"Es ist nicht alles Gold, was glänzt"

Südtirols Raumordnung im Vergleich

Donnerstag, 09. April 2015 | 13:11 Uhr

Brixen – Die Vereinigung Südtiroler Freiberufler (VSF) hat Ende März in Brixen die Fachtagung „ZukunftsRaum Südtirol – Impulse für eine neue Urbanistik“ organisiert. Über hundert Fachleute und Interessierte haben daran teilgenommen. Fachexperten aus Schweiz, Tirol, Vorarlberg und Bayern schilderten ihre Raumordnungs-Realitäten. Entstanden sind überaus interessante Gegenüberstellungen. Die VSF wird nun anhand der Auswertungen Gestaltungsgrundsätze für eine zeitgemäße Südtiroler Raumordnung erarbeiten. Das Ergebnis soll Landesrat Theiner sowie Landeshauptmann Kompatscher überreicht werden.

Die Vereinigung Südtiroler Freiberufler (VSF) möchte für die Neugestaltung des Urbanistik-Gesetzestext Anregungen geben und miteinbezogen werden. Zu diesem Zweck wurde die Veranstaltungsinitiative „ZukunftsRaum Südtirol“ gestartet. Fachexperten gaben Einblicke in ihre jeweilige Landschafts- und Raumplanung; darunter: Prof. Andreas Schneider aus der Hochschule für Technik Rapperswil in der Schweiz, Dipl. Ing. Georg Rauch Freiberufler aus Schlins/Vorarlberg (A), Dr. Arch. Martin Mutschlechner, Architekt und Stadtplaner aus Innsbruck/Tirol (A) und Dipl. Ing. Univ. Jakob Oberpriller Mitglied der Vertreterversammlung der Bayerischen Architektenkammer, Hörmannsdorf/Bayern (D).

Arch. Frank Weber, Amtsdirektor der Provinz Bozen für Ortsplanung Süd-West, Landesabteilung Natur, Landschaft und Raumentwicklung, stellte Südtirols Urbanistik im Vergleich gegenüber. Anwesend war ebenfalls Landesrat für Raumordnung Richard Theiner. Er zeigte sich sehr offen und interessiert.

Einen Einblick in die Raumordnung der Schweiz gab Andreas Schneider, Professor an der Hochschule für Technik Rapperswil. Schneider wies auf eine Gemeinsamkeit zwischen der Schweiz und Südtirol hin. Beide Gebiete sind geprägt durch verschiedene Kulturen, die aufeinandertreffen, auch was die Raumordnung und somit die Art zu planen und zu bauen betrifft. Er betonte, dass es aufgrund dieser Begebenheiten an Kulturgrenzen – und somit auch für Südtirol – mitunter schwierig sein kann, allgemeine gesamtstaatliche Vorgaben zu übernehmen. In der Schweiz geht die Raumordnung von den einzelnen Kantonen aus.

In der Schweiz wurden letzthin klare und strengere Regelungen gegen die Zersiedelung eingeführt. Diese zu verhindern, ist ein bei den Schweizern verankerter Wert. Die entsprechende Initiative kam durch eine Volksabstimmung zustande, nachdem sich die Politik diesem Thema nicht ausreichend angenommen hatte. 

Ganz allgemein hielt Schneider fest, dass in der Schweiz Bauzonen auf der Grundlage des möglichen Bedarfes für die kommenden 15 Jahre ausgewiesen werden; diese ausgewiesene Fläche muss aber reduziert werden, sollte sich herausstellen, dass der effektive Bedarf geringer ist.

Die verhältnismäßig liberale Raumordnung des Bundeslandes Vorarlberg stellte Georg Rauch, mit Ingenieurbüro für Raumplanung und Raumordnung, vor. In seinem Vortrag ging er auf die notwendige Unterscheidung zwischen Hauptballungsgebieten und der Peripherie in abgelegenen Tälern ein. 

