Den Tankstellen geht der Kraftstoff aus

Tausende britische Tankstellen ohne Benzin

Montag, 27. September 2021 | 18:55 Uhr

Mehrere Unternehmen aus der Ölbranche haben die Autofahrer in Großbritannien zur Zurückhaltung an der Zapfsäule aufgefordert. “Wir rufen alle dazu auf, Kraftstoff so zu kaufen, wie sie es normalerweise machen würden”, hieß es in einer gemeinsamen Mitteilung von BP, Esso, Shell und anderen Unternehmen am Montag. Es gebe genug Kraftstoff, und man arbeite mit der Regierung daran, dass er an Tankstellen im ganzen Land verfügbar sei, versicherten sie.

Weil Zehntausende Lastwagenfahrer fehlen, sind mittlerweile bis zu 90 Prozent der Tankstellen ohne Sprit. Ärzte schlagen bereits Alarm, sie könnten ohne Sprit bald nicht mehr zur Arbeit kommen. Zeitlich befristete Visa für Fernfahrer und andere Ausnahmen sollen nun Abhilfe schaffen, notfalls könnte sogar das Militär einspringen. Doch auf die Schnelle bringt das alles wenig.

Nach Einschätzung der Energieunternehmen wird der Druck auf die Tankstellen in den kommenden Tagen jedoch nachlassen, weil bereits viele Autos mit mehr Kraftstoff als üblich versorgt sind.

Seit Tagen kommt es an britischen Tankstellen zu Panikkäufen und langen Schlangen. Hintergrund ist ein gewaltiger Mangel an Lastwagenfahrern, die eigentlich den Kraftstoff von A nach B bringen müssten. Wegen der Coronapandemie wurden etliche Fahrstunden und -prüfungen verschoben. Zudem wanderten wegen des Brexits etwa 20.000 vor allem osteuropäische Fachkräfte ab – neue strenge Einwanderungsregeln nach dem Brexit hemmen nun aber den Zuzug.

So sehr drückt die Krise den Briten aufs Gemüt, dass in Deutschland sogar Olaf Scholz am Montag von britischen Journalisten in Berlin dazu befragt wurde. Auch der SPD-Kanzlerkandidat sieht einen Zusammenhang zum Brexit. “Wir haben sehr hart daran gearbeitet, die Briten davon zu überzeugen, die Union nicht zu verlassen. Am Ende haben sie sich anders entschieden”, sagte Scholz auf die Frage, ob Deutschland mit Lastwagenfahrern aushelfen könne.

Nach langem und erbitterten Widerstand ließ sich die britische Regierung am Wochenende darauf ein, bis zu 5.000 Visa für ausländische Fahrer bereitzustellen. Boris Johnson “hat genug von den schlechten Schlagzeilen und will das geregelt haben”, zitierte die “Financial Times” einen Insider kurz vor der Ankündigung. Allerdings sind die Visa zeitlich klar auf die Monate bis Weihnachten befristet. Daher ist nun die große Frage: Kommt überhaupt jemand?

Da auch in etlichen europäischen Ländern, darunter Deutschland, ein Mangel an Fahrern besteht, müssen britische Firmen viel bieten, um überhaupt eine attraktiver Arbeitgeber für wenige Monate zu sein. Ein Vertreter der Federation of Dutch Trade Unions, die Lastwagenfahrer aus ganz Europa vertritt, sagte der BBC am Montag: “Die Arbeitskräfte aus der EU, mit denen wir sprechen, werden nicht für kurzfristige Visa zurückkehren, um Großbritannien aus dem Mist zu helfen, den sie selbst gebaut haben.”

Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng will über die Visa hinaus Wettbewerbsregeln außer Kraft setzen, damit die Branche gemeinsam gegen die Engpässe vorgehen kann und eine Grundversorgung an Benzin und Diesel organisieren kann. Das könnte zumindest den akuten Notstand an der Zapfsäule beheben, ist aber auch keine Lösung für andere Branchen. Dabei sind es fast alle, die dringend auf die Lkw-Fahrer angewiesen sind: Supermärkte können ohne sie ihre Regale nicht füllen, Spielzeug-Hersteller fürchten um das Weihnachtsgeschäft und einigen Pub-Ketten geht das Bier aus. “Alles, was wir in Großbritannien haben, kommt auf der Ladefläche eines Lkws zu uns”, betonte Rod McKenzie von der Road Haulage Association.

