendnachrichten auftauchen.

Für den Mittelmeeranrainer steht viel auf dem Spiel, da Touristen jedes Jahr 30 Milliarden Dollar (28,4 Mrd. Euro) in dem Land lassen. Der eigens nach Berlin entsandte Tourismusminister Nabi Avci versuchte sich deshalb in Krisenmanagement. “Es gibt einige positive Signale, die uns Hoffnung geben.” Auch konkretes hatte er im Gepäck. Die Regierung weitet ihr Subventionsprogramm für Airlines aus und zahlt nun für jeden Linienflug in das Land 6.000 Dollar pro Maschine. Bisher profitierten lediglich Charter-Fluglinien von den Zahlungen aus Ankara.

Doch die Förderung allein genügt nicht, um das Geschäft wieder anzukurbeln. Der Ferienflieger Condor etwa kürzt sein Flugangebot in die Türkei im Sommer nochmals um zehn Prozent, wie Firmen-Chef Ralf Teckentrup sagt. Schon 2016 waren 30 Prozent weniger Passagiere dorthin befördert worden. Ein Teil der Flotte wurde nun nach Spanien umgelenkt. Jedoch hatten auch die Konkurrenten die gleiche Idee, weshalb die Ticketpreise auf den Strecken einbrachen. Gut für Passagiere, schlecht für die Airlines. Condor rutschte 2016 deshalb sogar in die Verlustzone.

Die ausbleibenden Besucher machen türkische Hoteliers erfinderisch. Der Betreiber Peninsula Tours lockt neue Zielgruppen wie Bulgaren und Rumänen ans Mittelmeer und kommt in seinen zwölf Hotels damit auf über 80 Prozent Auslastung. “Wir sind seit 35 Jahren im Geschäft, haben unsere Fehler gemacht und daraus gelernt. Heute haben wir Gäste aus mehr als 20 Ländern in unseren Hotels”, begründet Manager Kayihan Suer die vergleichsweise gute Auslastung. Eine andere Strategie verfolgt der Hotelbetreiber Suaytour, der Urlaube für Muslime aus ganz Europa in der Türkei anbietet. “Der einzige Unterschied zu normalen Hotels sind die getrennten Pools für Männer und Frauen”, sagt Manager Feyruz Dursun. Während andere Herbergen Personal entlassen müssten, rechne er 2017 mit einem Fünftel mehr Gästen in den 36 Hotels. “Unser Vorteil ist, dass wir eine Nische bedienen.”

Von: APA/ag.

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