Pressekonferenz

“Südtirol braucht eine innovative und starke Industrie”

Mittwoch, 05. Oktober 2022 | 12:27 Uhr

Bozen – Südtirol hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, auf europäischer Ebene zum Vorreiter in der Gestaltung des ökologischen und digitalen Wandels zu werden. „Als Vertreter der industriell organisierten Unternehmen und der mehr als 50.000 dort Beschäftigten sind wir überzeugt davon, dass die Industrie im Mittelpunkt dieses Prozesses stehen muss“, erklärten die Gewerkschaftsorganisationen ASGB, CGIL/AGB, SGBCISL und UIL-SGK und der Unternehmerverbandes Südtirol bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in Bozen.

Die Pandemie, die Energiekrise und der Rohstoffmangel hätten die Notwendigkeit aufgezeigt, strategische industrielle Produktionen wieder nach Europa zurückzuholen. „Innerhalb Europas muss die Rolle Südtirols jene sein, auf eine hochinnovative und intelligente Industrie zu setzen, in deren Mittelpunkt Qualität und nicht Quantität stehen. Dies schafft Wohlstand und macht unser Land attraktiv. In diesem Zusammenhang ist eine Strategie erfolgreich, die Südtirol öffnet und so kurze und lokale Kreisläufe und Lieferketten durch die Integration in globale Kreisläufe und Lieferketten stärkt. Eine Strategie, welche die Stärken der kleinen Unternehmen aufwertet und deren Entwicklung und Wachstum fördert, zugleich aber auch den größeren Unternehmen Wettbewerbsfähigkeit garantiert“, hieß es auf der Pressekonferenz.

Aus diesen Gründen wiederholen die Gewerkschaften und der Unternehmerverband ihre Forderung an die Landesregierung nach einer auf die künftigen Generationen ausgerichteten Industriepolitik. „Eine Industriepolitik, die es heute noch nicht gibt, und die den zentralen Beitrag dieses Sektors anerkennt, seine hochqualifizierten Arbeitsplätze sichert und dessen internationale Wettbewerbsfähigkeit stärkt.“

Man teile in diesem Sinne das von der Europäischen Kommission festgelegte Ziel, den Anteil der Industrie im engen Sinn am BIP innerhalb 2030 auf zumindest 20 Prozent zu bringen (in Südtirol lag dieser im Jahr 2019 bei 17,1 Prozent) und den Anteil des verarbeitenden Gewerbes im weiteren Sinne, unter Einbeziehung des Bauwesens, auf mindestens 25 Prozent (in Südtirol lag dieser 2019 bei 22,9 Prozent). Längerfristig setze man auf das ehrgeizigere Ziel, das in der Strategie der Industriepolitik Deutschlands 2030 vorgegeben ist, und zwar das Gewicht der Industrie im engen Sinne auf einen Anteil am BIP von 25 Prozent zu bringen.

Die Industrie als Motor des ökologischen Wandels

Für den zweifachen Wandel – ökologisch und digital – könne man nicht auf technologischen Fortschritt verzichten. Die Südtiroler Industrie ist für mehr als 70 Prozent der Investitionen in Forschung und Entwicklung verantwortlich: Als besonders stark innovationsorientierter Sektor wird sie in erster Linie auf dem Weg hin zu einer immer nachhaltigeren Wirtschaft stehen, dabei hohe Qualitäts- und Umweltstandards sowie Energieeffizienz garantieren und diese weiter verbessern. Die Investition in Technologie müsse mit Investitionen in Menschen und deren Kompetenzen einhergehen.

Prioritäre Maßnahmen, um diesen Wandel konkret mitzugestalten, seien die gezielte Unterstützung strategischer Investitionen, die Innovation, die Förderung von Digitalisierung und Bildung durch die bestmögliche Verwendung der Mittel europäischer Fonds sowie des PNRR, die Förderung privater und öffentlicher Investitionen in Energieeffizienz sowie Maßnahmen zur Umstellung und Diversifizierung der Produktion in strategischen Sektoren im Zeichen von Industrie 4.0.

Die Industrie als Garant für hochwertige Arbeitsplätze

„Auch dank der über die Zeit konsolidierten Gewerkschaftsbeziehungen bieten die Industrieunternehmen sichere und hochwertige Arbeitsplätze“, hieß es weiter auf der Pressekonferenz. In diesem Sektor sind 90 Prozent der Arbeitsverträge unbefristet. In diesen Unternehmen befindet sich der Großteil der hochqualifizierten, innovativen und international ausgerichteten Arbeitsplätze. Daher werde ihr Beitrag zu einer immer größeren sozialen Nachhaltigkeit der Arbeit entscheidend sein.

Arbeits- und Organisationsmodelle, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern sowie die Beschäftigung von Gruppen wie Frauen, Jugendliche und neue Mitbürger, die noch nicht ausreichend in den Arbeitsmarkt integriert sind – dies sind die Ziele, auf die sich die Sozialpartner in den kommenden Jahren konzentrieren werden.