Dass Soldaten die Tanklaster bald durch britische Straßen steuern könnten, wird im Londoner Regierungsviertel zwar diskutiert, aber bisher noch nicht umgesetzt. Das Militär sei auch “kein Allheilmittel”, sagte Brian Madderson von der Petrol Retailers Association in einem BBC-Interview. Es gehe nicht nur darum, die Tanklaster zu fahren, sondern auch zu befüllen – und dies sei keine einfache Aufgabe, sondern eine Tätigkeit, die man lernen müsse.

Nach Angaben des Branchenverbands Petrol Retailers Association, der rund 5.500 unabhängige Tankstellen vertritt, haben derzeit zwei Drittel der Mitglieder keinen Kraftstoff mehr. Die Nachfrage habe am Wochenende um bis zu 500 Prozent höher gelegen, sagte Verbandschef Madderson. 50 bis 90 Prozent der Tankstellen seien leer, die anderen drohten bald auszutrocknen.

“Von der Logistik zum Gastgewerbe, von Kultur zum Bausektor fürchte ich, kann man nun sehen, wie die Regierung erntet, was sie mit einem harten Brexit gesät hat”, sagte der Londoner Bürgermeister, Sadiq Khan von der Labour-Partei, am Montag in Brighton. “Man kann nicht fünf Jahre lang über die EU und EU-Bürger herziehen und dann erwarten, dass sie zurückkommen und uns aushelfen.”

Die konservative Regierung in London betonte zu Wochenbeginn erneut, es gebe keinen Mangel an Kraftstoff. Alle Bürger müssten nur damit aufhören, Panikkäufe zu machen und wieder nur so viel tanken, wie sie bräuchten. Dann werde sich die Lage wieder beruhigen, hieß es aus der Downing Street.

Von: APA/dpa/Reuters

Kommentare

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38 Kommentare auf "Tausende britische Tankstellen ohne Benzin"


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Doolin
Doolin
Universalgelehrter
21 Tage 8 h

…wer Brexit wollte, steht das lächelnd durch…
😊

ischJOwurscht
ischJOwurscht
Universalgelehrter
21 Tage 4 h

Doolin@

… und die aderen die das nicht wollten, müssen zu deren Glück einfach gezwungen werden,nicht wahr?

AwiaSenfDrau
AwiaSenfDrau
Grünschnabel
21 Tage 27 Min

verhält sich ähnlich mit dem GreenPass/Impfung oder?

So ist das
20 Tage 19 h

Da haben einige wohl nicht die Nachteile bedacht 🤔😳

Gredner
Gredner
Universalgelehrter
18 Tage 6 h

@AwiaSenfDrau es ist mir nicht bekannt, dass sich 80% der Briten für den Brexit ausgesprochen hatten und auch nicht dass die Märchen der Vorteile des Brexits eingetroffen sind.

AwiaSenfDrau
AwiaSenfDrau
Grünschnabel
16 Tage 23 h

@Gredner dann ist ja gut, dass es nicht bekannt ist.. man kann ja nicht alles wissen

diskret
diskret
Grünschnabel
21 Tage 6 h

Recht geschied es ihnen , hoffe es kommt noch schlechter alles
Die wollten den brexit
Die werden bald wieder in die EU zurück kommen .

ischJOwurscht
ischJOwurscht
Universalgelehrter
21 Tage 2 h

Diskret

wie kann man nur so schadenfroh sein????

Ps. die kommen nicht zurueck, zumindest nicht so schnell!

AwiaSenfDrau
AwiaSenfDrau
Grünschnabel
21 Tage 25 Min

sog Der, der lauthals gegen das gesundheitliche Wohl der Gemeinschaft ist

Frank
Frank
Superredner
20 Tage 23 h

@diskret Ich glaube, die Regeln der EU lassen das nicht zu. Wer einmal raus ist, kommt so schnell nicht wieder rein.

king76
king76
Tratscher
20 Tage 20 h

In ein paar jahren lachen sie uns aus …..

