Ford-Werk Saarlouis stoppt Produktion bis 19. Februar

Produktionsstopps bei Autobauern wegen Engpässen bei Chips

Freitag, 15. Januar 2021 | 14:03 Uhr

Wegen der Lieferengpässe bei Computerchips müssen immer mehr Autobauer die Produktionsbänder anhalten und tausende Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken. Grund sind nicht nur die Folgen der Pandemie. Die ohnehin wegen der starken Nachfrage an der Kapazitätsgrenze arbeitenden chinesischen Halbleiterhersteller sind zusätzlich durch den von US-Präsident Donald Trump angeheizten Handelskrieg in Bedrängnis geraten.

In mindestens einem Fall gehen die Versorgungsprobleme der Autoindustrie auf diesen Konflikt zurück: Ein Insider berichtete der Nachrichtenagentur Reuters, dass ein Autobauer die Produktion von Chips vom größten chinesischen Hersteller, Semiconductor Manufactoring International (SMIC), zum Konkurrenten TSMC in Taiwan verlagern wollte. Der aber war durch andere Aufträge bereits überbucht. Ein Zulieferer bestätigte, dass TSMC die Nachfrage nicht bedienen könne.

Der Autobauer Ford hat am Freitag angekündigt, dass er aufgrund von Lieferengpässen bei Halbleiterbauteilen und der gesunkenen Nachfrage während der Coronapandemie die Produktion in seinem Werk im deutschen Saarlouis vom 18. Jänner bis 19. Februar 2021 stoppen wird. Betroffen sei die Produktion des Modells Focus, das der Standort im Saarland für alle europäischen Märkte produziere, teilte ein Sprecher des Unternehmens mit. “Derzeit rechnen wir nicht mit weiteren vorübergehenden Produktionsstillständen in anderen europäischen Werken.” Der Mangel an Elektronik-Chips für Autos sorgt auch bei anderen Herstellern und Zulieferern in Deutschland für Probleme.

Analysten gehen davon aus, dass der Mangel an Autochips bis zu sechs Monate anhalten wird. Der Anbieter von Prognosedaten für die Automobilindustrie, AutoForecast Solutions, schätzt, dass bis zum 13. Jänner weltweit wegen der Engpässe 202.000 Fahrzeuge nicht gebaut werden konnten. Die Liste der unter Druck geratenen Hersteller wird immer länger: Nachdem im Dezember zunächst Volkswagen in China betroffen war, weiteten sich die Probleme rasch rund um den Globus aus. Auch Daimler hat inzwischen mit Lieferengpässen zu kämpfen und muss die Produktion in seinen Werken in Rastatt und Bremen sowie im ungarischen Kecskemet anpassen. In den USA drosseln Ford, Toyota und Subaru die Fertigung. In anderen Regionen sind auch Nissan und Fiat Chrysler betroffen. Der Zulieferer Continental rechnet ebenfalls damit, dass die Probleme wegen der langen Vorlaufzeiten in der Halbleiterindustrie noch einige Monate anhalten werden.

Die Chip-Krise trifft die Branche ausgerechnet in einer Phase, in der sie wegen der rasant steigenden Nachfrage nach Elektroautos immer mehr Halbleiter benötigt. Bisher ist nicht abzusehen, wie sich die Engpässe auf die Produktion von batteriegetriebenen Wagen auswirkten, die mehr Halbleiter benötigen als herkömmliche Autos mit Verbrennungsmotor.

Die USA hatten im Dezember Dutzende weitere chinesische Firmen auf die Schwarze Liste des Handelsministeriums gesetzt, darunter auch SMIC. Der Schritt galt als weitere Maßnahme des scheidenden US-Präsidenten, seine harte Handelspolitik gegenüber China vor seiner Ablösung im Jänner zu zementieren. Das hat viele Kunden aus der Automobilindustrie verunsichert. Hinzu kommt, dass das Weiße Haus im September dem chinesischen Telekommunikationsriesen und Smartphone-Hersteller Huawei den Kauf von Chips untersagt hat, die mit amerikanischer Technologie hergestellt wurden. Da sich die Verschärfung in dem schon lange andauernden Streit abzeichnete, hatte Huawei schon vorher Chips gehortet, um weiter produzieren zu können. Huaweis Rivalen hätten eine Chance gewittert, Marktanteile zu ergattern, und damit begonnen, Chips zu kaufen, erläutern Analysten.

Außerdem hat die US-Regierung Regeln erlassen, die SMIC daran hindern sollen, bestimmte US-Werkzeuge für die Herstellung von Chips einzusetzen. Das hat einige SMIC-Kunden dazu veranlasst, sich andere Bezugsquellen zu suchen, da sie befürchten, dass die Produktion gestört werden könnte. “Es besteht die Angst, eine chinesische Chipfabrik zu nutzen, wenn die Vereinigten Staaten sie auf eine Liste setzen”, sagte Daniel Goehl, Geschäftsführer des US-Start-ups UltraSense Systems.

Ein Sprecher des US-Handelsministeriums lehnte es ab, sich dazu zu äußern, welche Auswirkungen es auf den Automobilsektor hat, dass SMIC und Huawei auf schwarzen Listen stehen. Er sagte lediglich, oberste Priorität sei es, durch Exportverordnungen sicherzustellen, dass die nationale und wirtschaftliche Sicherheit sowie die außenpolitischen Interessen der USA gewahrt würden.

Von: APA/Reuters/dpa