Spätestens bis 2050 sollen Autos in Tirol fossilfrei betrieben werden

Tirol offenbar mit “Startvorteil” bei E-Mobilität

Sonntag, 23. Januar 2022 | 05:05 Uhr

Mit rund 40 Prozent Anteil am Gesamt-CO2-Ausstoß fällt der Verkehr in der Tiroler Klimabilanz schwer ins Gewicht. Das Land setzt nun unter anderem auf E-Mobilität. 330.000 Euro sollen bis 2024 in die Initiative “So fährt Tirol 2050” fließen. Spätestens 2050 soll der gesamte Verkehr elektrifiziert sein, verwies Umweltlandesrätin LHStv. Ingrid Felipe (Grüne) auf das ehrgeizige Ziel. Dabei habe Tirol einen Startvorteil, so ÖVP-Energielandesrat Josef Geisler: die Wasserkraft.

Der Tiroler Maßnahmenplan E-Mobilität 2022 bis 2024 ist der Tiroler Nachhaltigkeits- und Klimastrategie (Tirol 2050) zuzuordnen. Das Land orientiert sich an Bundes- und EU-Vorgaben. Österreich habe es sich zum Ziel gesetzt, bis spätestens 2040 klimaneutral zu sein, betonten die beiden Landesräte in getrennten Interviews mit der APA – Austria Presse Agentur. Dazu wurde ein Mobilitätsmasterplan 2030 für den Verkehrsbereich erarbeitet. Das Klimaschutzpaket der Europäischen Union “Fit for 55” legt damit ein konkretes Umstiegsdatum auf emissionsfreie Mobilität vor. So soll im Verkehr der Umstieg auf emissionsfreie Pkw bei Neufahrzeugen bis 2035 abgeschlossen sein und das Steuerprivileg auf Kerosin fallen.

Hier stelle sich die Frage “Was brauchen wir in Tirol zusätzlich?”, erklärte Umwelt- und Mobilitätslandesrätin Felipe gegenüber der APA. Anstatt auf “Überförderung” habe man durch die Schaffung der “So fährt Tirol 2050”-Plattform etwa den Austausch zwischen Mobilitätswendern erleichtert. “E-Mobilität ist ein Markt”, stellte Felipe klar, Unternehmer hätten Vernetzung anstelle einer “öffentlich geförderter Konkurrenzsituation” gewünscht. Dennoch werde man natürlich alles versuchen, um im Bereich der Dekarbonisierung “ordentlich Mittel abzuholen”, versicherte die grüne Landeshauptmannstellvertreterin.

Einige der Zielvorgaben, an denen sich Tirol orientiert, bezeichnete Felipe als “sehr sportliche Ambitionen”, etwa die Clean Vehicle Directive (CVD) der EU, die besagt, dass bei Ausschreibungen durch öffentliche Auftraggeber seit 2. August des vergangenen Jahres mindestens 45 Prozent der Busse “saubere Straßenfahrzeuge” und davon die Hälfte emissionsfrei sein müssen. “Die Serienreife von solchen Fahrzeugen ist noch nicht in einem wirtschaftlichen Ausmaß gegeben”, gab Felipe zu bedenken.

Aktuell versuche man im Rahmen des Tiroler Verkehrsverbundes “dort umzustellen, wo es leichter geht”. Im städtischen Bereich etwa, wo die Innsbrucker Verkehrsbetriebe in Sachen Dekarbonisierungsstrategie “schon sehr gut unterwegs” seien. Oder beim “On-Demand-Verkehr”, kleinen Neun-Sitzern. In ländlichen Gegenden und etwa bei Skibussen, die in großer Höhe bei eisigen Temperaturen funktionieren müssen, gestalte sich der Umstieg auf E-Antrieb als schwieriger.

Ein Elektromotor überzeugt mit seinem hohen Wirkungsgrad: Während beim E-Auto 78 Prozent der eingesetzten Energie am Reifen ankommen, sind es beim Verbrenner nur 33 Prozent. Mit der Energiemenge von einem Liter Diesel kommt ein E-Auto zweieinhalb Mal so weit wie ein vergleichbarer Diesel-Pkw. Elektroautos mit großen Lithium-basierten Akkus starten allerdings mit einem CO2-Rucksack aus der Akkuherstellung ins Autoleben. Während die Produktion eines Verbrenners unter zehn Tonnen CO2-Emission verursacht, sind es bei einem E-Auto – je nach Energiequelle bei der Akkuproduktion – bis zu 22 Tonnen. Der CO2-Nachteil aus der Produktion wird über die Nutzungszeit wettgemacht.