Gredner
Gredner
Universalgelehrter
18 Tage 6 h

@Frank es gab nie Regeln für einen Austritt aus der EU (das musste erst alles ausgehandelt werden) und schon gar keine für einen Wiedereintritt. Was faselst du da?

wellen
wellen
Universalgelehrter
21 Tage 5 h

Jeder der den Austritt aus der EU propagiert, siehe Lega Salvini, sieht jetzt, wohin das führt

Dagobert
Dagobert
Kinig
21 Tage 4 h

Hon kert, dor Nigel Farel mocht grod in Lkw Führerschein 😂😂

Entrjoechar
Entrjoechar
Neuling
21 Tage 3 h

Nigel Farrell R.I.P
Nigel Farage = Brexitteam, obr in aso oan kannsch nia an C- Führerschein gebn

Dagobert
Dagobert
Kinig
21 Tage 2 h

@Entrjoechar

Sorry, hon ihn im “Eifer des Gefechts” verwechselt 🥺

sophie
sophie
Universalgelehrter
21 Tage 3 h

Jo Boris, wos tian mor iaz??? Wor do Brexit eppar net gonz guat ?????🤔🤔🤔

einervonvielen
einervonvielen
Universalgelehrter
21 Tage 5 h

Wo sind denn jetzt die Pro-Brexit-Schreier alle?

NaSellSchunSell
NaSellSchunSell
Grünschnabel
21 Tage 4 h

Es lebe der Brexit

Johannes
Johannes
Tratscher
21 Tage 2 h

Und das ist erst der Anfang! Aber die Briten wollten den Brexit nun haben sie den Salat. Ein bereits marodes Land steht nun vor dem Kollaps! Naja, Mittleid hab ich keines, denn jeder weiß, ohne dem wirtschaftlichen Zusammenschluss der europäischen Länder gibt es kein Wachstum und keinen Wohlstand!

gschaidian
gschaidian
Superredner
20 Tage 22 h

Die Briten haben immer noch mehr profitiert vom Brexit als Nachteile bekommen. Wartet nur was noch alles auf uns zukommt bezüglich Geldentwertung und Rohstoffknappheit. Hat ja schon angefangen. Die Briten als Staat können wenigstens autonom entscheiden wenn’s ganz dicke kommt. Wir nicht.

Spiegel
Spiegel
Universalgelehrter
20 Tage 18 h

Da stimme ich ihnen zu. Ich sehe eher Europa in die Krise rücken.

marher
marher
Universalgelehrter
21 Tage 3 h

Sie haben den Brexit gewollt. Und nun was tun. Glaube kaum dass sie noch von der EU gross unterstützt werden. Also gilt es das Problam selber zu lösen.

Kingu
Kingu
Tratscher
21 Tage 2 h

Großbritannien stehen circa 30.000 Teilzeit Soldaten zur Verfügung und ein Berufsheer mit mehr als 70.000 Soldaten, wenn man bedenkt, dass mindestens 15 % Pioniere sind, dann könnten diese ohne Problem einmal in der Zwischenzeit Versorgungslücken schließen.

Spiegel
Spiegel
Universalgelehrter
20 Tage 18 h

würde in Italien nie funktionieren.

peterle
peterle
Universalgelehrter
21 Tage 2 h

Den Euro als Währung wollten Sie genauso wenig. Mal schauen wann die nächsten Wahlen sind um die grossen EU Verweigerer entgültig zu verschicken.

Frank
Frank
Superredner
20 Tage 23 h

Man fragt sich natürlich schon, was die “großzügige” Korrektur bewirken soll. 100.000 LKW Fahrer sollen fehlen, 5.000 Visa sollen es richten? Hat da Jemand eine Zahlenschwäche?
Zudem auch bis 24.12.21 befristet. Welcher Trucker läßt denn da seinen gerade auf dem Festland ergatterten Arbeitsvertrag sausen, um dann am 25.12. wieder ohne Arbeit dazustehen?
Irgendwie wenig durchdacht. Wie der ganze Brexit.