Martin Mutschlechner, Architekt und Stadtplaner in Innsbruck mit Wurzeln in Südtirol, hielt fest, dass in Tirol beim Thema Raumplanung auf einen strategischen Ansatz gesetzt wird, während in Südtirol das Thema stark von verwaltungstechnischer Seite angegangen wird. „Im österreichischen Nachbarland haben Planer in der Raumordnung spannende und umfangreiche Instrumente zur Hand, die es ihnen ermöglichen auch auf der Ebene der Raumplanung konkrete Entwicklungen vorzugeben.“ Mutschlechner sprach sich klar gegen jede Tendenz einer Nivellierung und das Setzen von Standards aus. Sein Rat an Südtirols „neues“ Raumordnungsgesetz: Lieber Bestehendes weiterentwickeln, als einen vollständigen Bruch und Neustart wagen. 

Restriktiver als erwartet zeigt sich die Situation in Bayern. Jakob Oberpriller, Architekt, Stadtplaner und Regierungsbaumeister aus Hörmannsdorf, stellte die sehr ins Detail geregelten bayerischen Raumordnungspläne vor. Diese hätten Vor- und Nachteile: In der Phase der Umsetzung des einzelnen Projektes sei der Handlungsspielraum zwar beschränkt durch die genaue Regelung aber ein Projekt kann unter Eigenverantwortung des Planers umgesetzt werden, ohne dass eine Kommission dies vorab überprüfen muss. Die genaue Reglementierung habe zur Folge, dass sich Gebäude in Wohnsiedlungen sehr stark ähneln.

Arch. Frank Weber, der Amtsdirektor für Ortsplanung der Landesabteilung Natur, Landschaft und Raumentwicklung der Provinz Bozen, begann seine prägnanten Ausführungen philosophisch, mit einem Zitat des deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck: "Die Freiheit des Erwachsenen heißt Verantwortung". Auf die neue Raumordnung bezogen bedeute dies: Der Gesetzgeber solle mehr Freiheit zulassen, die Bauherren und Planer sollten diese Freiräume mit Verantwortung nutzen. Er legte sodann die Grundzüge dar, innerhalb welcher sich nach seiner Vorstellung die Raumordnung in Südtirol weiter entwickeln könnte; wichtig sei es aus seiner Sicht, dass sich die Verwaltung mehr mit der Planung und Gestaltung des öffentlichen Raums und öffentlicher Vorhaben beschäftige und weniger mit Detailvorschriften für privates Bauen. Schließlich griff er die Aussagen der Vorredner zur Raumordnung in Südtirol auf und zeigte anhand mehrerer Beispiele die Vorzüge und die Grenzen der bestehenden Regelungen auf.

„Es gilt hervorzuheben, dass jeder der Vortragenden in seinem Referat zur bestehenden Raum- und Landschaftsordnungen in Südtirol unterschiedliche einzelne Aspekte hervorgehoben hat, welche sich als sehr positiv darstellen. Gleichzeitig gingen die Vortragenden mit Teilaspekten „ihrer“ Raumordnung sehr kritisch ins Gericht. Auch dem Zuhörer wurde während der Vorträge klar, dass bei den Nachbarn nicht ‚alles Gold ist, was glänzt’“, so der VSF.

„Es ging uns darum“, erklärt Dr. Peter Gliera, Präsident der VSF, „über den Tellerrand hinauszuschauen und von den „best practice“-Erfahrungen unserer Nachbarn zu lernen. Ziel ist es nun, allgemeine Grundsätze zu erarbeiten, um der Landespolitik Impulse für eine zeitgemäße Raumordnung zu liefern, noch bevor an der Neugestaltung des Urbanistikgesetzes für Südtirol gearbeitet wird.“ Die ausgearbeiteten Lösungsansätze werden von der VSF demnächst an die zuständigen Vertreter der Landesregierung übergeben.

Von: ©lu

Bezirk: Bozen