Und: ein E-Auto wird erst dann “richtig grün”, wenn Elektrizität aus erneuerbaren Energien genützt wird. Damit ist das Thema E-Mobilität eng mit der Energieautonomie verbunden, der sich die schwarz-grüne Tiroler Landesregierung bis 2050 verschrieben hat. 35 Prozent der in Tirol verbrauchten Energie entfielen derzeit auf den Bereich Mobilität, sagte Energielandesrat LHStv. Geisler. Bis 2050 sollen in Tirol nicht nur Mobilität, sondern auch Heizen und Prozessenergie im Gewerbe fossilfrei sein. In Tirol sei man auf einem guten Weg. In Kooperation mit der Universität Innsbruck und der Fachhochschule MCI habe man “maßgeschneiderte” Berechnungen angestellt, wie die Energiewende in Tirol gestemmt werden kann. “Natürlich unter der Prämisse der Energieeinsparung”, fügte Geisler hinzu. Vor allem im Gebäudebereich könne man dadurch den Energieverbrauch drastisch senken.

“Tirol hat einen riesigen Standortvorteil”, unterstrich der Energielandesrat. Vor 20, 30 Jahren hätten Kritiker noch gemeint, Wasserkraft sei “von gestern”, erinnerte sich der ÖVP-Politiker und meinte: “Zum Glück haben wir den ‘konservativen’ Weg beibehalten.” Nun mache sich das bezahlt, das Bundesland sei für die Eigenversorgung gut aufgestellt. Wesentlich seien die großen Pumpspeicherkraftwerke, die eine saisonale Speicherung ermöglichten. Weitere Bauten sind geplant – etwa im Sellrain- und im Kaunertal. Zudem könnten die großen Tiroler Kraftwerke ohne Strom manuell hochgefahren werden – ein großer Vorteil in der aktuellen Blackout-Szenario-Diskussion, merkte Geisler an.

Im Gegensatz zum Energielandesrat, der Wasserkraft und Photovoltaik als “die zentralen Säulen” in puncto erneuerbare Energiequellen sah, betonte Umweltlandesrätin Felipe: “Es braucht einen Mix.” Sie sei nicht gegen Wasserkraft, man müsse aber – auch im Hinblick auf das Artensterben – “genau hinschauen”. Es gäbe Musterbeispiele, wie ein ganzheitlicher Blick unter Einbeziehung ökologischer Gesichtspunkte funktioniere, etwa das Kraftwerk in Kirchbichl (Bezirk Kufstein), das vor kurzem ausgebaut wurde. Felipe meinte auch, dass Windkraft in Tirol “mittelfristig ein Thema” sein werde, Geisler war gegenteiliger Meinung. Laut ihm werde Windkraft in Tirol immer eine “untergeordnete Rolle” spielen.

Der Energielandesrat betonte weiters, wie wichtig es sei, immer zwei Parameter im Auge zu behalten – “den Klimawandel einerseits, andererseits aber auch das wirtschaftliche Umfeld”. Durch die Energieautonomie würden Arbeitsplätze geschaffen. Es sei “der Tiroler Weg”, eigenständig und unabhängig zu agieren. Die größte Hürde im Bezug auf Elektromobilität sah Geisler darin, dass der Mensch sich umstellen müsse. “Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.” Es müsse also viel im Bereich Überzeugungsarbeit und Bewusstseinsbildung passieren. Zudem müsse die öffentliche Hand als gutes Beispiel vorangehen.

Im Jahr 2020 waren in Tirol zuletzt sieben Prozent aller neu zugelassenen Pkw in Tirol elektrisch betrieben, Tendenz steigend (2019 waren es 2,9 Prozent). In absoluten Zahlen: Im Jahr 2020 wurden 1.645 der 23.427 neu zugelassenen Pkw batterieelektrisch betrieben. In Summe waren in Tirol im Vorjahr 4.348 E-Fahrzeuge gemeldet. Zum Vergleich: 2010 waren in Tirol 14 elektrisch betriebene Fahrzeuge im Einsatz, selbst 2015 waren es nur 321. Im Bundesland gibt es aktuell 1.336 Ladepunkte.

Es brauche Geduld, Technologieoffenheit – aber vor allem grundsätzlich weniger Autos, war Felipe der Meinung: “Je weniger die individuelle Motorisierung steigt, desto besser.” Tirol soll zum “Öffi-Land” werden. E-Mobilität werde das Verkehrsproblem in Tirol nicht lösen – “es braucht noch viel größere Stellschrauben”, hielt die Landeshauptmannstellvertreterin fest, und nannte Kostenwahrheit auf der Straße, die Verlagerung des Transits auf die Schiene, die Abschaffung des Dieselprivilegs, eine höhere Brennermaut und keine zu große Begünstigung für die emissionsärmeren Fahrzeuge als konkrete Beispiele.

(Das Interview führte Maria Retter/APA)

Von: apa