Andreas1234567
Andreas1234567
Universalgelehrter
20 Tage 19 h
Hallo aus D, das dürfte die allerallerletzte Warnung an Westeuropa sein was geschieht wenn heute auf morgen alle Osteuropäer das Arbeiten in Westeuropa einstellen. Es werden keine Arbeitslosen die Feldfrüchte klauben, das wird vergammeln. Die privat angeschafften Pflegekräfte wird niemand ersetzen, dann eben offizielle Pflege (teuer) und das Erbe ist weg. Oder einen “Suspendierten”? Und wenn in Westeuropa die LKW-Kutscher fehlen schaut es in ganz Europa so aus. Angesichts dessen bin ich erstaunt mit welcher Arroganz aus Westeuropa heraus den Osteuropäern erklärt wird wie sie richtig zu wählen/denken haben und was es zu tolerieren gilt. Ich warte auf den Tag… Weiterlesen »
herta
herta
Tratscher
20 Tage 18 h

das große Königreich wollte aus der EU raus jetzt sollen sie schauen wie selber aus dem
Schlamassel zurechtkommen

Babba
Babba
Grünschnabel
20 Tage 20 h

Vielleicht führt der ganze Schlamassel mal zu einer Aufwertung der Lkw Fahrer im Allgemeinen – wäre höchst an der Zeit! Bei den niedrigen Löhnen, teuren Führerscheinen, zum Teil miserablen Arbeitsbedingungen und der großen Verantwortung ist es kein Wunder, daß den Job keiner machen will. Die Lage ist bei uns auch nicht rosig… abwarten was in ein paar Jahren passiert, wenn die unsrigen alle in Pension gehen…

Faktenchecker
20 Tage 21 h

Das ist erst der Anfang:

“”No Deal – Die Hoffnungen auf einen Handelspakt mit Biden sind verpufft”, titelt der “Guardian” heute. ”

“Bürokratie, Wartezeiten, Staus – Transporte nach Großbritannien sind schwieriger geworden. ”

“Die Daten des Statistischen Bundesamts spiegeln die schlechte
Entwicklung wider: So könnte Großbritannien in diesem Jahr erstmals seit
1950 aus den Top Ten der wichtigsten deutschen Handelspartner rutschen.

“Experten haben die konkreten Brexit-Kosten für britische
Verbraucher und Firmen errechnet. Allein im ersten Halbjahr mussten sie
für importierte Waren aus der EU umgerechnet 2,6 Milliarden Euro an
Zollgebühren zahlen.”

https://www.tagesschau.de/thema/brexit/

Unioner
Unioner
Grünschnabel
20 Tage 18 h

Das Problem könnte doch sinnvoll von der Army gelöst werden. Einfach nur den Befehl an die Soldaten ausgeben und schon hat man hochmotivierte stolze LKW Fahrer die nichts kosten weil sie eh da sind. Ironie Ende.

xXx
xXx
Universalgelehrter
20 Tage 16 h

An alle Schadenfrohen Schreiberlinge hier, es waren gerade mal 51% für den Brexit , oder anders gesagt 32 Millionen Briten wollten bei der EU bleiben.
Besser als darüber zu Lachen, solltet ihr euch die Konsequenzen von diesen Populistischen Machtspielchien ganz fett hinter die Ohren schreiben, denn auch in unserem Land gibt es starke anti Europäische Strömungen.

Neumi
Neumi
Kinig
20 Tage 6 h

Der Selbstläufereffekt ist nicht zu verachten.
Es geht das Gerücht um, dass Benzin knapp wird und alle hetzen zu den Tankstellen (6 mal so viel Nachfrage wie normal). Als Folge wird das Benzin knapp.

Gredner
Gredner
Universalgelehrter
18 Tage 5 h

@Neumi genau, das ist wie mit der Klopapierknappheit in Deutschland während dem Lockdown. Klopapier war immer genug da, nur hatten die Hamster die Regale leergeräumt.

Zugspitze947
19 Tage 20 h

Da sieht man wie dumm der Brexit und sein Premier Johnson ist…….👌😢❤ er fährt sein Land an die Wand 😡😢👌.

Gredner
Gredner
Universalgelehrter
18 Tage 5 h

Es gibt da in der Wirtschaftswissenschaft so eine Lehre, die besagt, dass man bei einem maroden Betrieb einen Direktor einsetzt, der von Tuten und Blasen nichts versteht und den Karren so richtig an die Wand fährt. Danach kann man den Scherbenhaufen wegkehren und so richtig von Null aus neu anfangen. Das ist schneller und sauberer als flickenteppichartig da und dort wenig wirkungsvolle Massnahmen zu ergreifen.

topgun
topgun
Tratscher
15 Tage 19 h

…..

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