Von den politischen Institutionen fordere man konkrete Maßnahmen, um Mitarbeitern durch die Reduzierung der Steuerlast auf Arbeit höhere Nettolöhne zu garantieren. Zugleich unterstützen wir Vertragsverhandlungen auf Betriebsebene, die viele Unternehmen bereits eingeführt haben, damit Lohnerhöhungen insbesondere in Form von Produktivitätsprämien und zusätzlichen Welfare-Leistungen zugunsten der Mitarbeiter ermöglicht werden.

Die Wertschätzung der Mitarbeiter erfolge auch durch eine kontinuierliche berufsbegleitende Weiterbildung. Der spartenübergreifende Ausbildungsfonds Fondimpresa sei für den Industriesektor ein Vorzeigebeispiel, wie die Zusammenarbeit zwischen den Vertretern der Unternehmen und der Arbeitnehmer in entscheidender Art und Weise zum professionellen Wachstum und der Vermittlung neuer Kompetenzen beitragen kann. Seine Verwendung durch die Betriebe des Sektors soll weiter gestärkt werden.

„Wir unterstützen Maßnahmen durch die IDM zur Förderung der Qualität unserer Produkte und Südtirols als ‚Best place to work‘, auch und insbesondere, im Produktionssektor mit dem vorrangigen Ziel, die besten Talente hier zu behalten und neue anzuziehen“, hieß es auf der Pressekonferenz weiter.

Die Sozialpartner setzen sich außerdem dafür ein, öffentliche und private Auftraggeber dafür zu sensibilisieren, dass diese Qualität der Arbeit auch bei Ausschreibungen berücksichtigt wird, mit dem Ziel, auch in anderen Sektoren bessere und stabilere Arbeitsverträge zu garantieren. Auch die Reduzierung von Arbeitsunfällen wurde angesprochen.

Die Industrie eingebettet in einem Land, offen für Innovation und digitale Kultur

Die Zeiten, in denen wir leben, seien von immer schnelleren Veränderungen geprägt. Die Unternehmen und die Gesellschaft im Allgemeinen müssten umgehend auf die neuen Herausforderungen reagieren und bräuchten schnelle Antworten von Seiten der öffentlichen Verwaltung. Eine verstärkte Investition in eine digitale Kultur sei notwendig – insbesondere im Bereich der Schule – gemeinsam mit einer Reorganisation und Effizienzsteigerung der Verwaltungsabläufe.

Die Industrie und eine zukunftsorientierte Raum- und Landschaftsplanung

Mit Grund und Boden müsse sparsam, intelligent und ohne Verschwendung umgegangen werden. Zugleich müsse auch soziale Nachhaltigkeit garantiert werden. „Die Industrie, die bereits weniger Fläche als andere Sektoren braucht, will weiterhin ihren Beitrag leisten und noch besser werden. Die verarbeitenden Unternehmen leisten unter allen Wirtschaftssektoren den höchsten Beitrag zum BIP und zur Finanzierung öffentlicher Dienstleistungen. Das verarbeitende Gewerbe sichert nicht nur in den Ballungsräumen, sondern auch im ländlichen Raum, die höchste Anzahl an Arbeitsplätzen. Dennoch besetzen die Gewerbezonen einen extrem kleinen Teil unseres Landes (weniger als 0,5 Prozent der Gesamtfläche). Die Instrumente der urbanistischen Planung auf Gemeinde- und Landesebene (Risikoplan, Gemeindeakustikplan, Entwicklungspläne etc.) werden immer mehr zu strategischen Programmen auch auf wirtschaftspolitischer und sozialer Ebene. Aus diesem Grund müssen auch die Bedürfnisse des Produktionssektors berücksichtigt werden“, hieß es auf der Pressekonferenz.

Gefordert werden etwa die zehnjährige GIS-Befreiung für die Wiedergewinnung zu Produktionszwecken von leerstehenden Hallen und Befreiung von der Baukostenabgabe für unterirdisches Bauen. Dies habe einen doppelten Vorteil: Einerseits werde ein Anreiz für Investitionen geboten, andererseits werde kein weiterer Boden verbraucht.

Gewerbezonen sollten zudem mit Infrastrukturen ausgestattet werden, die sie wettbewerbsfähiger machen, insbesondere im Bereich Daten- und Energienetze.

Die Gewerbezonen sollten vorrangig der produktiven Bestimmung vorbehalten bleiben. Zuverlässige Antworten in kurzen Zeiten auf Erweiterungs- und/oder Ansiedelungsverfahren, um private, zukunftsorientierte Investitionen, die Mehrwert und Beschäftigung schaffen, sollten nicht einbremst werden. Damit soll auch die Rückkehr von Unternehmen, die in den vergangenen Jahren ihre Produktion ins Ausland oder in andere Regionen verlegt haben, begünstigt werden. Als letztes Ziel wurde das leistbare Wohnen genannt.

Von: mk

Bezirk: Bozen

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